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Zuletzt aktualisiert am: 22.02.10 |
A k t u e l l e s
Inhaltsverzeichnis: • Mitgliederwanderung im Herbst 2010 • Warum wandern wir ? Wie wandern wir ? Wohin wandern wir? Das Netzwerk Weitwandern - ein Forum zum Gedankenaustausch • Was bedeutet Weitwandern? Eine Einführung für diejenigen, die diese Leidenschaft noch nicht kennen • Wege ohne Ende - Wohin geht die "Wegemacherei"? • Grundsätze zur Markierung von Fernwanderwegen - Überlegungen aus der Sicht der Nutzer
Mitgliederwanderung im Herbst 2010
Liebe Vereinskameraden/Innen,
liebe Weitwanderfreunde/Innen,
unsere schon zur Tradition gewordene Mitgliederwanderung
soll in diesem Herbst im Emmenthal in der Schweiz stattfinden. Unser
Vereinskamerad Helmi und seine Frau Christine aus Muri haben eine bestimmt
schöne Route ausgesucht.
Hier ist der vorläufige Wanderplan:
Donnerstag, den 7.
Oktober 2010
Anreise; Eintreffen am späteren Vormittag in
Langenthal
Wanderung nach Dürrenroth, 698 m
Uebernachten im Hotel Bären
Freitag, den 8. Oktober 2010
Wanderung auf den Napf 1406 m (längere, anspruchsvolle Etappe)
Uebernachten im Berghotel Napf
Samstag, den 9. Oktober 2010
Wanderung nach Flühli, 1022 m
Uebernachten im Hotel & Kurhaus Flühli
Sonntag, den 10. Oktober 2010
Königstetappe, Wanderung aufs Brienzer Rothorn, 2349 m (längere,
anspruchsvolle Etappe)
Uebernachten im Berghotel Rothorn Kulm
Montag, den 11. Oktober
Heimreise, zuerst mit der historischen Dampfzahnradbahn
Die Anreise per Bahn soll unproblematisch sein, es fährt ein
deutscher ICE über Karlsruhe, Basel, Bern bis Olten, die Rückfahrt
erfolgt von Brienz über Interlaken, Bern. Eine Bahncard oder ein
frühzeitig zu buchendes Super-Spar-Ticket zu 39,00 € schonen den
Geldbeutel. Für die Autofahrer sorgt Helmi für Parkplätze in
Langenthal. Die Übernachtungspreise liegen zwischen 100,00 und
130,00 SFr je Doppelzimmer (1 SFr = 0,74004 € am 27.06.10). Notfalls
bieten die Hotels auch günstigere Unterkunft im "Matrazenlager" an.
Gute Infrastruktur ermöglicht auch eine Etappenänderung oder Abbruch
wg. Wetter oder Kondition.
Anmeldung erbeten bis zum 15.09.2010
an: Gerhard Wandel, Bahnhofstraße 9, D - 71034 Böblingen, Tel.:
(07031) 280029, eMail:
G.Wandel@t-online.de
Eine ausführlichere Ankündigung und Beschreibung der
Wanderung finden Sie in unserer Vereinszeitschrift Wege und Ziele,
Ausgabe 32 - August 2010.
Hier finden Sie ein Anmeldeformular,
das Sie per Post oder wiederum als eMail-Anhang an unseren 2.
Vorsitzenden, Gerhard Wandel, zurücksenden können. Auch telefonisch
ist Gerhard meistens abends zu erreichen.
Euch allen wünsche ich eine schöne Wanderzeit in diesem Sommer.
Herzliche Grüße von
Euerem Volkhard Quast
(Schriftführer)
Warum wandern wir? Wie wandern wir? Wohin wandern
wir?
