
Auf den Spuren von Caspar David Friedrich (CDF) durch die Sächsische Schweiz
Nach langer, schwer erträglicher Abstinenz mit echten Entzugserscheinungen aufgrund einer hartnäckigen Achillessehnenentzündung ist endlich mal wieder eine, wenn auch moderate, Weitwanderung angesagt.
Wenn man Spaß am Wandern hat muss man eigentlich auch Fan von CDF sein, in dessen Werk das Wandern ein ja immer wiederkehrendes Sujet ist. Anlässlich seines 250. Geburtstages im vorigen Jahr habe ich eine großartige Ausstellung seiner Bilder in Dresden besuchen können und da ist mir ein kleines Büchlein in die Hände gefallen „Wandern mit Friedrich“, das in mir die Idee geweckt hat, doch mal auf seinen Spuren auf dem Malerweg durchs Elbsandsteingebirge zu wandern. Voila, nun bin ich in Pirna, wo der Weg beginnt.
Pirna ist übrigens ein ganz reizendes Städtchen, gar nicht in erster Linie durch CDF bekannt sondern wegen eines ganz anderen Malers, den es aus Italien hierher verschlagen hat, Bernardo Bellotto, besser bekannt unter dem Namen Canaletto. Er war 1953 in Pirna und hat mit seinen 11 Stadtbildansichten von Pirna die sächsische Kleinstadt weltbekannt gemacht.
Den Marktplatz kann man heute noch fast genauso erleben, wie er ihn einst gemalt hat. Das ist nicht zuletzt darin begründet, dass er sich, seiner Zeit im 18. Jhdt. weit voraus, der Camera Obscura zum Abpausen realer Szenen bedient hat, um dann auf dieser Grundlage seine Gemälde zu schaffen. Folglich ist Pirna, das auch noch weitere, z.T. mit viel Liebe zum Detail restaurierte Sehenswürdigkeiten zu bieten hat, der passenden Auftakt zu einer Wanderung auf dem Malerweg.
1. Etappe: Liebethal – Stadt Wehlen
„Zwei Reihen einander gegenüber stehender Sandsteinfelsen, welche die Natur aus ungeheuren Blöcken gethürmt hat, bilden ein tiefes, einsames Tal, durch welches die Wesenitz bald sanft sich schlängelt, bald über herabgestürzte Felsenstücke rauchsend dahinströmt.“
Man kann die erste Etappe des Malerweges zwar auch direkt in Pirna beginnen, dann dauert sie aber deutlich länger ohne dass dadurch allerdings ein wanderspezifischer Mehrwert entsteht – es geht immer durch die Stadt. Also folge ich dem Rat meines Wanderführers und fahre mit dem Stadtbus der Linie G bis zur Endhaltestelle, wo ich unmittelbar in den Liebethaler Grund hinabsteigen kann, die erste Schlucht, die ich heute durchquere. Die Wesenitz hat sie über Jahrtausende in den weichen Elbsandstein gegraben und buddelt noch immer ständig weiter. So ist ein beeindruckender Naturraum entstanden mit bis zu 40 m hohen Felswänden, die mit fortschreitender Wanderung immer enger zusammenrücken. Und inmitten dieser Felslandschaft weitet sich plötzlich die Schlucht ein wenig und ich stehe vor einer üb erlebensgroßen Statue von Richard Wagner – der größten der Welt. Da fragt sich der gebildete Wanderer natürlich: Was um Himmels Willen hat ein Musiker am Malerweg verloren? Gab’s da noch ein weiteres verborgenes Talent des guten Richard oder ein genreübergreifendes Künstlerkomplott? Nichts von alle dem. Das Denkmal wurde 1912 anlässlich des 100. Geburtstages des Komponisten in einer Version für Dresden und Teplice entworfen, aber die beiden „undankbaren“ Städte wollten es nicht haben. Also wurde es erst mal eingemottet. Aber wohin damit? Der Aufstellungsort sollte schon einen Bezug zu Wagners Leben und Wirken haben. 1932 entsann man sich, dass die ersten Kompositionsskizzen zum „Lohengrin“ hier im Liebethaler Grund entstanden sind und so kam das Denkmal hierher – jwd. Und seit jener Zeit erwartet den Wanderer auf dem Malerweg ein außergewöhnlicher Kunstgenuss: Auf Kopfdruck ertönt im Wald die Ouvertüre zur Oper „Lohengrin“, begleitet vom Rauschen der Bäume und der Wesenitz. Das hat man auch nicht alle Tage.
Kaum hat man dieses Erlebnis in seiner vollen Wucht auf sich wirken lassen, geht’s an der Daube-Mühle, einer denkmalgeschützten Wasserkraftanlage, raus aus der Schlucht hinauf nach Mühlsdorf. Hier ändert sich der Wegcharakter um 180°. Vorbei an Wäldern und Feldern mit schönen Fernblicken verläuft der Malerweg in einem große Bogen um das Dorf herum, um dann auf halsbrecherischem Pfad, der auch noch nass und rutschig ist, hinabzuführen in die Lohmener Klamm, die ihre Existenz ebenfalls der Wesenitz verdankt. Finster und feucht ist es hier aber nach einer Brückenquerung geht es wieder steil dem Licht entgegen hinauf nach Lohmen, wo mich an einer Straßengabelung eine Friedenslinde willkommen heißt. Sie wurde nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 gepflanzt neben einer Gedenkstätte, für die in diesem Krieg gefallenen Einwohner der Gemeinde Lohmen. Das Original musste allerdings 1996 sicherheitshalber gefällt werden und seit 1999 wächst hier das heutige Exemplar. Aber auch unter ihr ist schon gut rasten.
