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 am:   22.02.10

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A k t u e l l e s

 

Inhaltsverzeichnis:     •   Mitgliederwanderung im Herbst 2010

                                    •   Warum wandern wir ?   Wie wandern wir ?   Wohin wandern wir?

                                        Das Netzwerk Weitwandern - ein Forum zum Gedankenaustausch

                                    •   Was bedeutet Weitwandern? Eine Einführung für

                                        diejenigen, die diese Leidenschaft noch nicht kennen

                                    •   Wege ohne Ende - Wohin geht die "Wegemacherei"?

                                    •   Grundsätze zur Markierung von Fernwanderwegen -

                                        Überlegungen aus der Sicht der Nutzer

                                    •   Resolution

 

 

Mitgliederwanderung im Herbst 2010

 

Liebe Vereinskameraden/Innen,
liebe Weitwanderfreunde/Innen,
 
unsere schon zur Tradition gewordene Mitgliederwanderung soll in diesem Herbst im Emmenthal in der Schweiz stattfinden. Unser Vereinskamerad Helmi und seine Frau Christine aus Muri haben eine bestimmt schöne Route ausgesucht.
 
Hier ist der vorläufige Wanderplan:
 
Donnerstag, den 7. Oktober 2010
Anreise; Eintreffen am späteren Vormittag in Langenthal
Wanderung nach Dürrenroth, 698 m
Uebernachten im Hotel Bären
 
Freitag, den 8. Oktober 2010
Wanderung auf den Napf 1406 m (längere, anspruchsvolle Etappe)
Uebernachten  im Berghotel Napf
 
Samstag, den 9. Oktober 2010
Wanderung nach Flühli, 1022 m
Uebernachten im Hotel & Kurhaus Flühli
 
Sonntag, den 10. Oktober 2010
Königstetappe, Wanderung aufs Brienzer Rothorn, 2349 m (längere, anspruchsvolle Etappe)
Uebernachten im Berghotel Rothorn Kulm
 
Montag, den 11. Oktober
Heimreise, zuerst mit der historischen Dampfzahnradbahn
 
Die Anreise per Bahn soll unproblematisch sein, es fährt ein deutscher ICE über Karlsruhe, Basel, Bern bis Olten, die Rückfahrt erfolgt von Brienz über Interlaken, Bern. Eine Bahncard oder ein frühzeitig zu buchendes Super-Spar-Ticket zu 39,00 € schonen den Geldbeutel. Für die Autofahrer sorgt Helmi für Parkplätze in Langenthal. Die Übernachtungspreise liegen zwischen 100,00 und 130,00 SFr je Doppelzimmer (1 SFr = 0,74004 € am 27.06.10). Notfalls bieten die Hotels auch günstigere Unterkunft im "Matrazenlager" an.
 
Gute Infrastruktur ermöglicht auch eine Etappenänderung oder Abbruch wg. Wetter oder Kondition.
 
Anmeldung erbeten bis zum 15.09.2010 an:  Gerhard Wandel, Bahnhofstraße 9, D - 71034 Böblingen, Tel.: (07031) 280029, eMail: G.Wandel@t-online.de
 
Eine ausführlichere Ankündigung und Beschreibung der Wanderung finden Sie in unserer Vereinszeitschrift Wege und Ziele, Ausgabe 32 - August 2010.
 
Hier finden Sie ein Anmeldeformular, das Sie per Post oder wiederum als eMail-Anhang an unseren 2. Vorsitzenden, Gerhard Wandel, zurücksenden können. Auch telefonisch ist Gerhard meistens abends zu erreichen.
 
 
Euch allen wünsche ich eine schöne Wanderzeit in diesem Sommer.
 
Herzliche Grüße von
 
Euerem Volkhard Quast
 
(Schriftführer)

 

Warum wandern wir?  Wie wandern wir?  Wohin wandern wir?

 

Das Netzwerk Weitwandern  - ein Forum zum Gedankenaustausch

 

Von Lutz Heidemann

 

Unsere Zeitschrift „Wege und Ziele“ - und parallel dazu unsere Internet- Homepage www.netzwerk.weitwandern.de - sind Orte zum Erfahrungs- und Gedankenaustausch, vergleichbar mit einem Tisch, an dem man zum Gespräch zusammensitzt. Leider können wir derartige Gespräche nur selten in Wirklichkeit durchführen, unsere Mitgliederversammlungen sind solche Gelegenheiten. Aber auf Di-stanz geführte Gespräche bieten die Chance, die Gedanken präziser formulieren zu können. So wollen wir hier – und auch in den nächsten Heften – verschiedene Menschen mit ihren verschiedenen Auffassungen und Erfahrungen - oder vielleicht auch nur unterschiedlichen Wünsche - zu Wort kommen lassen.

 

Man könnte einwerfen, dass das, was ich hier ankündige, ja schon immer das Geschäft vom „Netzwerk“ war, aber es gibt Facetten, die mir neu vorkommen. Auf die Frage: Warum wir wandern – oder genauer, längere mehrtägige oder mehrwöchige Wanderungen machen, wird die häufigste Antwort lauten: um Erfahrungen zu machen, zu lernen. Bei den Pilgerwegen allerdings scheint ein starkes Motiv zu sein, sich bei der Wanderung zu verändern und etwas über die eigene Person zu ergründen. Viele andere Wanderungen dagegen werden aus einer eher allgemeinen Neugier gemacht. Man möchte Neues und Ungewohntes kennen lernen, karge Landschaften oder räumliche Grenzsituationen wie das Hochgebirge. So etwas macht z. B. Norwegen als Wanderziel verheißungsvoll.

 

Und es gibt gleichermaßen Ursachen für das Gegenteil. Schöne, ja vielleicht sogar „ideale“ Landschaften, ziehen uns an. Die Attraktivität der Toskana wäre so zu erklären. Gleiches gälte für den Lykischen Pfad in der Westtürkei („The Lycian Way“, vergl. „Wege und Ziele“ Heft 18/2005 und 24/2007), der die Wanderer zu stillen Mittelmeerbuchten oder verwunschenen antiken Ruinenstädten führt. Wir bekamen gerade einen Bericht - und drucken ihn ab -, der von so einer Faszination erzählt, von blühenden Landschaften und dem Reichtum von Weinbau-Orten im Rheingau.

 

Der Weinbau ist eine „Sonderkultur“, vergleichbar dem Obstbau im Alten Land bei Hamburg. Wenn Menschen als Gruppe gut zusammenarbeiten, oft in der Ausein-andersetzung mit schwierigen Umständen, steile Flussufer oder Überschwemmungsgebiete sind Herausforderungen – und nicht durch Kriege oder andere Begehrlichkeiten gestört werden, können schöne „menschengemachte“ Landschaften entstehen, die man auch als Fremder gerne ansehen möchte. Bei derartigen Landschaften wandert man von Zuhause auf Wunsch-Ziele hin.