Das Netzwerk Weitwandern - ein Forum zum Gedankenaustausch
Von Lutz Heidemann
Unsere Zeitschrift „Wege und Ziele“ - und parallel dazu unsere Internet-
Homepage
www.netzwerk.weitwandern.de - sind Orte zum Erfahrungs-
und Gedankenaustausch, vergleichbar mit einem Tisch, an dem man zum Gespräch
zusammensitzt. Leider können wir derartige Gespräche nur selten in Wirklichkeit
durchführen, unsere Mitgliederversammlungen sind solche Gelegenheiten. Aber auf
Di-stanz geführte Gespräche bieten die Chance, die Gedanken präziser formulieren
zu können. So wollen wir hier – und auch in den nächsten Heften – verschiedene
Menschen mit ihren verschiedenen Auffassungen und Erfahrungen - oder vielleicht
auch nur unterschiedlichen Wünsche - zu Wort kommen lassen.
Man könnte einwerfen, dass das, was ich hier ankündige, ja schon immer das
Geschäft vom „Netzwerk“ war, aber es gibt Facetten, die mir neu vorkommen. Auf
die Frage: Warum wir wandern – oder genauer, längere mehrtägige oder mehrwöchige
Wanderungen machen, wird die häufigste Antwort lauten: um Erfahrungen zu machen,
zu lernen. Bei den Pilgerwegen allerdings scheint ein starkes Motiv zu sein,
sich bei der Wanderung zu verändern und etwas über die eigene Person zu
ergründen. Viele andere Wanderungen dagegen werden aus einer eher allgemeinen
Neugier gemacht. Man möchte Neues und Ungewohntes kennen lernen, karge
Landschaften oder räumliche Grenzsituationen wie das
Hochgebirge. So etwas macht z. B. Norwegen als Wanderziel verheißungsvoll.
Und es gibt gleichermaßen Ursachen für das Gegenteil. Schöne, ja vielleicht
sogar „ideale“ Landschaften, ziehen uns an. Die Attraktivität der Toskana wäre
so zu erklären. Gleiches gälte für den Lykischen Pfad in der Westtürkei („The
Lycian Way“, vergl. „Wege und Ziele“ Heft 18/2005 und 24/2007), der die Wanderer
zu stillen Mittelmeerbuchten oder verwunschenen antiken Ruinenstädten führt. Wir
bekamen gerade einen Bericht - und drucken ihn ab -, der von so einer
Faszination erzählt, von blühenden Landschaften und dem Reichtum von
Weinbau-Orten im Rheingau.
Der Weinbau ist eine „Sonderkultur“, vergleichbar dem Obstbau im Alten Land bei
Hamburg. Wenn Menschen als Gruppe gut zusammenarbeiten, oft in der
Ausein-andersetzung mit schwierigen Umständen, steile Flussufer oder
Überschwemmungsgebiete sind Herausforderungen – und nicht durch Kriege oder
andere Begehrlichkeiten gestört werden, können schöne „menschengemachte“
Landschaften entstehen, die man auch als Fremder gerne ansehen möchte. Bei
derartigen Landschaften wandert man von Zuhause auf Wunsch-Ziele hin.
Nun beobachte ich mit Interesse
Beispiele vom Gegenteil: Wir haben z. B. im Verein von dem Wunsch einer Ärztin
gehört, die von Venedig - sonst ein magischer Zielort, oder einem anderen Gebiet
im Süden, - zu sich „nach Hause“ in die Gegend von Heidelberg wandern möchte.
Ähnlich wäre das Anliegen eines Ehepaares zu beurteilen, das lange in einer
Stadt in Süddeutschland gelebt hat und wieder in seine Heimat in Sachsen
zurückgezogen ist und diese „Heimkehr“ zu Fuß machen wollte. Es ist also ein
„Wandern zu sich selbst“, das Durchmessen eines Raumes, der (theoretisch) mit
jedem Tag vertrauter und nicht
fremder wird. Kommt das noch häufiger vor?
Ich habe in der
Selbstdarstellung vom „Netzwerk“ das Wandern auf einem markierten Fernwanderweg
als charakteristisch für das Weitwandern bezeichnet. Es ist zwar das
Nachvollziehen einer „vorgefertigten Idee“, aber auch mit dem Tun von
Hausmusikern zu vergleichen, die mit Genuss ein barockes Streichquartett spielen
und es nicht selbst komponiert haben. Ich stelle das noch einmal zur Diskussion.