Auf den letzten Kilometern hat mich eine Österreicherin begleitet, die für einen Verlag Wanderführer über Fernwanderwege in Deutschland für den österreichischen Mark schreibt und derzeit auch an einem Führer über den Malerweg arbeitet. Wir haben uns sehrt angeregt unterhalten, was mich allerdings ein wenig erstaunt hat, dass sie, obwohl sie über diesen Weg schreibt, offenbar noch nie etwas von Canaletto oder Caspar David Friedrich gehört zu haben scheint. Sei’s drum, nachdem ich von ihr noch ein Foto unter der Friedenslinde gemacht habe, verabschieden wir uns freundlich, nicht ohne dass ich sie noch auf unsere Homepage hingewiesen habe, und ich mache mich nach meiner Mittagspause auf in die nächste Schlucht. Mich erwartet der Schleifgrund, in dem ich jetzt den Nationalpark Sächsische Schweiz betrete, wie mich eine Tafel am Weg informiert, natürlich nicht ohne mich ausführlich darauf hinzuweisen, was fortan alles verboten ist. Die Schlucht ist das absolute Highlight dieser Etappe. Zwischen moosbehangenen turmhohen Felswänden windet sich ein schmaler Pfad immer weiter hinab Richtung Elbufer. Absoluter Höhepunkt dieses Wegabschnittes ist das Uttewalder Felsentor, dessen Durchquerung nur in gebückter Haltung möglich ist – gut, dass mein neuer Rucksack kleiner ist als der alte, dann geht’s nicht so auf die Knie. Kurz nach dem Tor wird der Weg dann wieder kommoder und führ am urigen Wirtshaus „Walidylle“ vorbei, wo man noch mal eine angenehme Pause hätte einlegen können, aber, wie so oft in diesen Zeiten, geschlossen und zum Verkauf stehend. Also noch eine gute halbe Stunde weiter bis Stadt Wehlen, dem heutigen Etappenziel, äußerst malerisch an der Elbe gelegen. Da ich früh dran bin und mein Zimmer noch nicht bezugsfertig ist, gehe ich erst mal Kaffee trinken und besuche anschließen die Radfahrerkirche, die gerade eine nette kleine Ausstellung einer aktuellen Künstlerin mit Motiven aus dem Elbsandsteingebirge beherbergt, die einst auch CDF skizziert hat – ein passender Abschluss einer schönen Etappe. Zum Abendessen empfehle ich, mit der Fähre auf die andere Elbseite zu schippern und sich auf der Terrasse des „Bauernhäusl“ niederzulassen, direkt am Flussufer.
2. Etappe: Stadt Wehlen – Hohnstein
„Heute bin ich mit der Kleinen Gans fertig geworden. Es ist sehr schlecht gerathen, so dass ich mich schämen möchte, es für meine Arbeit gelten zu lassen,“
Heute geht’s in die Heimat des berühmten Hohsteiner Kaspers aber tri-tra-trullala war diese Etappe nun ganz und gar nicht. Der Weg führt über drei der bekanntesten Felsformationen der Sächsischen Schweiz: Die Bastei, die Neurather Felsenburg und den Hockstein.
Die spektakulärste Formation ist wohl die Bastei, deren Felswände 200 m senkrecht zur Elbe hinabstürzen. Früher kamen hier nur Wagemutige mit einem Bergführer hin, bis dann 1851 die erste steinerne Brücke, die ausschließlich für den Tourismus gebaut wurde, den Zugang kinderleicht machte. Entsprechend überlaufen ist die Bastei denn auch. Der Malerweg führt genau drüber und so habe ich dann ebenfalls, eingehüllt in ein Gewirr von Sprachen aus allen denkbaren Weltgegenden, Schrittchen für Schrittchen die Brücke gequert. Mit viel Geduld ist es mir dann auch gelungen, die grandiose Aussicht auf das Elbtal zu genießen – irgendwann wird man ja in der Menschenmenge doch mal bis ganz nach vorne gespült.
Die anderen berühmten Aussichten auf dem Weg zur Bastei, die Wehlstein- und die Ferdinandaussicht, waren deutlich weniger frequentiert, schließlich erfordern sie zusätzlichen körperlichen Einsatz. An der Ferdinandaussicht muss einst auch CDF gestanden haben, denn die Felsnadeln der Bastei sind so, wie sie von dort zu sehen sind, auf einem seiner Gemälde verewigt (eine kleine Infotafel weist darauf hin). Ganz anders ins Bild gesetzt hat sie Hermann Krone, ein Dresdener Naturwissenschaftler, der 1853 hier an der Bastei die erste fotografische Landschaftaufnahme der Sächsischen Schweiz auf die Platte gebannt hat.
Hinter der Basteibrücke gelangt man durch ein schmales Felsentor zur Neurathener Felsenburg, die aber aus Sicherheitsgründen derzeit gesperrt ist. Also stiefele ich über endlos erscheinende Treppenstufen direkt von der Bastei hinunter in den Amselgrund. Ich muss gestehen, dass ich solche Treppenanlagen eigentlich nicht besonders mag, weil sie in der Regel überhaupt nicht meiner mir angenehmen Schrittlänge entsprechen. Aber hier in den Elbsandsteinfelsen sind sie die einzige Möglichkeit, tolle Schluchten und Ausblicke zu erleben und da will ich nicht meckern, schließlich komme ich ja auch heil unten am Amselsee an. Hier ist noch mal halli galli angesagt mit Bötchen fahren und Frittenbude aber dann wird es im Tal der Amsel, das ich hinaufsteige, wieder ruhig. Da ist der Weg auch deutlich anstrengender und so teile ich mir den Aufstieg bis zur Rathewalder Mühle nur noch mit einigen wenigen Leuten. Die malerisch gelegene Mühle lädt zu Pause und so kann ich, kuchengestärkt, mit dem Hockstein das nächste spektakuläre Felsungeheuer in Angriff nehmen.