 

Nun beobachte ich mit Interesse Beispiele vom Gegenteil: Wir haben z. B. im Verein von dem Wunsch einer Ärztin gehört, die von Venedig - sonst ein magischer Zielort, oder einem anderen Gebiet im Süden, - zu sich „nach Hause“ in die Gegend von Heidelberg wandern möchte. Ähnlich wäre das Anliegen eines Ehepaares zu beurteilen, das lange in einer Stadt in Süddeutschland gelebt hat und wieder in seine Heimat in Sachsen zurückgezogen ist und diese „Heimkehr“ zu Fuß machen wollte. Es ist also ein „Wandern zu sich selbst“, das Durchmessen eines Raumes, der (theoretisch) mit jedem Tag vertrauter und nicht fremder wird. Kommt das noch häufiger vor?

 

Ich habe in der Selbstdarstellung vom „Netzwerk“ das Wandern auf einem markierten Fernwanderweg als charakteristisch für das Weitwandern bezeichnet. Es ist zwar das Nachvollziehen einer „vorgefertigten Idee“, aber auch mit dem Tun von Hausmusikern zu vergleichen, die mit Genuss ein barockes Streichquartett spielen und es nicht selbst komponiert haben. Ich stelle das noch einmal zur Diskussion. Musikkultur besteht ja auch darin, dass man sich über Musik austauscht und sich gegenseitig besonders reizvolle Stücke empfiehlt.

 

Es gibt Stimmen, die das „… einfach Loswandern“ propagieren. Ulrich Grober, ein bekannter Schriftsteller, beschreibt den Zuwachs an Selbstvertrauen, wenn man sich in einer fremden Landschaft zurechtfindet. Das kann eine spezifische Spielart des Weitwandern sein; manchmal ist das für Wanderer und Wanderinnen auch eine unfreiwillige Herausforderung, nämlich immer dann, wenn die Markierung ihren Dienst aufgibt. Auch über diese Form des Fortbewegens zu Fuß sollten wir uns unterhalten.

 

Diese „autonome“ Haltung ist verwandt mit dem Phänomen der „eigenen Wege“. Was unser Mitglied Günther Krämer mit dem Projekt „Ulm - Czernowitz“ gemacht hat (Berichte u. a. in „Wege und Ziele“, Heft 24/2007) und auf seiner Homepage www.lustwandeln.net), kann als eine Art „eigener Jakobsweg“ bezeichnet werden. Anfangs ist Günther Krämer auf Europäischen Fernwanderwegen gegangen, dann hat er einen solchen „auf eigene Faust“ verlängert. Andere haben durch seine ausführlichen Berichte daran teilhaben können – und es kommt vielleicht zu Nachahmungen. Solchem „ Pionier-Handeln“ will das Netzwerk gerne eine Plattform sein. Andere Wanderer sollen daran anteilnehmen können.

 

In dem Sinn gibt es einen Internet-Blog über die Wanderung von Friedmar Erfurt und seiner Frau von Konstanz nach Chemnitz und über eine Wanderung auf dem EB - Freundschaftsweg von Eisenach nach Budapest von Katharina Wegelt.

Einzusehen in www.blog.netzwerk-weitwandern.de

 

Seien Sie neugierig und geben Sie Kommentare ab! 

 

Stimme 1:   Eine Außensicht auf das „Netzwerk“

 

Prof. Dr. Brämer fragt:

 

„Was treibt Trekker?

 

In dem Internet-Forum des Deutschen Wanderinstitutes e.V., einer privaten Initiative von Prof. Brämer aus Marburg, findet man Forschungsergebnisse und interessante (auszugsweise veröffentlichte) Quellentexte zum Wandern als Natur- und Selbsterfahrung. Da behandelt er auch das Weitwandern und stellt eingangs die (rhetorische) Behauptung auf: „Einen Vorwurf könnte man www.wander-forschung.de zu Recht machen: Die Beiträge beschäftigen sich nahezu ausschließlich mit Otto-Normalwanderer, seinen Gewohnheiten und Wünschen, seiner psychischen und physischen Befindlichkeit oder auch mit Lust und Frust auf Deutschlands Wanderwegen. Seine Touren nehmen in der Regel nicht mehr als ein paar Stunden, selten wenige Tage in Anspruch, seine Motive sind weitgehend hedonistischer Art: Schöne Landschaft, naturnahe Wege, Entspannen, Einkehren, Zusammensein mit Freunden.“

 

Die richtigen Wanderer, die sich mit großem Gepäck abenteuernd durch ferner Welten schlagen, echte Trekker also, kommen dagegen kaum zu Worte. Wer sie treffen, etwas über ihre Art des Fußreisens erfahren will, der kann ihnen z. B. in der Zeitschrift "Wege und Ziele" des Vereins "Netzwerk Weitwandern e.V." begegnen. Dreimal im Jahr beschreiben sie in einem handgefertigten A5-Heft ihre meist eigenwilligen Touren mit lebendigen Berichten, farbigen Bildern und wertvollen Tipps für eventuelle Nachfolger. Im April 2009 ist bereits die 28. Ausgabe an die Vereinsmitglieder verschickt worden.

 

Hauptinitiator des Vereins war über lange Jahre Lutz Heidemann, ein drahtiger, freundlich-bescheidener Mann, dem man seine trotz Rentenalter ungebrochene Unternehmungslust kaum ansieht. Er hat in jahrelang hartnäckigem Werben eine Reihe gleichgesinnter, nicht weniger engagierter Männer und Frauen um sich versammelt, welche Zeitschrift und Verein mittlerweile weiterführen und um eine äußerst informative Website „www.netzwerk-weitwandern.de“ ergänzen. Sie erweist sich als wahre Fundgrube von Toureninformationen aus mehr als drei Dutzend europäischen Ländern mit Erfahrungsberichten, touristischen Hinweisen, Planungshilfen und Adressen, eine einmalige Fleißarbeit und Informationsquelle für alle, die den Vereinsmitgliedern nacheifern wollen.

 

Bei aller offenkundig werdenden Lust am Durchstreifen fremder Regionen kommt in den oft bewundernswerten Reiseberichten doch etwas auffällig zu kurz: Der Hang zum Naturgenuss, zur romantischen Verklärung der Landschaft, ja zur Schwärmerei über das Erlebte, wie er für Normalwanderer so typisch ist und die Autoren des „Wandermagazins“ zu immer neuen, nicht selten überzogenen Höhenflügen veranlasst. Dahinter steht das in unserem technisch-medial abisolierten Alltag immer dringender werdende Bedürfnis, einmal wieder seiner Umwelt ganz nah zu sein, mit ihr emotional zu verschmelzen, sich zugleich geborgen und angeregt zu fühlen in einer abwechslungsreich-schönen Kulturlandschaft. Nicht wenige Weitwanderberichte erinnern mich an jenen inmitten seiner ausgebreiteten Rucksackutensilien in sich zusammengesunkenen Trekker, den ich jüngst auf einem einsamen Rastplatz unweit von Heidelberg traf. Auf die Frage nach dem Woher und Wohin war nur zu erfahren, dass er seit 9 Tagen unterwegs sei und jetzt unter dem typischen Trekkerblues litt. So recht wurde nicht klar, warum er sich die Tour samt offenbar obligatorischer Depression eigentlich zugemutet hatte.