Musikkultur besteht ja auch darin, dass man sich über Musik austauscht und sich
gegenseitig besonders reizvolle Stücke empfiehlt.
Es gibt
Stimmen, die das „… einfach Loswandern“ propagieren. Ulrich Grober, ein
bekannter Schriftsteller, beschreibt den Zuwachs an Selbstvertrauen, wenn man
sich in einer fremden Landschaft zurechtfindet. Das kann eine spezifische
Spielart des Weitwandern sein; manchmal ist das für Wanderer und Wanderinnen
auch eine unfreiwillige Herausforderung, nämlich immer dann, wenn die Markierung
ihren Dienst aufgibt. Auch über diese Form des Fortbewegens zu Fuß sollten wir
uns unterhalten.
Diese „autonome“ Haltung ist
verwandt mit dem Phänomen der „eigenen Wege“. Was unser Mitglied Günther Krämer
mit dem Projekt „Ulm - Czernowitz“ gemacht hat (Berichte u. a. in „Wege und
Ziele“, Heft 24/2007) und auf seiner Homepage
www.lustwandeln.net),
kann als eine Art „eigener Jakobsweg“ bezeichnet werden. Anfangs ist Günther
Krämer auf Europäischen Fernwanderwegen gegangen, dann hat er einen solchen „auf
eigene Faust“ verlängert. Andere haben durch seine ausführlichen Berichte daran
teilhaben können – und es kommt vielleicht zu Nachahmungen. Solchem „
Pionier-Handeln“ will das Netzwerk gerne eine Plattform sein. Andere Wanderer
sollen daran anteilnehmen können.
In dem Sinn
gibt es einen Internet-Blog über die Wanderung von Friedmar Erfurt und seiner
Frau von Konstanz nach Chemnitz und über eine Wanderung auf dem EB -
Freundschaftsweg von Eisenach nach Budapest von Katharina Wegelt.
Einzusehen in
www.blog.netzwerk-weitwandern.de
Seien Sie
neugierig und geben Sie Kommentare ab!
Stimme 1: Eine Außensicht auf
das „Netzwerk“
Prof. Dr. Brämer fragt:
In dem
Internet-Forum des Deutschen Wanderinstitutes e.V., einer privaten Initiative
von Prof. Brämer aus Marburg, findet man Forschungsergebnisse und interessante
(auszugsweise veröffentlichte) Quellentexte zum Wandern als Natur- und
Selbsterfahrung. Da behandelt er auch das Weitwandern und stellt eingangs die
(rhetorische) Behauptung auf:
„Einen Vorwurf könnte man
www.wander-forschung.de
zu Recht machen: Die Beiträge beschäftigen sich nahezu ausschließlich mit
Otto-Normalwanderer, seinen Gewohnheiten und Wünschen, seiner psychischen und
physischen Befindlichkeit oder auch mit Lust und Frust auf Deutschlands
Wanderwegen. Seine Touren nehmen in der Regel nicht mehr als ein paar Stunden,
selten wenige Tage in Anspruch, seine Motive sind weitgehend hedonistischer Art:
Schöne Landschaft, naturnahe Wege, Entspannen, Einkehren, Zusammensein mit
Freunden.“
Die richtigen Wanderer, die sich mit großem Gepäck abenteuernd durch ferner
Welten schlagen, echte Trekker also, kommen dagegen kaum zu Worte. Wer sie
treffen, etwas über ihre Art des Fußreisens erfahren will, der kann ihnen z. B.
in der Zeitschrift "Wege und Ziele" des Vereins "Netzwerk Weitwandern e.V."
begegnen. Dreimal im Jahr beschreiben sie in einem handgefertigten A5-Heft ihre
meist eigenwilligen Touren mit lebendigen Berichten, farbigen Bildern und
wertvollen Tipps für eventuelle Nachfolger. Im April 2009 ist bereits die 28.
Ausgabe an die Vereinsmitglieder verschickt worden.