Auch hier sind wieder viele, viele Leiter- und Treppenstufen zu bewältigen, nach knackigem Aufstieg überwiegend in einem steilen Abstieg durch eine lange, enge Sandsteinspalte – allzu rundlich sollte man hier nicht sein – bis hinab in die schummrige Wolfsschlucht. Den Seufzer „Samiel hilf“ hab ich mir aber verkniffen, man weiß ja nie. Nach der Schlucht geht’s etwas weniger steil noch hinunter bis ins Flusstal der Polenz, an deren Ufer ein hübscher Biergarten liegt. Nach einer kurzen Pause heißt es dann auf der anderen Flussseite durch den Schluchtwald des Schindergrabens wieder steil hinauf entlang farnbewachsener Steilwände, bemooster Steinquader und über glitschige Steinblöcke bis ich nach einem letzten Klimmzug über einen zugewucherten Hang vor den Mauerresten eines ehemaligen Bärengartens der Festung Hohnstein stehe, wie gesagt schon ein wenig eine Schinderei. Entlang des Burgfelsens führt dann ein bequemerer Pfad bis in den Ort.
Bevor ich mein Zimmer beziehe, schaue ich mir noch die Burg an, die allerdings heute nicht mehr sonderlich beeindruckend ist aber eine bewegte Geschichte hat.
Die Burg Hohnstein entstand im Zuge der bäuerlichen Ostkolonisation um 1200 als Verwaltungszentrum einer Grundherrschaft mit zugehörigen Dörfern im Wassereinzugsgebiet der Polenz. In den folgenden Jahrhunderten diente die Burg wechselnd als Verwaltungssitz (kurfürstliches Amt) sowie Gerichtsstand und Gefängnis. Im April 1926 wurde die Burg als Jugendherberge (Jugendburg) eröffnet. In den Jahren 1933/34 wurde in der Burg das Konzentrationslager Hohnstein für sogenannte „Schutzhäftlinge“ (etwa 5.600 politische Gefangene) eingerichtet.[8] Ab 1935 diente die Anlage wieder als Reichsjugendherberge der Hitlerjugend. Im Zweiten Weltkrieg war ein Kriegsgefangenenlager in der Burg untergebracht. Anfangs diente die Burg als Lager für Kriegsgefangene unterschiedlicher Nationalität. Nach Kriegsende diente die Burg als Zuflucht für Flüchtlinge, bevor sie 1949 wieder zur Jugendherberge wurde. Die größte Jugendherberge der DDR erhielt 1951 den Ehrennamen Ernst Thälmann verliehen. 1953 wurde hier auch das Naturwissenschaftliche Nationalmuseum für Geologie, Botanik, Zoologie, Ökologie der Landschaft eingerichtet. Nach der Deutschen Wiedervereinigung verblieb die Burg Hohnstein im Eigentum des Landkreises Sebnitz (ab 1994 Landkreis Sächsische Schweiz). Der Landkreis Sächsische Schweiz verpachtete die Burg Hohnstein 1996 an den Verein Häuserwerk des Vereins Deutsche Naturfreunde e. V., der hier das 1953 eingerichtete Museum sowie eine Jugendherberge mit rund 160 Betten betrieb und Räumlichkeiten für Feiern und Events. vermietete. Der Verein musste jedoch 2007 Insolvenz anmelden, dadurch konnten notwendige Investitionen in die Gebäudesubstanz nicht ausgeführt werden, so dass sich der bauliche Zustand bis heute weiter verschlechterte.
Pünktlich, nachdem ich geduscht und mich in meinem Zimmer eingerichtet habe, fängt es an zu regnen, aber über den Dorfplatz bis ins nächste Café schaff ich es allemal noch.
3. Etappe: Hohnstein – Bad Schandau
„Zur rechten scheint ein majestätischer Felsen, der Hockstein, gleich den Ruinen einer alten Veste, das Tal zu begränzen.“
Beim Checkout im Hotel wünscht mir die Chefin herzlich einen guten Weg und versichert mit der profunden Kenntnis der Einheimischen, es werde heute den ganzen Tag trocken bleiben. Kaum bin ich vor die Tür getreten, setzt unangenehmer durchdringender Nieselregen ein. Auch der Lebensmittelautomat, der mangels eines Ladens den Ort mit dem Nötigsten versorgen soll und aus dem ich noch etwas zu Trinken brauche, ist trotz guten Zuredens und gotteslästerlichen Fluchens nicht bereit, irgendetwas Trinkbares herauszurücken. Das fängt ja heute gut an geht dann aber super weiter. Zunächst einmal treffe ich am Ortsausgang den Hohnsteiner Kasper.
Der Hohnsteiner Kasper ist der Name eines Figurentheaters mit Handspielpuppen aus der Sächsischen Schweiz. Im Mittelpunkt steht der Hohnsteiner Kasper, der seine Probleme und Schwierigkeiten nicht mehr mit der Bratpfanne oder dem Prügel löst, sondern mit Humor und Einfallsreichtum. Er ist dabei aber kein Tugendbold, der die Kinder mit Moralpredigten langweilt. Er tut das Moralische rein vorbildlich, er moralisiert aber nicht. Und dieses Vorbild nehmen die Kinder in sich auf. Weitere Stilelemente sind das Spiel im Raum (Loslösung von der Spielleiste) sowie die Reduktion der Kulissen und Utensilien auf das Wesentliche. Statt ausgemalter Kulissen wurden oft verschiedenartige Vorhänge gewählt, vor denen die ausdrucksstarken Figuren noch besser wirkten.