 

Nicht ganz so niederschmetternd, aber auch nicht gerade euphorisch wirken jene Berichte in "Wege und Ziele", die eindrucksvoll-lange Touren durch einsame Regionen minutiös dokumentieren und ebenfalls nicht erkennen lassen, was ihre Autoren immer wieder in die Ferne zieht. Für jeden Tag sind die Streckenlängen, Wanderzeiten, Auf- und Abstiege registriert, manchmal sogar auf Minuten und Meter genau - durchaus respektheischende, ja erschreckende Zahlen. Wetter, Hitze, Kälte und Regen sind, obwohl nur von temporärer Bedeutung, stets ein Thema, ebenso wo, wie und für wie viel gegessen, gekauft und übernachtet wurde, wie man den Weg verfehlt oder den Bus verpasst hat. Aber all das wird lediglich registriert, wie auf Aktenblättern abgeheftet, so wie man es noch knapper auf der Website des Vereins wiederfindet. Natürlich fehlen auch die Sehenswürdigkeiten, vorzugsweise die erstiegenen Gipfel nicht, kommentiert mit kurzen Hinweisen aus dem entsprechenden Führer.

 

Das, wofür die Trekker alle ihre Strapazen, die schweren Rucksäcke, die schlechten Wege, die asketische Lebensweise in gastronomisch unterentwickelten Zonen auf sich nehmen, bleibt im Dunkeln. Ganz anders als der Neuwanderer Bill Bryson, ein vielgelesener angloamerikanischer Reiseschriftsteller, der bei seiner Tour über den Apalachian Trail ("A Walk in the Woods") neben seinen kleinen und großen Erlebnissen viel von seinem Inneren, seiner (humorvollen) Sicht auf die Welt oder von seinem obskuren Wanderfreund Katz preisgibt. Gewiss, nicht jeder Trekker ist auch gleich ein Reiseschriftsteller.

 

Aber Werner Hohn hat in "Wege und Ziele" in seinem wunderbar subjektiven, farbigen Bericht über seine Hunsrücküberquerung auf dem mehr oder weniger drögen Ausoniusweg bewiesen, wie man Landschaft mit all ihren Vorzügen und Nachteilen, seinen Höhepunkten und Widrigkeiten wirklich erleben und dies zum Leser herüberbringen kann - eine bislang seltene Mischung von lebendiger Wahrnehmung und Information, Lob und Kritik.

 

Die weitaus meisten Berichte in der Zeitschrift haben indes die Anmutung von Logbüchern. Unverkennbar ist darin der Stolz auf lange Strecken und hohe Gipfel. Bemerkenswert auch der Wille zum Durchhalten, wenn das Wetter wieder einmal schlecht, die Wege sumpfig oder ausgesetzt sind. Nicht selten fallen die Pausen kurz aus, das Essen asketisch. Wenn man es sich einmal so vorgenommen hat, will man auf jeden Fall von A nach B kommen, im Zweifelsfall auch auf Umwegen oder Abkürzungen, nicht selten auch klaglos über Straßen und Schottertrassen. Die Belohnung kommt meist erst nach der Tour, wenn man die Strecke geschafft und Gasthof samt Dusche zum Absacken einladen.

 

Das erinnert ein wenig an Bergsteiger, denen es auch, koste es was es wolle, um das Erreichen des Zieles bzw. Gipfels geht, dessen nur kurz genossene Aussicht in keinem Verhältnis zur Quälerei des Aufstieges steht. Ulrich Aufmuth hat in seiner "Psychologie des Bergsteigens" dahinter eine Flucht vor einer inneren Leere ausgemacht, die einen ständig auf Trab hält. Noch auf der Tour wird schon die nächste geplant, die Zeit dazwischen zählt nicht. Registriert werden am Ende nur die Gipfel, die man gemacht hat, mit allen ihren Herausforderungen und Schwierigkeiten.

 

Sind Trekker also selbstquälerische Bergsteiger der Ebene, Tourensammler, die es sich immer wieder selbst beweisen müssen ? Das kann man keineswegs aus allen Tourenberichten herauslesen. Aber eine Tendenz dazu leuchtet immer wieder zwischen den Zeilen hervor. Abgesehen von der Abenteuerlust, die vielleicht auch etwas mit Flucht zu tun hat, dürfte hier einer der Hauptunterschiede zwischen dem Mainstream-Genusswanderer der Gegenwart und den Echtwanderern im alten Stil liegen. Oder sieht das aus der Sicht der Betroffenen ganz anders aus? Steckt hinter dem fernen Streckemachen möglicherweise ein ganz anderes Motivmuster? Es wäre spannend, darüber mehr zu erfahren.

 

 

Stimme 2:   Weitwanderer sind doch ganz anders; sie staunen und freuen sich.

 

Prof. Dr. Friedmar Erfurt meint:

 

„Der Prolog gehört dazu“

 

Ergänzende Bemerkungen zum Beitrag von Lutz Heidemann in „Wege und Ziele“. Ausgabe 19/2006:

 

Wandern „auf hohem Niveau“ – Erfahrungen vom neuen Rheinsteig

 

Wohlgemerkt, meine Frau und ich sind zuerst ein Stück des Rheinsteigs gewandert und haben viel später danach auf der Webseite von www.netzwerk-weitwandern.de den oben genannten Beitrag von Lutz Heidemann gelesen (veröffentlicht zuerst in Heft 19/2006). Zwischen seiner Wanderung und der unseren sind drei Jahre vergangen, den damaligen Bericht können wir in vielem unterschreiben. Ob der Rheinsteig mehr Besucher ins Rheintal bringt, wagen wir nicht zu beantworten. Aber wir trafen eine ganze Menge Leute, die in gleicher oder in  Gegenrichtung unterwegs waren. Und auch einige Wirte und Besenwirtschaften scheinen gerne die Wanderer als Kundschaft anzunehmen.

 

Unsere Planungsgrundlage war das Buch „Rheinsteig“ von Tassilo Wengel aus der Reihe „Wandern kompakt“ des Bruckmann-Verlages. Mehr als 5 Tage Zeit zum Wandern hatten wir nicht, also musste die eigentlich bis Koblenz geplante Tour gekürzt werden. Von Assmannshausen ging es über Lorch, Kaub, St. Goarshausen bis Kestert und von dort per Eisenbahn zurück.