Hauptinitiator des Vereins war über lange Jahre Lutz Heidemann, ein drahtiger,
freundlich-bescheidener Mann, dem man seine trotz Rentenalter ungebrochene
Unternehmungslust kaum ansieht. Er hat in jahrelang hartnäckigem Werben eine
Reihe gleichgesinnter, nicht weniger engagierter Männer und Frauen um sich
versammelt, welche Zeitschrift und Verein mittlerweile weiterführen und um eine
äußerst informative Website „www.netzwerk-weitwandern.de“ ergänzen. Sie erweist sich als wahre
Fundgrube von Toureninformationen aus mehr als drei Dutzend europäischen Ländern
mit Erfahrungsberichten, touristischen Hinweisen, Planungshilfen und Adressen,
eine einmalige Fleißarbeit und Informationsquelle für alle, die den
Vereinsmitgliedern nacheifern wollen.
Bei aller offenkundig werdenden
Lust am Durchstreifen fremder Regionen kommt in den oft bewundernswerten
Reiseberichten doch etwas auffällig zu kurz: Der Hang zum Naturgenuss, zur
romantischen Verklärung der Landschaft, ja zur Schwärmerei über das Erlebte, wie
er für Normalwanderer so typisch ist und die Autoren des „Wandermagazins“ zu
immer neuen, nicht selten überzogenen Höhenflügen veranlasst. Dahinter steht das
in unserem technisch-medial abisolierten Alltag immer dringender werdende
Bedürfnis, einmal wieder seiner Umwelt ganz nah zu sein, mit ihr emotional zu
verschmelzen, sich zugleich geborgen und angeregt zu fühlen in einer
abwechslungsreich-schönen Kulturlandschaft. Nicht wenige
Weitwanderberichte erinnern mich an jenen inmitten
seiner ausgebreiteten Rucksackutensilien in sich zusammengesunkenen Trekker, den
ich jüngst auf einem einsamen Rastplatz unweit von Heidelberg traf. Auf die
Frage nach dem Woher und Wohin war nur zu erfahren, dass er seit 9 Tagen
unterwegs sei und jetzt unter dem typischen Trekkerblues litt. So recht wurde
nicht klar, warum er sich die Tour samt offenbar obligatorischer Depression
eigentlich zugemutet hatte.
Nicht ganz so niederschmetternd, aber auch nicht gerade euphorisch wirken jene
Berichte in "Wege und Ziele", die eindrucksvoll-lange Touren durch einsame
Regionen minutiös dokumentieren und ebenfalls nicht erkennen lassen, was ihre
Autoren immer wieder in die Ferne zieht. Für jeden Tag sind die Streckenlängen,
Wanderzeiten, Auf- und Abstiege registriert, manchmal sogar auf Minuten und
Meter genau - durchaus respektheischende, ja erschreckende Zahlen. Wetter,
Hitze, Kälte und Regen sind, obwohl nur von temporärer Bedeutung, stets ein
Thema, ebenso wo, wie und für
wie viel
gegessen, gekauft und übernachtet wurde, wie man den Weg verfehlt oder den Bus
verpasst hat. Aber all das wird lediglich registriert, wie auf Aktenblättern
abgeheftet, so wie man es noch knapper auf der Website des Vereins wiederfindet.
Natürlich fehlen auch die Sehenswürdigkeiten, vorzugsweise die erstiegenen
Gipfel nicht, kommentiert mit kurzen Hinweisen aus dem entsprechenden Führer.
Das, wofür die Trekker alle ihre Strapazen, die schweren Rucksäcke, die
schlechten Wege, die asketische Lebensweise in gastronomisch unterentwickelten
Zonen auf sich nehmen, bleibt im Dunkeln. Ganz anders als der Neuwanderer Bill
Bryson, ein vielgelesener angloamerikanischer Reiseschriftsteller, der bei
seiner Tour über den Apalachian Trail ("A Walk in the Woods") neben seinen
kleinen und großen Erlebnissen viel von seinem Inneren, seiner (humorvollen)
Sicht auf die Welt oder von seinem obskuren Wanderfreund Katz preisgibt. Gewiss,
nicht jeder Trekker ist auch gleich ein Reiseschriftsteller.