Ein weiteres für die damalige Zeit neues Stilmittel war der Einsatz von eigens für die Inszenierungen komponierter Musik; bei den Hohnsteinern kam vor allem das Akkordeon zum Einsatz, live von den Puppenspielern hinter der Bühne gespielt, während auf der Spielleiste der Kasper mit einer Miniausführung des Instruments agierte.
Mittlerweile hat es sich ausgenieselt und auf verschlungenen felsigen Waldpfaden – manchmal fühlt es sich ein wenig wie bouldern an – führt mich der Weg stetig aufwärts, vorbei an zwei Höhlen, bis zum ersten „Wow“ des Tages, die Brandaussicht. Hier gibt’s eine schnuckelige Baude, wo man auch übernachten könnte, aber mir reicht es, dass ich hier meinen Getränkevorrat für den Weiterweg auffrischen kann.
Die Brandaussicht heißt nicht umsonst auch „Balkon der Sächsischen Schweiz“. Hoch über dem Tal der Polenz genießt man einen fantastischen 180°-Rundumblick mit den imposanten Tafelbergen am Horizont, die auch CDF immer wieder zum Skizzieren angeregt haben. Anschließend muss ich mir diese genussreiche Aussicht allerdings schwer verdienen. Über gefühlte tausend Stufen – in Wahrheit sind es „nur“ 850 – steige ich extrem steil hinunter in die Schlucht des Tiefen Grundes. Das freut die Oberschenkelmuskulatur und die Kniegelenke aber ich komme unbeschadet unten an. Doch das ist erst die halbe Miete. Nach einem kurzen Stück auf einer Asphaltstraße muss ich durch den Dorfbachgrund genau so viele Stufen wieder rauf, da kommen Oberschenkelmuskulatur und Kniegelenke dann aber mal so richtig ins Jubilieren. In Waitzdorf ist auch das wohlbehalten geschafft und zu allem Überfluss hat auch die Waitzdorfer Schenke noch geöffnet. Also gibt’s erst mal ein wohlverdientes Päuschen.
Nun verläuft der Weg eine ganze Weile auf der Höhe entlang der Ochelwände mit tollen Ausblicken z.B. auf den Lilienstein. Aber irgendwann hat der entspannte aussichtsreiche Spaziergang ein Ende und es heißt wieder absteigen. Das geht auf dem holprigen Schluchtwallpfad natürlich wieder ordentlich steil vonstatten durch den Kohlichtgraben, der aber sehr düster und gar nicht licht ist. Die letzten 600 m bergab führt dann ein Teersträßchen direkt zur Kohlmühle, einer riesigen vor sich hin verfallenden Industriebrache, einem echten lost Place mitten im Nationalpark. Ursprünglich eine Papierfabrik, wurde dort ab 1920 Linoleum produziert. Im 2. Weltkrieg diente der Komplex als Nachschublager für die Dessauer Junkerswerke. Nach der Niederlage wurde die Anlage von den Sowjets demontiert, um dann bis zur Insolvenz 1913 wieder als Linoleumwerk zu arbeiten. Während ihrer gesamten aktiven Zeit war die Kohlmühle der größte Umweltverschmutzer im Sebnitztal, das sich nur langsam davon wieder erholt.
Direkt hinter dieser Industriebrache wird’s wieder lieblich. Auf schmalem Wiesenpfad schlendre ich gemütlich entlang der Sebnitz, einem stark mäandrierenden Wildfluss, der des Öfteren mal auf kleinen Stegen überquert werden muss, bis mich dann ein letzter langer Anstieg aus dem Flusstal heraus nach Altendorf bringt. Hier ist eigentlich das offizielle Ziel der dritten Etappe des Malerweges, aber es gibt keine Übernachtungsmöglichkeit. Also muss ich noch ein Stück mit dem Bus nach Bad Schandau fahren, der schon ein paar Minuten nachdem ich an der Haltestelle ankomme, abfährt. So bin ich rechtzeitig in Bad Schandau und habe noch reichlich Zeit für einen Bummel durch die Kurstadt an der Elbe und natürlich für Kaffee und Kuchen, die ich, jetzt wieder in strahlendem Sonnenschein, direkt auf einer Terrasse am Elbufer genießen kann.
4. Etappe: Bad Schandau – Lichtenhainer Wasserfall
„Schandau ist berühmt für seine Mineralwässer und Bäder. Wir hielten außerhalb der Stadt in einer Taverne. Die Lage ist malerisch aber wir hatten keine Lust mehr auf malerische Situationen. Müdigkeit und ihr Bruder Hunger behinderten uns.“
Da ich ja in Altendorf vom rechten Weg abgekommen bin, fahre ich heute Morgen erst mal ein Stück mit der sagenumwobenen Kirnitzschtalbahn, um an der Ostrauer Mühle wieder Anschluss an den Malerweg zu bekommen.
Die Kirnitzschtalbahn verbindet seit 1898 auf 8 km Bad Schandau mit dem Lichtenhainer Wasserfall und führt mitten durch den Nationalpark.
Etwas Quietschen und Ruckeln gehört dazu, wenn sich die betagte Dame in die Kurve legt. Und das darf sie auch. Immerhin ist sie seit mehr als 125 Jahren unterwegs. Der nostalgische Straßenbahnbetrieb im Kirnitzschtal in der Hinteren Sächsischen Schweiz ist ein Highlight für Bahnromantiker. Hier verkehrt die einzige Straßenbahn weltweit, die in einen Nationalpark einfährt! Mit nur einer Linie ist es außerdem der kleinste Straßenbahnbetrieb in Deutschland!