 

Eigentliches Anliegen dieses Beitrages ist der „Prolog“, ein vorgeschalteter Abstecher nach Kiedrich. Die Beschreibung dieses Ortes im Wander-Büchlein hatte uns dermaßen neugierig gemacht auf das „gotische Weindorf am Rhein“, dass wir eine Übernachtung einplanten. Um es vorweg zu nehmen: Es lohnte sich!

 

Es gibt übrigens noch einen sehr praktischen Grund für solch eine Kurzetappe am ersten Tag. Wenn man nicht gerade in der Nähe wohnt, wird man wohl erst um die frühe Nachmittagszeit am Rhein eintreffen. Da ist dann ein kurzer Aufgalopp gerade recht.

 

Wir fuhren an einem Samstag mit dem Zug bis Eltville und hatten das Glück, ausgerechnet zum Rosenfest dort einzutreffen. So ließen wir uns Zeit für einen gemütlichen Stadtrundgang, bis uns aufziehende Gewitterwolken mahnten, uns auf den ca. 3 km langen Weg durch die Weinberge nach Kiedrich zu machen. Wir kamen gerade noch trocken ins Hotel, bevor ein mächtiger Gewitterguss die freundlichen Zecher unterhalb unseres Zimmers vertrieb und uns ein ungestörtes Schläfchen gestattete.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gegen Abend machten wir uns auf zu einem Rundgang durch Kiedrich und kamen aus dem Staunen nicht heraus: Wo findet man ein Dorf mit solch prächtigen alten Bauwerken? Nicht nur die beeindruckende gotische St. Valentinus – Pfarrkirche von 1339 ist sehenswert, auch das Renaissance – Rathaus von 1585 und die vielen alten Fachwerkhäuser bilden eine eindrucksvolle Kulisse.

 

Wir suchten eine Einkehr und wurden fündig in einer Besenwirtschaft, mit einem leckeren Salat, einem herrlichen Riesling (für'n Appel und 'n Ei ...) und einem liebenswürdigen jungen Wirt.

 

Der Sonntag war echt ein solcher, ein hoher, strahlend blauer Himmel stand über dem ganzen Rheingau. Wir verabschiedeten uns im Hotel, aber nicht von Kiedrich. Denn wir zwei Nicht-Kirchgänger hatten in unserem Ratgeber etwas entdeckt, das uns neugierig machte, das Hochamt in der katholischen Kirche zu besuchen: nur hier in Kiedrich hat sich der Gregorianische Choral in gotisch-germanischer Fassung erhalten – einmalig in der Welt und gepflegt durch eine innig im Dorf verwurzelte Chor-Schule.

 

So stand es zu lesen. Und dass es so ist, sahen wir, als wir in einem der Solisten des Chores unseren jungen Wirt vom Vorabend erkannten. Hier blieb eine alte besondere Kultur erhalten. Und sie lebt in der fast vollständig gefüllten Kirche. (Das Foto täuscht – es wurde erst nach dem Gottesdienst aufgenommen.)

 

Wir verließen Kiedrich tief beeindruckt und liefen über einen vom gewaltigen nächtlichen Gewitterguss aufgeweichten Feldweg hinüber zum Bahnhof von Erbach. Mit dem Zug ging es bis Assmannshausen, wo wir erst gegen halb drei Uhr nachmittags zur Etappe nach Lorch starteten. Die Feuchtigkeit im Boden und die Sonnenglut taten ihr Werk – ein Gewitter kam auf, doch es streifte unseren Weg nur leicht. Wir kamen glimpflich davon; gegen sieben Uhr abends waren wir am Ziel.

 

 

 

 

 

 

Der Abschnitt des Rheinsteigs, den wir gingen, ist vom Wandern her anspruchsvoll. Er weist dafür aber viel Sehenswertes auf – die Ausblicke tief hinunter ins Rheintal, auf die Pfalz bei Kaub, auf die Loreley, auf viele Burgen, aber auch herrliche Wege in Laub- oder Nadelwald voller Schatten. Den größten Eindruck aber hinterließ bei uns der großartige Fernblick oben draußen auf den Höhen.

 

Alles in allem ist der Rheinsteig ein Weg, den man sehr empfehlen kann. Und wir raten besonders, vor den Anfang einen Prolog" zu setzen. Kiedrich ruft!

 

           Fotos:  Friedmar Erfurt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stimme 3:   Die Selbstdarstellung vom Netzwerk Weitwandern"

 

Lutz Heidemann

  

Was bedeutet Weitwandern? Eine Einführung für diejenigen, die diese Leidenschaft noch nicht kennen

 

Als Weitwandern bezeichnen wir, das sind die Mitglieder vom Netzwerk Weitwandern und Menschen mit ähnlichen Zielen und Erfahrungen, Fußwanderungen, die über mindestens drei, vier Tage gehen und bei denen man nicht am Abend zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Wir gehen nicht aufs Gratewohl los, sondern wir benutzen markierte Wege. Üblich sind Wanderungen von fünf bis 15 Tagen. Darüber hinaus gibt es verlockende Ziele, die ein Wanderer oder eine Wanderin in einem Anlauf  erreichen möchte, wo schon „der Weg das Ziel“ ist, so daß die Wanderung über mehrere Wochen gehen kann. Ein bekanntes Ziel dieser Art ist Santiago di Compostela in Nordwestspanien.

 

Wenn man sich über längere Strecken zu Fuß fortbewegt, was man im täglichen Leben durch das Autofahren fast verlernt hat, fühlt man sich anfangs langsam wie eine Schnecke. Dann beobachtet man aber bald, daß sich z.B. nach einer Stunde die Landschaft deutlich geändert hat, daß ferne Objekte deutlich nähergerückt sind. Es kann ein großes Glücksgefühl erzeugen, wenn man begreift, der eigene Körper ist fähig, solche ungewohnt weite Strecken zu überwinden. Hinzu kommen weitere schöne außergewöhnliche Eigenschaften des Weitwanderns:

 

Ein weiteres Merkmal für leidenschaftliche Weitwanderer ist, daß sie sich ohne fremde Hilfe auf den Weg machen, sie sich nicht führen lassen. Hilfe ist für sie allein der markierte Weg. Da müssen sie aufpassen, um die Fortsetzung des Weges nicht zu verlieren. Sie folgen einer „vorgefertigten Komposition“, aber das schon das einzig Unselbständige an dieser Fortbewegungsart.

 

Wanderer vertrauen auf eine sichere Führung durch Markierung. Andere Hilfsmittel können hinzutreten: z.B. eine Karte eines Vermessungsamtes, in der der Weg eingetragen ist oder ein Wanderführer mit einer Wegebeschreibung und eingefügten Kartenausschnitten. In Gegenden ohne Wandertradition kann es Strecken geben, die allein nach einer Beschreibung gefunden werden müssen. Aber das macht weniges Spaß. Es hemmt den Rhythmus des Gehens, wenn man sich jedesmal fragen muß: Soll man links hinter dieser Scheune abbiegen oder kommt die „richtige“ noch. Man starrt in ein Buch und nicht die Landschaft. Eine „Schnitzeljagd“ ist eine andre Sportart als Weitwandern.