Aber Werner Hohn
hat in "Wege und Ziele" in seinem wunderbar subjektiven, farbigen Bericht über
seine Hunsrücküberquerung auf dem mehr oder weniger drögen Ausoniusweg bewiesen,
wie man Landschaft mit all ihren Vorzügen und Nachteilen, seinen Höhepunkten und
Widrigkeiten wirklich erleben und dies zum Leser herüberbringen kann - eine
bislang seltene Mischung von lebendiger Wahrnehmung und Information, Lob und
Kritik.
Die
weitaus meisten Berichte in der Zeitschrift haben indes die Anmutung von
Logbüchern. Unverkennbar ist darin der Stolz auf lange Strecken und hohe Gipfel.
Bemerkenswert auch der Wille zum Durchhalten, wenn das Wetter wieder einmal
schlecht, die Wege sumpfig oder ausgesetzt sind. Nicht selten fallen die Pausen
kurz aus, das Essen asketisch. Wenn man es sich einmal so vorgenommen hat, will
man auf jeden Fall von A nach B kommen, im Zweifelsfall auch auf Umwegen oder
Abkürzungen, nicht selten auch klaglos über Straßen und Schottertrassen. Die
Belohnung kommt meist erst nach der Tour, wenn man die Strecke geschafft und
Gasthof
samt Dusche zum Absacken einladen.
Das erinnert ein
wenig an Bergsteiger, denen es auch, koste es was es wolle, um das Erreichen des
Zieles bzw. Gipfels geht, dessen nur kurz genossene Aussicht in keinem
Verhältnis zur Quälerei des Aufstieges steht. Ulrich Aufmuth hat in seiner
"Psychologie des Bergsteigens" dahinter eine Flucht vor einer inneren Leere
ausgemacht, die einen ständig auf Trab hält. Noch auf der Tour wird schon die
nächste geplant, die Zeit dazwischen zählt nicht. Registriert werden am Ende nur
die Gipfel, die man gemacht hat, mit allen ihren Herausforderungen und
Schwierigkeiten.
Sind Trekker also
selbstquälerische Bergsteiger der Ebene, Tourensammler, die es sich immer wieder
selbst beweisen müssen ? Das kann man keineswegs aus allen Tourenberichten
herauslesen. Aber eine Tendenz dazu leuchtet immer wieder zwischen den Zeilen
hervor. Abgesehen von der Abenteuerlust, die vielleicht auch etwas mit Flucht zu
tun hat, dürfte hier einer der Hauptunterschiede zwischen dem
Mainstream-Genusswanderer der Gegenwart und den Echtwanderern im alten Stil
liegen. Oder sieht das aus der Sicht der Betroffenen ganz anders aus? Steckt
hinter dem fernen Streckemachen möglicherweise ein ganz anderes Motivmuster? Es
wäre spannend, darüber mehr zu erfahren.
Stimme 2:
Weitwanderer sind doch ganz anders; sie staunen und freuen sich.
Prof. Dr. Friedmar Erfurt meint:
„Der Prolog gehört dazu“
Ergänzende
Bemerkungen zum Beitrag von Lutz Heidemann
Wandern „auf
hohem Niveau“ – Erfahrungen vom neuen Rheinsteig
Wohlgemerkt, meine Frau und ich sind zuerst ein Stück des
Rheinsteigs gewandert und haben viel später danach auf der Webseite von
www.netzwerk-weitwandern.de
den oben genannten Beitrag von Lutz Heidemann gelesen (veröffentlicht zuerst in
Heft 19/2006). Zwischen seiner Wanderung und der unseren sind drei Jahre
vergangen, den damaligen Bericht können wir in vielem unterschreiben. Ob der
Rheinsteig mehr Besucher ins Rheintal bringt, wagen wir nicht zu beantworten.
Aber wir trafen eine ganze Menge Leute, die in gleicher oder in
Gegenrichtung unterwegs waren. Und auch einige Wirte und
Besenwirtschaften scheinen gerne die Wanderer als Kundschaft anzunehmen.
Unsere Planungsgrundlage war das Buch „Rheinsteig“ von
Tassilo Wengel aus der Reihe „Wandern kompakt“ des Bruckmann-Verlages.