Schon vor über 125 Jahren war die Strecke elektrifiziert. Über die Jahrzehnte wurde die Bahn immer wieder modernisiert. Heute werden 30% des Fahrstromes sogar durch Sonnenenergie erzeugt.
Als ich an der Ostrauer Mühle, übrigens ein riesiger Campingplatz, aussteige, kommt auch die Sonne heraus und es beginnt der erste Teil eines wieder wunderschönen Wandertages. Zunächst führt der Weg unspektakulär aber dafür umso steiler stetig durch den Wald bergauf. Aber hin und wieder lugen durch das dichte Laubwerk schon mal einige Felsformationen hervor, die ziemlich gigantischen Ausmaßes zu sein scheinen. Ja, und dann trete ich aus dem Wald heraus und stehe plötzlich unmittelbar davor: Rechter Hand der Falkenstein mit ihm hat sich CDF zeichnerisch oft auseinandergesetzt – und linker Hand die grandiose Gruppe der Schrammsteine. Der Weg verläuft direkt an deren senkrecht gen Himmel ragenden Wänden vorbei und ich muss immer wieder stehen bleiben und schauen, weil diese Kolosse so ungeheuerlich beeindruckend sind. Das ist noch mal eine ganz andere Nummer als die Formationen um die überlaufene Bastei und das Beste ist: Ich habe diese überwältigenden Eindrücke ganz für mich allein – keine Menschenseele weit und breit.
Mit dem Durchschreiten des weit geöffneten Schrammtores beginnt nun der ganz andere zweite Teil des heutigen Wandertages, quasi auf Tuchfühlung mitten hinein in den Fels. Über den Jägersteig geht es mit sehr viel Luft unterm Hintern auf schmalen Eisenleitern ca. 80 m senkrecht hinauf und es beginnt heftig zu regnen. Sofort sind Tritte, Fels und Handgriffe nass und rutschig und aus Spaß wird konzentrierter Ernst. Am Ausstieg geht’s dann auf einem Gratweg weiter, der glücklicherweise nicht allzu schmal ist, doch mit der tollen Aussicht, die hier nach beiden Seiten versprochen wird, isses allerdings auch nix. Wenigstens häng ich jetzt nicht mehr senkrecht am Fels und kann mich und meinen Rucksack regendicht einpacken. Eigentlich müsste ich auch mal eine Pause machen und was essen, aber bei diesem Gepladder gibt es dafür hier oben auf dem Grat weit und breit kein geeignetes Plätzchen. Also noch 1 1/2 km weiter bis zur „Breiten Kluft“, einer, wie der Wanderführer verheißt, großartigen natürlichen Aussichtsplattform, aber statt schöner Aussicht bin ich hier schutzlos dem Regen ausgeliefert, also schnell weiter. Nach 200 m entdecke ich dann eine kleine Felsgrotte, da kann ich, zwar im Stehen aber im Trockenen, mein Pausenbrot mümmeln.
Einigermaßen gesättigt werfe ich angesichts des heftiger werdenden Regens noch einen Blick auf den weiteren Wegverlauf: Steile Leitern, schmale steinige Pfade und seilversicherte Passagen sind angekündigt. Ich komme zu dem Schluss, dass ich mir das Geturne im strömenden Regen über seifenglatte Elbsandsteine mit meinen 78 Jahren nicht mehr unbedingt antun muss. Ein paar hundert Meter zurück gab‘s einen Wegweiser, der einen Weg hinunter ins Kirnitzschtal anzeigt, und da will ich ja schließlich auch hin. Also verlasse ich den Malerweg und steige direkt ab; nass aber wohlbehalten erreiche ich dann wieder die Kirnitzsch. Es gibt da auch noch einen Wanderweg, der mich zu meinem Hotel am Lichtenhainer Wasserfall führen würde, aber da kehre ich rasch wieder um, denn er ist nur noch eine unpassierbare Sumpfkuhle – es heißt hier wohl nicht umsonst „Nasser Grund“. Also steige ich noch einmal an diesem Tag in die Kirnitzschtalbahn, die mich dann in 10 Minuten bis zu meinem heutigen Etappenziel bringt. Als ich aus der Bahn steige, hört es natürlich auch sofort auf zu regnen und wenig später lässt sich auch die Sonne wieder blicken. Ärgert mich das? Mitnichten, eine schöne Zeit bei Kaffee und Kuchen im sonnenbeschienenen Biergarten und dem halbstündig einsetzenden Rauschen des Wasserfalls ist doch auch nicht zu verachten.
5. Etappe: Lichtenhainer Wasserfall – Schmilka
„Oft hängen große Wölbungen und Blöcke so weit über den Weg, daß man sich nicht ohne eine gewisse Ängstlichkeit darunter wegschleichen kann; und auf die obersten Höhen hat die Natur Steinblöcke von den sonderbarsten Formen ganz frei hingelegt.“
Die Nacht habe ich sehr geruhsam im Kuhstall verbracht, klingt schlimmer als es ist, „Kuhstall“ war lediglich der Name meines Zimmers. Doch der Kuhstall ist auch das erste Highlight auf dieser Etappe. Aber zunächst heißt es, auf einem schmalen Steg die Kirnitzsch zu überqueren und dann, das Flusstal verlassend, im Wald steil bergauf zu marschieren. Nach ungefähr einer guten Stunde taucht er dann plötzlich vor mir auf, der Kuhstall, ein riesiges 11 m hohes Felsentor, zu dem von der anderen Seite die Himmelsleiter mit 108 Stufen hinaufführt. Nachdem ich das Tor durchschritten habe, tut sich mir ein weiter, großartiger Blick auf die tief unten liegende Landschaft auf, ein echter Hingucker. Den Namen „Kuhstall“ trägt dieser Felsen schon seit dem 30-jährigen Krieg, war er doch in jener Zeit ein idealer Ort, an dem die Bauern ihr Vieh vor marodierenden Landsknechten verstecken konnten.