 

Das Wissen, auf einem markierten Weg zu gehen, verleiht Sicherheit und  ist auch ein Akt des gegenseitigen Vertrauens. Der „Wegemacher“ muß sich bemühen, einen sicheren und reizvollen Weg zu finden. Er darf seine Rolle nicht dazu benutzen, persönliche Vorlieben auszuleben und Wanderer z.B. über jeden Aussichtspunkt in der Umgebung und jede Burgruine zu schleusen. Wanderer haben auch den Wunsch anzukommen, ein Ziel geschafft zu haben.

 

Die langsame Fortbewegungsweise führt ganz von allein dazu die Umgebung genauer zu beobachten. Ein Mosaikstein von beobachteten Fakten legt sich an den nächsten, man hat ja auch Zeit zum Verarbeiten der Eindrücke. Reizvoll ist es, wenn eine Wanderung so angelegt ist, daß man von einem Landschaftstyp in den nächsten gelangt. So kann man den Wechsel der anstehenden Steine beim Bild der Häuser wiederfinden oder beim Wechsel vom Mittelgebirge in das Hochgebirge unterschiedliche Landwirtschaftsformen/Feldbestellungen beobachten oder man bemerkt oft schon länger zurückliegende konfessionelle und landesherrliche Grenzen.

 

Der Weitwanderer kommt in menschenleere und einsame Gegenden; er kommt in anderen Teilen Europas auch mit anderen Lebensverhältnissen in Berührung. Er lernt dabei, daß man auch mit weniger Komfort leben kann und nicht alle Annehmlichkeiten der Zivilisation und des üblichen Warenangebotes nötig sind. Das kann auch stolz machen. Das färbt auch auf die Einschätzung von technischen Hilfsmitteln ab. Will man allein den Weg finden oder neuerdings GPS benutzen? Braucht man in der eigenen Wohnung all die vielen angehäuften Dinge, denkt man, wenn man bei einem Hirten übernachtet hat.

 

Erschienen in "Wege und Ziele"

Netzwerk Weitwandern e.V. Ausgabe 29 - August 2009

 

 

Wege ohne Ende - Wohin geht die „Wegemacherei“?

 

Von Lutz Heidemann

 

Die nachfolgenden Bemerkungen resultieren von Eindrücken, die ich im Juli 2004 beim Besuch einer Tagung der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege in Niederaltteich und im September 2004 beim Besuch der Trekkingmesse, einer kommerziellen Veranstaltung in Düsseldorf, gewonnen hatte. Sie sind ergänzt durch Informationen aus der Lektüre von Zeitungen und Broschüren und Internet-Recherche.

 

Die erst zum zweiten Mal veranstaltete „TourNatur“ in Düsseldorf war eingebunden in den größeren Rahmen der Caravan-Messe. Kooperationspartner der zweitägigen „TourNatur“ waren das Wandermagazin (Auflage 46.000), das OUTDOOR MAGAZIN (Auflage 55.000), der Deutsche Tourismusverband e.V. Bonn und der Deutscher Wanderverband e.V. aus Kassel. Beratend wirkten Prof. Brämer und sein Deutsches Wanderinstitut mit. Viele deutsche Ferienregionen hatten sich mit Ständen präsentiert; es gab viel Angebote für geführtes Wandern und Wandern ohne Gepäck. Auch die Mountainbiker und die Ausrüster waren mit großen Ständen vertreten. Aus all diesen sehr unterschiedlichen Quellen und Informationen kann ich folgende Tendenzen erkennen: 

 

Es scheint mit dem Wandern in Deutschland etwas in Bewegung geraten zu sein. Genauer vielleicht: wieder in Bewegung. Wandern und Wege sind ein Thema. Der Auslöser der Bewegung könnte der Rothaarsteig gewesen sein, gefolgt von den Aktivitäten des Verbandes Deutscher Gebirgs- und Wanderverein, hier zusammengefaßt unter dem Motto „Wanderbares Deutschland“. Aber das Bild ist nicht eindeutig positiv. Man könnte auch folgenden Eindruck haben: Die vorhandenen Wege werden nicht gepflegt und weiterentwickelt, sondern es werden – möglicherweise auf vorhandenen markierten Trassen – laufend neue Wege „kreiert“: 

 Auf der Tagung in Bayern  wurde ein „Europäischer Pilgerweg VIA NOVA“ vorgestellt. Er heißt europäisch, weil er von Bayern nach Österreich geht und die Macher glauben, daß dieser Begriff noch nicht inflationär verramscht sei. (Informationen unter www.pilgerweg-vianova.eu).Kurz zuvor war in der FAZ die neue Bonifatius-Route zwischen Mainz und Fulda angekündigt worden. Informationen und Kontakte zu diesem Weg unter: www.bonifatius-route.de oder www.vogelsberg-touristik.de )Auf der Messe wurde vom gerade eröffneten Frankenweg, dem seit Oktober 2003 existierenden, 97 km langen „Harzer Hexen-Stieg" und vom geplanten Rheinstieg berichtet, Wegen der neuen „Premium-Klasse“, wie sie Professor Brämer nannte. Ich las von neuen süddeutschen Teilen des Jakobsweges. 

 

 

 Alles schön und gut. Ich frage noch einmal und würde mich über zugeschickte Beobachtungen freuen. Bleiben bei diesen vielen neuen Wegen die alten Wege auf der Strecke? Bei der Planung des neuen Rheinsteigs, eines etwa 300 km langen Weges zwischen Wiesbaden und Bonn auf der rechtsrheinischen Seite, war anfangs an eine „Renovierung“ des Rheinhöhenweges gedacht worden. Als der dann einer „Schwächen-Stärke- Analyse“ unterzogen worden sei, sei deutlich geworden, daß nur eine neue Trasse erfolgversprechend sei. Selbstdarstellung mit Angabe der Beteiligten und einer Skizze des Wegeverlaufes unter: www.rheinsteig.de  Der Weg soll im Herbst 2005 fertiggestellt sein. Es wurde nicht erwähnt, was mit dem „alten“ Weg geschehen soll. Bei der erwähnten Veranstaltung auf der Messe wurde von einer Vernetzung der „neuen“ Wege gesprochen; so entstünde ein Parallel-Netz von Premium-Wegen zu den vorhandenen Hauptwanderwegen des Deutschen Wanderverbandes. 

