Portugal Via Algarviana

6 Jahre 6 Monate her - 6 Jahre 6 Monate her #1 von ViaAlgarviana
Die portugiesische Via-Algarviana ist eine Weitwanderung, die ein guter Wanderer in 12 bis 14 Tagen schaffen kann. Gefährlich ist die Tour nicht wirklich, aber auf die leichte Schulter nehmen sollte man sie auch nicht. Für die meisten geht es um die Selbsterfahrung. So war das auch bei mir, als ich mir die Tour erstmals erwanderte. Nach vielen Jahren ohne Urlaub katapultierte ich mich für zwei Wochen aus meiner Zeitungsarbeit heraus und wanderte von der spanischen Grenze zum Südwestkap Europas – einmal quer durch Portugal - 328 km weit. Jetzt wandert der Journalist und bäuerliche Selbstversorger den Weg zwei Mal im Jahr als Lotse und Geschichtenerzähler für andere Weitwanderer.

Dafür muss ich körperlich gesund sein. Außerdem sind vernünftiges Schuhwerk und so wenig Gepäck wie möglich von Vorteil. Die Tour beschert den meisten Teilnehmern eine überraschende Selbsterfahrung: im Rucksack befindet sich nur, was man für die zwei Wochen braucht und auch selbst tragen kann, eine erste gute Selbsterfahrung. Weniger ist Mehr.

Als ich erstmals Teilnehmer am Flughafen abholte, war da auch Bernie (62)* aus München. Da saß er im Flughafen-Bistro, 172 Zentimeter groß und 125 kg schwer, trank seinen Milchkaffe, aß ein „Pastel de Nata“, und kämpfte mit seinen zwei großen Reisetaschen, die zusammen 48 kg wogen. Bernie der Chefkoch eines Klosters, wollte die Via-Algarviana mit mir wandern. Da war auch Karl (42), der gestresste Banker aus Frankfurt. Alle paar Minuten klingelte sein Mobiltelefon und er rief „Verkaufen“ in den Hörer. Solche Dinger werden jetzt vor jeder Wanderung abgestellt. Cooler waren da schon die beiden siebzigjährigen Freundinnen aus Jülich, im früheren Leben Gymnasiallehrerinnen, die mit ihren Täschchen die ganze lange Strecke absolvierten. Ein 0,33 Liter Fläschchen Wasser in der einen, das Handtäschchen in der anderen Hand, tranken die beiden zum Abschluss eines jeden Tages einen Wodka. Das hatte Stil. Am Ende tauschten sie den Wodka gegen Medronho.

Zur Ausrüstung ist zu sagen, dass man sich auf Regen und Sonne einstellen muss. Wer zwei Paar gutsitzende Socken mitnimmt, schafft sich eine Basis für die Tour. Denn wer Blasen an den Füßen kriegt, leidet mit jedem Schritt und die Wahrscheinlichkeit, dass er/sie die Tour vorzeitig beendet, steht gut. Einen Regenschirm nimmt sich auch mein Wanderfreund Jürgen immer mit auf den Weg. Wenn ihm die Sonne auf den Kopf brennt, spannt er diesen als Sonnenschutz auf. Den hatte er schon dabei, als er sich 2007 zu Fuß von Berlin aufmachte und nach einem halben Jahr Portugal erreichte.

Jeder Mensch verfügt über ungeheure Kraft- und Energiequellen. Die darf man nicht einfach verschwenden. Man muss sich seine Kräfte in diesen 12 bis 14 Tagen gut einteilen. Deswegen dienen die ersten drei Tage dem puren Aufbautraining: 22 bis 25 km täglich, Schwimmen im Gebirgsbach inklusive. Am vierten Tag geht’s dann hinauf ins Gebirge und das 30 Kilometer lang. Wer das schafft, findet sich abends in der Wanderschule von Feiteira wieder, sitzt mit der Gruppe am Küchentisch und grillt flambierte Chouriço auf Medronho, eine seltene Spezialität des Landes und kann mit mir über den Weg zu sich selbst sprechen. Währenddessen dreht sich im Hintergrund die Trommel mit schmutziger Wäsche in der Waschmaschine.