Nachdem ich ausgiebig die fantastische Aussicht genossen habe, heißt es nun, die 108 Stufen der Himmelsleiter fast senkrecht hinabzusteigen, bis ich wieder im Kirnitzschtal angekommen bin. Eine halbe Stunde später erreiche ich dann „Neumanns Mühle“, eine von zahlreichen ehemaligen Mühlen am Fluss, wo ich eigentlich die letzte Nacht hätte verbringen wollen, aber sie haben dort gerade mitten in der Saison Betriebsferien. Da ich ja vom Lichtenhainer Wasserfall gekommen bin, habe ich jetzt schon fast zwei Stunden in den Beinen und weil die Wetterprognose für den Nachmittag ziemlich düster aussieht, kürze ich den Malerweg ein wenig ab und laufe direkt zum „Alten Zeughaus“, wo ich wieder auf ihn treffen werde. Dort wäre der rechte Zeitpunkt für eine Mittagspause aber der Gasthof ist, wie ein Schild an der Tür ausweist, nur nach Belieben der Wirtsleute geöffnet und heute beliebt es ihnen wohl nicht. Aber das Infozentrum „Nationalpark Sächsische Schweiz“ ist offen und nachdem ich jetzt schon drei Tage in diesem Park unterwegs bin, ist es doch an der Zeit, sich anhand einer kleinen Ausstellung und eines interessanten Films etwas genauer über dieses Projekt zu informieren. Endlich kann ich mir auch mal, wenngleich ausgestopft, einen prächtigen Auerhahn ganz aus der Nähe betrachten. Ein Plätzchen für die Mittagpause findet sich dort ebenfalls noch und ein Park-Ranger bietet mir sogar einen Kaffee an.
Als ich das Zentrum verlasse, hat schon leichter Nieselregen eingesetzt, aber das ist noch kein Problem. Der Weg führt jetzt erst mal immer durch den Wald wieder stetig bergauf dem nächsten Etappenhighlight entgegen, dem Goldsteinausblick. Hier bewegt man sich wieder im typischen Fels des Elbsandsteingebirges. Immer noch im Nieselregen verlasse ich den schützenden Wald, um zur Aussichtsplattform zu gelangen. Grandios ist sie ja schon diese Aussicht, aber ich gestehe, so richtig genießen kann ich sie im Regen, der nun auch noch heftiger wird, nicht wirklich. Und dann fängt’s richtig an zu pladdern. Also Regenzeug an, Rucksackhülle drüber gezogen und gottergeben weitergestapft auf einem jetzt auch immer rutschiger werdenden schmalen Pfad. Endlich komme ich bei einem breiteren Forstweg an eine Weggabelung. Dort habe ich die Wahl: Entweder dem Malerweg über den „Großen Winterberg“ folgen – da könnte man evtl. einkehren, aber man weiß et ja nich – oder den direkten Weg nach Schmilka nehmen. Angesichts der Tatsache, dass ich ohnehin schon durchnässt bin und daran eine Einkehr auch nicht mehr viel ändern würde, entscheide ich mich für den direkten Weg und bin dann doch heilfroh, endlich in der Pension angekommen zu sein. Duschen, umziehen, aufs Bett legen und dem ständigen Rauschen des Regens lauschen bis zum leichten Wegdämmern. Das plötzliche Aussetzten des Rauschens reißt mich dann wieder aus meinem Dämmerzustand und mir wird bewusst: Ich hab Hunger. Abendessen gibt’s aber nur an einem Kiosk in der ehemaligen Mühle dafür aber garantiert Bio, schließlich ist Schmilka Ökodorf.
6.Etappe: Schmilka – Kurort Gohrisch
„Krippen, 31.März 1813
Ich lebe hier in einer sehr angenehmen Gegend. Der hiesige aufenthalt könnte für mich sehr nützlich sein, wenn nicht die Ereignisse der Zeit mein Gemüth so ganz verstimt hätten und mich unfähig machten, etwas zu beginnen.“
Das Frühstück ist sehr gesellig. Alle Gäste der Pension sitzen in der Küche um einen großen Tisch, man duzt sich und der Gastgeber erzählt, während er in der Küche herum wuselt, Stories aus seinem bewegten Leben. Nachdem jeder gesättigt ist und sich die Tafel aufgehoben hat, schnappe ich mir meinen Rucksack und es geht bei strahlendem Sonnenschein mit der Fähre hinüber auf die andere Elbseite, wo ab nun gewissermaßen der Rückweg nach Pirna verläuft. Am anderen Ufer angekommen beginnt erst mal ein heftiger Anstieg auf dem Aschersteig, der mich auf eine Hochebene führt. Hier kann ich rückblickend noch einmal den Schrammsteinen „Tschüs“ sagen und vorausblickend der dreigipfligen Kaiserkrone ein „Grüß Gott“ zurufen.