 

Auffällig und nicht zufällig ist, daß alle diese neuen Wege „Steige“ sein wollen. Der Urvater dieser Wege, zumindest in begrifflicher Hinsicht, ist der Rennsteig über den Thüringer Wald. Von 800.000 Wanderern pro Jahr wurde auf der Messe berichtet. (Man dividiere diese Zahl durch 200 Wandertage und hätte 4000 Wanderer je Tag; eigentlich ziemlich unwahrscheinlich, - wie so manche Zahl, die herumgeistert.) Weitwanderer, die ich kenne und Wanderer mit Erfahrungen von anderen Routen und auch - hinter vorgehaltener Hand - Wander-Funktionäre, attestieren diesem Weg keine gute Qualität. Er sei langweilig, aber sein Name ist, wie früher die „Liebfrauenmilch“ sehr, sehr vielen bekannt. Mit dem Rothaarsteig wurde der alte Begriff neu aufgewertet. Frank Rainer Scheck hat im Heft 13 über seine Eindrücke vom Rothaarsteig berichtet. Ich war schon vor zwei Jahren dort und kann das bestätigen. Und weil der Rothaarsteig so gut funktioniert, gibt es jetzt ein paar Schritte entfernt bei Willingen einen „Uplandsteig“... 

 

Es ist schon richtig, daß sich die Touristiker um die Werbung von nichtdeutschen Wandergästen bemühen. Welche Begriffe sollen dabei verwendet werden? Es sind nur wenige deutsche Feriengebiete international bekannt, so das Rheintal seit seiner „Entdeckung“ durch englische Künstler im 19. Jahrhundert, und der Black Forest oder der Fôret noir. Unter welchem „Label“ sollen die deutschen Mittelgebirge nach draußen vermarktet werden? Ins Gespräch gebracht wurde auf der Messe der Begriff „German Highlands“. Kann ich unseren thüringischen Wanderfreunden demnächst lobend sagen, sie seien gute Highlander? Hätten die Franzosen gleiche Sorgen oder wären sie selbstbewußter in Hinblick auf ihre traditionellen Regionalbezeichnungen?

 

Die neuen Wege kehren wie neue Besen hoffentlich gut. Jedenfalls wird von verschiedenen Seiten von „Qualität“ gesprochen. Maßstäbe für ausreichende Qualität definieren in Deutschland gegenwärtig zwei Institutionen: Das Deutsche Wanderinstitut in Marburg, das von Prof. Brämer ins Leben gerufen wurde, (Selbstdarstellung unter dem Motto: „Wir gestalten Wanderwelten“ www.wanderinstitut.de ) und der Wanderverband in Kassel, der das Zertifikat „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ vergibt. Der Eggeweg, der Frankenweg und der Kellerwaldsteig dürfen sich jetzt mit diesem Qualitätssiegel schmücken. Ich würde mich über Erfahrungsberichte von solchen „zertifizierten“ Wegen, wie das auf neudeutsch heißt, freuen!

 

 

 

 

 

 

 

 

Wege werden zu „Markenartikeln“ mit geschützten Logos, die dann weiterverkauft werden. Ich übertreibe: Der zukünftige zünftige Wege-Wanderer soll an seinem T-Shirt mit Wege-Logo erkannt und anerkannt werden. Auf dem Rothaarsteig, dem ersten dieser neuartigen „Premiumwege“ kann man jetzt schon Wandersocken der Firma Falke mit eingewebtem Rothaarsteig-Zeichen kaufen. Und weil die Initiatoren klotzen und nicht kleckern wollen, wird in die Markierung ordentlich investiert: Bei dem Uplandsteig z.B. erhielten die brusthohen quadratischen Holz- Pfähle für die Anbringung des dynamischen U-Logos einen Metallfuß und eine Blechabdeckung, so zumindest in der Werbebroschüre. Wie sehen die Pfähle in zehn Jahren aus? Können da die Traditionsvereine mit ihren vielen tausend Kilometer von markierten Wegen mithalten?

 

Auf die „Inszenierung“ der neuen Wege wird großer Wert gelegt. Auf der VIA NOVA (Informationen unter: www.pilgerweg-vianova.at erhalten die Wanderinnen und Wanderer einen Umhänger mit einem Logo-Amulett und sollen nach Möglichkeit einen hölzernen Wanderstab mit einem Feldblumenstrauß tragen. Zitat: „Wir erkennen auf dem Logo eine Gestalt, die beide Arme nach oben streckt. Darüber gespannt ist das Firmament, gewissermaßen, das göttliche, das schützende Prinzip.“ Die „ausgewählten Pilgereinkehr-Partnerbetriebe sind damit ebenso ausgewiesen wie spezielle Ausformungen am Wege.“ Der Weg „soll auf die Seelenlage der Menschen der heutigen Zeit und auf den Zustand des öffentlichen Lebens in Europa eingehen. Weder der Einzelne, noch die Welt von heute hat sich aus sich selbst heraus entwickelt. Es gibt einen uns alle verbindenden Geist. Diesen Geist gewissermaßen vom „Himmel“ auf die Erde und in unser persönliches Leben herab zu holen, könnte der zentrale Gedanke des Pilgerweges sein.“ Für Gruppen werden ab Sommer 2005 „spirituelle Pilgerweg-BegleiterInnen“ bereitstehen, deren Ausbildung in einem Zertifikatslehrgang bereits angelaufen ist... 

 

Als zusätzliches Element einiger neuer Wege werden sinnstiftende Gefühle und Werte verkauft. Das geht bei den sogenannten Pilgerwegen relativ einfach. Es kann aber auch zu verquasten Vorstellungen der Wegemacher kommen, denen ich persönlich skeptisch gegenüberstehe. In Schwaben wird für ein Ort als Abschluß eines Flurbereinigungsverfahrens ein „Besinnungsweg“ projektiert. In dem Vorbereitungspapier heißt es u.a. für die mit dem Weg verknüpften Absichten: „Die Natur als Lehrer und Heiler innerer Bedürfnisse nach Harmonie und Einfachheit in sich und in seiner Umwelt zu entdecken. Dafür scheinen sich besonders alte, aber auch neue Pilgerwege zu eignen, für die ein wachsendes Interesse festzustellen ist. ... Die Landschaft und ihre unterschiedlichen Plätze und Qualitäten lehren uns ein Wissen, das wir nur zum richtigen Zeitpunkt vor Ort erfahren können.“ Das sind doch Leerformeln mit einem großen Schuß Zivilisationskritik. Ein anderer Referent der Tagung, ein bekennender Wünschelrutengänger, wollte neue Wege entlang von „“Kraftlinien“ zu besonders „strahlenden“ Orten führen. Das wären u.a. Kapellen und Klöster, deren örtliche Festsetzung seinerzeit auch durch solche „Wissende“ vorgenommen worden sei. 