Mehr als 5 Tage Zeit zum Wandern hatten wir nicht,
also musste die eigentlich bis Koblenz geplante Tour gekürzt werden. Von
Assmannshausen ging es über Lorch, Kaub, St. Goarshausen bis Kestert und von
dort per Eisenbahn zurück.
Eigentliches Anliegen dieses Beitrages ist der „Prolog“, ein vorgeschalteter
Abstecher nach Kiedrich. Die Beschreibung dieses Ortes im
Wander-Büchlein hatte uns dermaßen neugierig gemacht auf das „gotische Weindorf
am Rhein“, dass wir eine Übernachtung einplanten. Um es vorweg zu nehmen: Es
lohnte sich!
Wir fuhren an einem Samstag mit dem Zug bis Eltville und hatten das Glück,
ausgerechnet zum Rosenfest dort einzutreffen. So ließen wir uns Zeit für einen
gemütlichen Stadtrundgang, bis uns aufziehende Gewitterwolken mahnten, uns auf
den ca. 3 km langen Weg durch die Weinberge nach Kiedrich zu machen. Wir kamen
gerade noch trocken ins Hotel, bevor ein mächtiger Gewitterguss die freundlichen
Zecher unterhalb unseres Zimmers vertrieb und uns ein ungestörtes Schläfchen
gestattete.
Gegen Abend machten wir uns auf zu einem Rundgang durch Kiedrich und kamen aus
dem Staunen nicht heraus: Wo findet man ein Dorf mit solch prächtigen alten
Bauwerken? Nicht nur die beeindruckende gotische St. Valentinus – Pfarrkirche
von 1339 ist sehenswert, auch das Renaissance – Rathaus von 1585 und die vielen
alten Fachwerkhäuser bilden eine eindrucksvolle Kulisse.
Wir suchten eine Einkehr und wurden fündig in einer Besenwirtschaft, mit einem
leckeren Salat, einem herrlichen Riesling (für'n
Appel und
'n Ei ...)
und einem liebenswürdigen jungen Wirt.
So stand es zu lesen. Und dass es so ist, sahen wir, als wir in einem der
Solisten des Chores unseren jungen Wirt vom Vorabend erkannten. Hier
blieb
eine alte besondere Kultur erhalten. Und sie
lebt in der fast vollständig gefüllten Kirche. (Das Foto
täuscht – es wurde erst nach dem Gottesdienst aufgenommen.)
Wir verließen Kiedrich tief beeindruckt und liefen über einen vom gewaltigen
nächtlichen Gewitterguss aufgeweichten Feldweg hinüber zum Bahnhof von Erbach.
Mit dem Zug ging es bis Assmannshausen, wo wir erst gegen halb drei Uhr
nachmittags zur Etappe nach Lorch starteten. Die Feuchtigkeit im Boden und die
Sonnenglut taten ihr Werk – ein Gewitter kam auf, doch es streifte unseren Weg
nur leicht. Wir kamen glimpflich davon; gegen sieben Uhr abends waren wir am
Ziel.
Alles in allem ist der Rheinsteig ein Weg, den man
sehr empfehlen
kann. Und wir
raten
besonders, vor den Anfang einen
“Prolog" zu
setzen. Kiedrich ruft!
Fotos: Friedmar Erfurt
Stimme 3: Die Selbstdarstellung vom Netzwerk Weitwandern"
Lutz Heidemann
Was bedeutet Weitwandern? Eine Einführung für diejenigen, die diese Leidenschaft noch nicht kennen
Als Weitwandern bezeichnen wir, das sind die Mitglieder vom Netzwerk Weitwandern und Menschen mit ähnlichen Zielen und Erfahrungen, Fußwanderungen, die über mindestens drei, vier Tage gehen und bei denen man nicht am Abend zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Wir gehen nicht aufs Gratewohl los, sondern wir benutzen markierte Wege. Üblich sind Wanderungen von fünf bis 15 Tagen. Darüber hinaus gibt es verlockende Ziele, die ein Wanderer oder eine Wanderin in einem Anlauf erreichen möchte, wo schon „der Weg das Ziel“ ist, so daß die Wanderung über mehrere Wochen gehen kann. Ein bekanntes Ziel dieser Art ist Santiago di Compostela in Nordwestspanien.