Auf angenehmen Wiesenwegen ohne große Höhenunterschiede erreiche ich bald den Dorfplatz von Schöna. Da ich noch nichts zum Trinken im Rucksack habe, kommt mir ein Lebensmittelautomat, der auch funktioniert, gerade recht – leider gibt’s auch in der Sächsischen Schweiz in den kleinen Dörfern keine Läden und Bäcker mehr. Der weitere Weg führt mich dann relativ gemächlich nach Reinhardtsdorf und dort erwartet mich dann völlig überraschend, weil in keinem Führer erwähnt und nur an einem kleinen Hinweisschild erkenntlich, ein großartiges kulturelles Erlebnis: Die Dorfkirche ist eine barocke „Bauernkathedrale“, komplett ausgemalt als eine Biblia Pauperum – einfach göttlich. Ich kann mich an den Bildern gar nicht satt sehen und komme noch mit einem Maler ins Gespräch, der seine Staffelei vor der Kirche aufgebaut hat, um sie auf die Leinwand zu bringen. Er kennt sich aber auch sehr gut mit der inneren Ausmalung aus und vermittelt mir interessante Informationen und so vergeht rasch eine Stunde in angeregtem Gespräch. Malerweg at it’s best.
Nun muss ich mich aber sputen, was prompt dazu führt, dass ich den richtigen Abzweig verpasse und wieder unten an der Elbe in Krippen lande. Zum Glück kein großes Malheur, eher im Gegenteil, hier gibt’s nämlich für das wandernde und radelnde Volk eine prima Jausenstation, wo ich unterm Sonnenschirm eine nahrhafte Mittagspause machen kann.
Mit diesem kleinen Umweg beginnt aber auch eine nicht ganz so kleine Odyssee, die mich etliche zusätzliche Kilometer kosten soll. Erst mal muss ich wieder rauf auf den Malerweg. Den erreiche in Kleinhennersdorf wieder. Von dort geht’s dann ziemlich anstrengend über den Papststein und den Tafelberg Gohrisch bis in den gleichnamigen Kurort. Dort angekommen ist schon bald Zeit fürs Abendbrot, aber das ist ja kein Problem, denn hier wartet ja auch meine Pension „Am Bergwald“ auf mich – denke ich. Nur eine Hauptstraße, an der diese liegen soll, finde ich nicht, obwohl das Örtchen ziemlich überschaubar ist. Auch Googl-Maps hilft nicht weiter, weil hier mal wieder eines der berüchtigten deutschen Funklöcher ist. Endlich finde ich jemanden, der gerade seinen Rasen mäht und mir in schönstem Sächsisch erklärt, dass sich die Hauptstraße von Kurort Gohrisch und mithin auch die Pension „Am Bergwald“ in Kleinhennersdorf befinden, wo ich vor zwei Stunden durchgekommen bin – ein Schildbürgerstreich der Eingemeindungspolitik. Also wieder zurück. Glücklicherweise muss ich nicht wieder denselben Weg nehmen, es gibt eine kürzere Variante, aber 5 km sind‘s immerhin doch noch. Endlich in der Pension angekommen und geduscht wird es aber nun höchste Zeit, etwas Anständiges zwischen die Zähne zu bekommen. Aber, wie das Leben so spielt, der einzige Gasthof im Ort hat heute einen seiner zahlreichen Ruhetage. Also muss ich noch mal nach Krippen laufen, wo ich am Mittag schon Pause gemacht hatte, das ist die einzige Chance, ein Restaurant zu finden. Das führt immerhin zu einem guten Essen und einem leckeren Bier. Zurück laufe ich aber nicht noch ein drittes Mal heute nach Kleinhennersdorf, da bestell ich mir ein Taxi. Gedacht aber nicht getan. Ein Wagen, teilt man mir mit, wäre erst in etwa zwei Stunden wieder verfügbar. Also noch einmal per pedes apostolorum hinauf nach Kleinhennersdorf. Nun reicht’s aber zumal auch meine Achillessehne das Hin und Her zum Schluss nicht mehr lustig findet. Aber in der Summe war es dann doch wieder ein prächtiger Wandertag.
7. Etappe: Kurort Gohrisch – Königstein
„Wenn doch im Augenblick die Felsen zu Kuchen und Braten geworden weren und das Wasser zu Wein; es were gewiß eine neue Höle entstanden und das tobende Wasser wäre zu einem rieselnden Bächlein geworden.“
Heute Morgen bekomme ich auch die netten Wirtsleute meiner Unterkunft zu Gesicht, die gestern Abend zu einem Grillfest eingeladen waren. Es gibt auch ein Frühstück, obwohl das gar nicht in der Buchung enthalten war, was mich doch recht zuversichtlich auf den Tag blicken lässt. Erst mal sind jetzt wieder die 5 km von gestern Abend bis zum „Haupt-Kurort Gohrisch“ zu bewältigen, um Anschluss an die Weiterwanderung auf dem Malerweg zu bekommen. Bei einer weiteren Friedenslinde bin ich wieder on the way, die der Gutsbesitzer Karl-Gottlieb Blumentritt am 18.März 1871 auf eigenem Grund und Boden aus Anlass des Waffenstillstandes von Versailles gepflanzt hat, mit dem 1871 der Deutsch-Französische Krieg endete. Nun steure ich mit dem Pfaffenstein auf das letzte Felsmassiv zu, durch das ich bei dieser Wanderung auf steilen Leitern durch ein Nadelöhr und zahllosen natürlichen und künstlichen Steinstufen kraxeln werde. Das will ich mir denn doch noch gönnen, obwohl ich aufgrund meiner von der gestrigen Odyssee immer noch leicht spürbaren Achillessehnenreizung zunächst ein wenig skeptisch bin. Aber es hat prima geklappt und sich auf jeden Fall gelohnt. Zahlreiche skurrile Formationen mit Namen wie „Einsiedler“, „Toter Zwerg“ - woran mag er wohl gestorben sein - oder „Teufelskessel“ - wer hier wohl gesotten wurde – gibt es zu bestaunen ebenso wie tolle Aussichten, so dass schnell die Zeit vergeht und Mittagspause Not tut. Dazu bietet sich der höchste Gipfel an, auf dem sich auch noch ein Aussichtsturm in die Höhe reckt, den ich aber nicht mehr besteige – Aussicht hatte ich ja schon reichlich. Zum Pfaffenstein gehört auch die weltberühmte 43 m hohe Felsnadel „Barbarine“, das Wahrzeichen der sächsischen Schweiz und ihrer besonderen Klettergeschichte. Die Barbarine war einst eine junge Frau, die anstatt in die Kirche zu gehen, Beeren pflücken wollte. Als ihre Mutter dies bemerkte, verfluchte sie ihre Tochter und verwandelte sie in einen Stein. Seitdem steht das bedauernswerte Mädchen dort und verharrt bis zum heutigen Tag in dieser Form. Natürlich mache ich noch einen Abstecher auf ihr Gipfelplateau aber ganz gemütlich auf gebahntem Pfad, denn raufklettern darf man heute nicht mehr.