 

Es ist ein charakteristisches Vorgehen der Marketing-Macher, daß das Produkt weniger wichtig wird, als die mit der Marke verbundene „Geschichte“. Beispielhaft verweise ich auf einen gut gemachten, mit EU-Mitteln geförderten Prospekt aus dem Bayerischen Wald („Grenzenlos Natur erleben“) hin. Er führt folgende Wege auf:

 

 

 

 

 

 

 

 

      Baierweg                      Böhmweg                      Gunthersteig

 

 

 

 

 

 

 

 

                                   Goldener Steig              Pandurensteig               Gläserner Steig

 

Europäischer Fernwanderweg E6, Europäischer Fernwanderweg E8.

Bei diesen Begriffen wird die Volksgruppen beiderseits des Gebirgskammes erinnert, an einen Graf aus dem 10. Jahrhundert, der gegen Ende seines Lebens auf Amt und Würden verzichtete und Einsiedler wurde, an das Gold, das bei Salztransporten über den Böhmerwald verdient wurde, an das Glas, das mittels Holzkohle in Saison-Arbeit gewonnen wurde und an eine aus Südungarn stammende Söldnertruppe aus Zeiten, wo der Grundsatz galt, daß der Krieg sich „aus dem Land ernährt“ mit schrecklichen Folgen für die jeweilige Bevölkerung. Aber ein Säbel als Wege-Signet ist doch sehr schön! Daneben sind die Namen und Zeichen der beiden E-Wege geradezu knochentrocken-nüchtern. Meine Bemerkungen sind vielleicht unnötig-mäkelnd, aber ob auf den Spuren von Pilgern, Kaufleuten oder Soldaten, wir sollten doch wissen, was wir tun und wem wir nachfolgen. 

 

Neben dem „sinnstiftenden Wandern“, der „Selbstfindung“ gibt es als Modetendenz oder Parallel-Entwicklung das Sportwandern, d.h. es kommt auf Ausdauer und Geschwindigkeit der durcheilten Wege an. Oder es sollen Nicht-Wanderer mit Gesundheits- oder Wellness-Verheißungen und ausgerüstet mit neuer Kleidung oder Walkingstöcken vom Sofa weggelockt werden. Da gibt es so verlockende Angebote wie Gesundheits-Walking mit 100 bis 110 Schritten je Minute, es folgt Fitness-Walking und steigert sich zum Power Walking mit mehr als 130 Gehbewegungen je Minute. Als Sonderformen werden Intervall Walking, Aqua Walking, Weight Walking (mit Gewichten in den Händen) oder Nordic Walking ins Gespräch gebracht. Da bleibt beim Beobachten der Einhaltung der Regeln keine Zeit mehr zum eigenen Entdecken von Landschaft und Wegen...

 

Wer sind nun überhaupt die Nutzer dieser verwirrenden Angebote? Es gibt Erfahrungen, die wir „Netzwerker“ auf den Wegen gemacht haben; es gibt Aussagen von Verbandsfunktionären und es gibt als einzige systematische Beobachtung die Angaben von Prof. Brämer. Unter der Kategorie „Wanderer“ wird m.E. viel in einen Topf geworfen. Es gibt die Spaziergänger, die von zu Hause aufbrechen und entweder direkt oder mittels Fahrzeug zu einer ein- oder mehrstündigen Wanderung aufbrechen. Wenn Menschen sagen, daß sie wandern, machen sie in der Regel von einem Ferienort aus, längere Spaziergänge. Mehrtägige Wanderungen von Ort zu Ort sind wirklich selten, und die regionalen Unterschiede kommen noch dazu. In den Alpen und einigen Mittelgebirgen gibt es eine Tradition der mehrtägigen Wanderung, in den Tieflandgebieten wage ich das zu bezweifeln. 

 

Was bedeuten die skizzierten Verhältnisse für unseren Verein? Wo ist unser Platz zwischen den verschiedenen Akteuren? Was nimmt sich der Verein für die nahe Zukunft vor? Was ist insgesamt als Strategie bei schwachen Kräften zu erreichen? Als Vereinigung sind wir wichtig, weil wir die Interessen einer spezifischen Gruppe vertreten, nämlich der mehrtägigen Wanderer, die ihre Tour selbst planen und durchführen. Wegemacher denken aus der Perspektive einer Vermarktung des Weges. Wir müssen ein Denken aus der Perspektive der Wanderer einfordern. Ich konnte kaum erkenn, ob die „Macher“ der neuen Wege, Übernachtungsangebote in ihre Überlegungen einbezogen haben. Das kann in so dichtbesiedelten Zonen wie dem Rheintal oder Mittelhessen wenig relevant sein, aber in Gegenden, die sich langfristig entleeren werden, wie Teile von Sachsen-Anhalt oder Vorpommern, ist das unumgänglich. 

 

In anderer Weise könnte unserem Verein Konkurrenz aus dem geplanten „WanderNetzwerk“ erwachsen. Das beruht auf einer Initiative des Wandermagazins. Der Slogan, unter dem die neue Organisation auftritt, lautet: „Das Netzwerk ist kein Verein, sondern eine Bewegung: Hier werden die Weichen für die Zukunft des Wanderns und des Wandermarktes gestellt.“ Damit ist ein kommerzieller Aspekt der Einrichtung unübersehbar. Informationen sollen leicht abrufbar aufbereitet werden, der jährlicher Beitrag für Einzelpersonen beträgt 60.- € . Wenn man da ist, kann man auch mal schnell den Internet-Auftritt des Wandermagazins www.wandermagazin.de  ansehen. Die Datei „Archiv“ ist noch ziemlich mangelhaft, ich hatte spielerisch die Begriffe „Europäischer Fernwanderweg 5“ und „Polen“ eingegeben. Bei Polen Fehlanzeige, bei E 5, zuvor in Kurzform ebenfalls nichts, beim Langtext stolz: „6 Treffer“, darunter „Auf dem E 4 durch den Peloponnes“ und einige Beiträge aus Ostdeutschland, aber nichts konkretes über den erfragten Europaweg. Ich bin sicher, daß da noch viel Energie reingesteckt wird, möchte man doch über diesen Weg auch Kunden- sprich Abonnenten-Beziehungen aufbauen.

 

Erschienen in "Wege und Ziele"

Netzwerk Weitwandern e.V. Ausgabe 15 - Dezember 2004

 

 

Grundsätze zur Markierung von Fernwanderwegen -

Überlegungen aus der Sicht der Nutzer

 

Die Markierung muß verläßlich und selbsterklärend sein!

 

Der Wanderer und die Wanderin lassen sich auf einen vorgegebenen Weg ein. Sie sind ortsfremd, haben nicht immer eine optimale Karte und gehen in der Regel den Weg zum ersten Mal. Diesem Vertrauensvorschuß muß eine verläßliche Markierung entsprechen. Anderseits darf ein Übermaß an Beschilderung nicht zu einem Nachlassen der Aufmerksamkeit bei der Beobachtung des zu durchwandernden Geländes führen. Ein gewisses Maß an Spannung und Überraschung bei der Wegefindung ist gut und entspricht der vergleichsweise langsamen Fortbewegungsart.