Mancher Manager geht an solchen Tagen früher schlafen, weiß sich aber mit dem Hochbett im 6-Bett-Zimmer noch nicht so recht zu helfen. Auf der gesamten Tour gibt es nur ein 4-Sternehotel. Alle anderen Quartiere sind der Natur angepasst und man muss auch schon mal seine Betten selbst beziehen. So kommt es, das Karl die Decke vergisst und nur unter dem Laken schläft und tapfer die ganze Nacht über friert. Am nächsten Morgen ist er dann ein bisschen steif. Aber in Portugal gibt es wunderbaren Kaffee und noch bessere Abenteuer. Gut allerdings ist die Nahrung für den Wanderer. Die Tour bietet alles, was die traditionelle Küche des Landes hergibt: gerösteten Oktopus in Knoblauch- und Olivenöl mit Pellkartoffeln, Gulasch vom Wildschwein, frischen Fisch und Meeresfrüchteeintopf, auch vegetarische Speisen und dazu süffige Weine.

Während einer solchen Tour erlebt jeder Momente der Schwäche. Dann sollte man sich das eingestehen und mit den anderen kommunizieren. Solange alle miteinander reden, können sie auch Leistungen abrufen und sich gegenseitig stärken. Das ist besonders notwendig, wenn der Marathontag beginnt. Am achten Tag geht es von Alte nach Silves und das sind 43 Kilometer vorbei an Seen und immer das Monchique-Massiv vor Augen. Am neunten Tag stürmen wir dann hinauf ins Gebirge. Mit jedem Tag sind wir trittsicherer auf beiden Füßen.

So entsteht Vertrauen. Ich bin überzeugt davon, dass sich Motivation nachhaltig positiv entwickeln lässt und dass sich viele Führungskräfte selbst viel besser motivieren könnten, wenn sie sich mindestens einen Tag pro Woche in der Natur aufhielten. Dass sie mit ihren Mitarbeitern anders umgehen, aufmerksamer hinhören, sich mehr darum kümmern, dass die Mitarbeiter ihnen wirklich vertrauen. Für die meisten meiner Teilnehmer markiert so eine Weitwandrung auch einen Neuanfang. Spätestens wenn wir den Gipfel des Picota (knapp 800 Meter hoch) erklimmen und zurückblicken, sehen wir den Atlantik an den Horizont stoßen, das Meer ans Land und das Gebirge zum Meer hinunter. Erstmals erblicken wir das Südwestkap vor uns. Dorthin wollen wir und wir haben noch vier Tage vor uns.

Ich merke, wie leicht mir jede Tour in der Zwischenzeit fällt. Kraft? Kein Problem. Ausdauer? Auch das. Ich habe jetzt richtigen Spaß an jeder Wanderung, denn ich wandere darüber hinaus immer mittwochs. Das ist der Tag, an dem ich nicht in den Verlag gehe, sondern mit den Freunden des Portugiesischen Wandervereins in die Natur.

Wir bewegen uns durch südliche Landschaft und Lebensart: durch Berge und Täler, Flüsse und Seen, Flora und Fauna. Wir treffen Schäfer, Waldbauern und Schnapsbrenner. Unser Weg kreuzt sich mit Chamäleons, Schlangen, Skorpionen, im Oktober eines Jahres kommen die Geier. Wir finden Zuflucht vor Sonne und Regen unter jahrhundealten Korkeichen und beobachten die langsam kreisenden Bonelli-Adler. Der Duft von Rosmarin, von blühenden Orangen und wilden Orchideen begleitet uns im April. Wir reduzieren unsere Geschwindigkeit und entdecken unsere ureigene Langsamkeit wieder, eine Reise durch Zeit und Raum. Nach knapp zwei Wochen erreichen wir das Kap. Die Brandung des Atlantiks schlägt in die Felsen. Da sind wir nun. Kaum zu glauben, was zwei Beine bewegen können.
*1 Namen geändert

Uwe Heitkamp (55) lebt seit 25 Jahren in den Bergen Portugals, ist Chefredakteur der nachhaltigen Wirtschaftszeitschrift ECO123, Filmemacher und Buchautor. Er lebt von ökologischer Landwirtschaft, von Produktion und Verkauf des Solarstroms und wandert für sein Leben gern. Seine nächste Via-Algarviana Weitwanderung findet mit maximal acht Teilnehmern im April 2016 statt.

Mehr Info: www.via-algarviana.com und www.eco123.info

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