Wenn man sich über längere Strecken zu Fuß fortbewegt, was man im täglichen Leben durch das Autofahren fast verlernt hat, fühlt man sich anfangs langsam wie eine Schnecke. Dann beobachtet man aber bald, daß sich z.B. nach einer Stunde die Landschaft deutlich geändert hat, daß ferne Objekte deutlich nähergerückt sind. Es kann ein großes Glücksgefühl erzeugen, wenn man begreift, der eigene Körper ist fähig, solche ungewohnt weite Strecken zu überwinden. Hinzu kommen weitere schöne außergewöhnliche Eigenschaften des Weitwanderns:
Ein weiteres Merkmal für leidenschaftliche Weitwanderer ist, daß sie sich ohne fremde Hilfe auf den Weg machen, sie sich nicht führen lassen. Hilfe ist für sie allein der markierte Weg. Da müssen sie aufpassen, um die Fortsetzung des Weges nicht zu verlieren. Sie folgen einer „vorgefertigten Komposition“, aber das schon das einzig Unselbständige an dieser Fortbewegungsart.
Wanderer
vertrauen auf eine sichere Führung durch Markierung. Andere Hilfsmittel können
hinzutreten: z.B. eine Karte eines Vermessungsamtes, in der der Weg eingetragen
ist oder ein Wanderführer mit einer Wegebeschreibung und eingefügten
Kartenausschnitten. In Gegenden ohne Wandertradition kann es Strecken geben, die
allein nach einer Beschreibung gefunden werden müssen. Aber das macht weniges
Spaß. Es hemmt den Rhythmus des Gehens, wenn man sich jedesmal fragen muß:
Soll man links hinter dieser Scheune abbiegen oder kommt die „richtige“
noch. Man starrt in ein Buch und nicht die Landschaft. Eine „Schnitzeljagd“
ist eine andre Sportart als Weitwandern.
Das Wissen, auf einem markierten Weg zu gehen, verleiht Sicherheit und ist auch ein Akt des gegenseitigen Vertrauens. Der „Wegemacher“ muß sich bemühen, einen sicheren und reizvollen Weg zu finden. Er darf seine Rolle nicht dazu benutzen, persönliche Vorlieben auszuleben und Wanderer z.B. über jeden Aussichtspunkt in der Umgebung und jede Burgruine zu schleusen. Wanderer haben auch den Wunsch anzukommen, ein Ziel geschafft zu haben.
Die langsame Fortbewegungsweise führt ganz von allein dazu die Umgebung genauer zu beobachten. Ein Mosaikstein von beobachteten Fakten legt sich an den nächsten, man hat ja auch Zeit zum Verarbeiten der Eindrücke. Reizvoll ist es, wenn eine Wanderung so angelegt ist, daß man von einem Landschaftstyp in den nächsten gelangt. So kann man den Wechsel der anstehenden Steine beim Bild der Häuser wiederfinden oder beim Wechsel vom Mittelgebirge in das Hochgebirge unterschiedliche Landwirtschaftsformen/Feldbestellungen beobachten oder man bemerkt oft schon länger zurückliegende konfessionelle und landesherrliche Grenzen.
Der
Weitwanderer kommt in menschenleere und einsame Gegenden; er kommt in anderen
Teilen Europas auch mit anderen Lebensverhältnissen in Berührung. Er lernt
dabei, daß man auch mit weniger Komfort leben kann und nicht alle
Annehmlichkeiten der Zivilisation und des üblichen Warenangebotes nötig sind.
Das kann auch stolz machen. Das färbt auch auf die Einschätzung von
technischen Hilfsmitteln ab. Will man allein den Weg finden oder neuerdings GPS
benutzen? Braucht man in der eigenen
Erschienen in "Wege und Ziele" Netzwerk Weitwandern e.V. Ausgabe 29 - August 2009
Wege
ohne Ende - Wohin geht die „Wegemacherei“?
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