 

Fernwanderwege sollten sich von lokalen Wegen unterscheiden. Fernwanderwege sollten durchgängig in gleicher Form markiert werden. Das führt zum Vertrautwerden der Benutzer. Hinweise auf Abzweigung von anderen Fernwegen sind wichtig.

 

Kritische Punkte sind Gabelungen oder Kreuzungen oder das Verlassen eines Wirtschaftsweges zugunsten eines Pfades oder einer Querfeldeinstrecke. Das in Frankreich praktizierte System der Kombination der Zeichen „Richtungswechsel“ durch winkelförmige Verdopplung und gleichzeitig die Markierung der „falschen Wege“ durch Diagonalkreuz hat viele Vorzüge  im Vergleich zu „Wegweisern“. Schilder auf Pfählen oder Pfosten sind häufig Opfer von Vandalismus.

 

 Markierungen sollten auch unabhängig von Richtungs- oder Wegewechseln in einem gewissen regelmäßigen Abstand, z.B. alle 400 m angebracht werden. Das gibt Sicherheit, wenn eine vorhergegangene Markierung beseitigt oder übersehen wurde. Auch eine Markierung bald hinter einer Kreuzung erhöht das Sicherheitsgefühl. Es ist hilfreich, wenn sich auf einem Weg oder Wegabschnitt eine gewisse „Handschrift“ herausgebildet hat, z. B. ähnliche Abfolge und Höhe der Markierung.

 

 Die Markierungen müssen beide „Laufrichtungen“ beachten. d. h. entweder eine Markierung „parallel“ zum Weg oder ausnahmsweise zwei Markierungen jeweils für die Hin- und Gegenrichtung haben.

 

Die Markierung sollte regelmäßig überprüft werden.

 

Die Markierung soll auf den Typ der Umgebung und die Eigenart der Wegeabschnitte eingehen und dabei sowohl den Maßstäben des Naturschutzes und des Landschaftsbildes entsprechen und auf religiöse und kulturhistorische Belange Rücksicht nehmen. Die Markierung kann z. B. in bebauten Gebieten, in offener Landschaft, auf Wirtschaftswegen, auf Pfaden, bei Wegeführungen quer über Wiesen und Waldabschnitte andere Maßstäbe haben.

 

Ein Übermaß an Markierungen ist zu vermeiden, es soll Diskretion gegenüber der Landschaft und älteren Gebäuden walten, z. B. keine Markierung an Bildstöcken und Wegekapellen, angepaßte Materialien und Formen. Farbige Striche auf Bäumen und Steinen sind in diesem Sinn besser als Kunststoffstreifen oder Blechschilder. Die Markierung von Fernwanderwege braucht nicht das „Design“ von Schnellstraßen oder die Qualität von „Sammlerstücken“.

 

Beschlossen durch den Vorstand im Sept. 2004

 

Erschienen in "Mitteilungsblatt"

Netzwerk Weitwandern e.V.  Ausgabe 14 - August 2004

 

 

Resolution

 

Der Verein „Netzwerk Weitwandern“ verabschiedete auf seiner Mitgliederversammlung am 28. Sept. 2002 als Anregung an die regionalen deutschen Wanderverbände, den Deutschen Wanderverband und die Europäische Wandervereinigung (EWV) folgende Resolution:

 

Farbe bekennen für Weitwander-Separate Führung von Wanderwegen und Radwegen!

 

Die Vereine und Wander-Verbände werden gebeten, im Rahmen ihrer eigenständigen Wegemarkierungen wie bei ihren Mitsprache- und Mitwirkungsmöglichkeiten mit den Gebiets-körperschaften auf eine Trennung von Fuß- und Radwegen zu dringen. Zumindest bei der Neuanlage von Wegen sollte eine gemeinsame Nutzung keine Regel sein. Dies sollte besonders dort gelten, wo Wege mit einem besondern Qualitätsansprüche entstehen z.B. als Hauptwanderwege oder Europäische Fernwanderwege. Damit kann zwar nicht die Planungshoheit der Gemeinden aufgehoben werden, doch sind diejenigen Institutionen angesprochen, die derartige Prädikate „vergeben“.

 

Gravierend ist die Situation insbesondere im Flachland oder entlang von Flüssen, wo das Radwandern in den letzten Jahren enorm zugenommen hat und wo die Gemeinden und die Tourismusbranche diese Zielgruppe massiv bevorzugen. Diese konfliktreiche Situation konnte auf dem E 9 in Mecklenburg beobachtet werden, aber im europäischen Maßstab auch auf dem E 4 zwischen Wien und Bratislava (Preßburg). Es steigert nicht die Attraktion des Weitwanderns und beeinträchtigt das Selbstwertgefühl der Wanderinnen und Wanderer, wenn ihre Langsamkeit sie zu „Menschen zweiter Klasse“ macht und sie wie „Störer“ wirken. Auf die steigende Unfallgefahr für Wander/innen und Radfahrer wird besonders hingewiesen, da eine steigende Anzahl von Menschen hörgeschädigt sind und ein von hinten und ein von hinten heranfahrendes Rad nicht wahrnehmen können. Ein solcher Appell richtet sich nicht gegen gelegentliche Mountainbiker auf Wanderwegen, gleiches gilt auch für einzelne Reiter.

 

Aufrufe der Art „Seid nett zu einander!“ helfen nicht weiter. Bei Inanspruchnahme gleicher „Raumkorridore“ muß es zu einer Trennschärfe bei der Wegeausweisung beider Zielgruppen kommen, z.B. bei Steilufern Radwege am Fluß und Fußwege mit der Chance auf wechselnde Aussicht an der oberen Geländekante. In Rahmen einer generellen Überprüfung der Wege sind für Wander unbefestigte Wege als Regel anzustreben! Denn unabhängig von den hier angesprochenen direkten oder indirekten Konflikten sind befestigte Wege eine Belastung für die Füße. Dabei muß immer daran erinnert werden, Wanderwege sind kostengünstiger und landschaftsverträglicher als Radwege herzustellen.

 

Weitwanderer haben ihre „unmoderne“ Fortbewegungsart und die Nutzung von ungewöhnlichen oder vorindustriellen Wegen bewußt gewählt. Das ermöglicht ihnen u.a. auch ein genaueres Wahrnehmen und Wertschätzen der Pflanzen- und Tierwelt und der Kulturlandschaft. Bei ihrer Langsamkeit kommt der Fixierung von Etappen-Orten große Bedeutung zu. Bei Berücksichtigung solcher Bedürfnisse sind langfristig z.B. beim Durchwandern von entleerten Räumen auch strukturverbessernde Effekte zu erwarten.

 

Für den Vorstand:   Dr. Lutz Heidemann

 

Erschienen in "Mitteilungsblatt" Zeitschrift des Vereins

Netzwerk Weitwandern e.V.  Ausgabe 8 - Oktober 2002

 

 

 

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