Danach verläuft der Weg immer abwärts vom höchsten zum tiefsten Punkt der heutigen Etappe, bis bei Königstein die Elbe wieder erreicht ist. Über dem Ort thront eine mächtige Festung, die ich aber nur von unten bestaune. Für eine Besichtigung ist es schon zu spät. Dafür sollte man mehrere Stunden, wenn nicht einen ganzen Tag Zeit mitbringen; aber ich denke, ich komme nochmal wieder. Statt dessen suche ich mir ein kleines Café am Marktplatz aus, um bei Kaffee und Kuchen und bei schönstem Sonnenschein noch ein wenig „Leute gucken“. Mein Wandertag endet hier im Wesentlichen, denn in Weissig, dem eigentlichen Etappenziel, gab’s keine Übernachtungsmöglichkeit mehr und so musste ich auf den Laasenhof beim Kurort Rathen ausweichen. Das heißt, von Königstein mit der S-Bahn nach Rathen und dann noch eine Stunde Steilaufstieg vom dortigen Bahnhof bis zum Resort „Laasenhof“. Swimmingpool und Saune schenke ich mir aber, eine schöne Dusche tut’s auch. Das Dinner ist zwar nicht ganz billig aber exzellent. Ich genieße es auf der Terrasse mit einem schönen Blick auf die Bastei, auf der ich ja vor einigen Tagen noch selbst herumspaziert bin.
8. Etappe: Laasenhof – Pirna
„Beobachte die Form genau, die kleinste wie die große und trenne nicht das Kleine vom Großen, wohl aber vom Ganzen das Kleinliche.“
Kaum ist man ein wenig im Flow, steht auch schon die letzte Etappe an. Laut Karte sollte das am Rauenstein möglich sein, aber der Weg von meinem Quartier bis dahin gestaltet sich zunächst ein wenig unübersichtlich. So wie es aussieht, hat es dort Straßenbaumaßnahmen gegeben, so dass mir die Karte nicht richtig weiterhelfen kann und meine Komoot-App mich immer im Kreis herumführt. Also folge ich erst mal dieser Straße und komme doch noch nach Weissig, wo ich dann problemlos den Malerweg wiederfinde und ihm bis zum Rauenstein folge. Man kann diesen auf einem Gratweg überqueren, aber nur mit viel Gekraxel über unzählige stählerne Leitern. Deshalb umgehe ich den Rauenstein und laufe über den kleinen und großen Bärenstein nach Naundorf. Ab hier wird der Malerweg noch einmal richtig romantisch. Auf halber Höhe schlängelt er sich stetig im Wald in leichtem Auf und Ab an der Elbe entlang und gibt immer wieder schöne Blicke auf den Fluss und die andere Elbseite frei. Eine Kuriosität am Weg ist ein artesischer Brunnen, der wie ein kleiner Geysir Wasser speit, allerdings nur eine bescheidene Höhe erreicht. Nach dem letzten knackigen Anstieg am höchsten Punkt dieses Wegabschnittes erreiche ich einen schönen, überdachten Rastplatz, und treffe auf eine lebhafte Damenwandergruppe, die allerlei Köstlichkeiten aus ihren Rucksäcken zutage gefördert hat und mich bei munterem Gespräch großzügig mit versorgt. Gut gestärkt heißt es jetzt auf schmalem durchwurzeltem Waldweg noch einmal steil bis Obervogelgesang am Elbufer abzusteigen. Da ab hier der Malerweg auf asphaltiertem, viel befahrenem Elberadweg entlang einer Straße undBahnstrecke verläuft, steige ich noch einmal in die S-Bahn und lasse mich, mit letzten Blicken auf die Elbe, bis zur nächsten Haltestelle nach Pirna bringen. So erreiche ich kommode wieder den Ausgangspunkt meiner Wanderung auf dem Malerweg und habe am gleichen Tag noch einen guten Anschluss zurück nach Dessau.
Mein Fazit:
Mein Fazit fällt kurz und knapp aus: Eine traumhaft schöne Wanderung auf überwiegend guten Wegen durch eine grandiose Landschaft. Es empfiehlt sich, für den Malerweg zwei oder drei Tage mehr einzuplanen.
Ein paar Daten zum Weg
1. Etappe: Liebethal – Stadt Wehlen
12 km, 230 m Aufstieg, 420 m Abstieg
2. Etappe: Stadt Wehlen - Hohnstein
12 km, 620 m Aufstieg, 450 m Abstieg
3. Etappe: Hohnstein – Bad Schandau
15 km (z.T. mit Bus), 515 m Aufstieg, 435 m Abstieg
4. Etappe: Bad Schandau – Lichtenhainer Wasserfall
15 km, 320 m Aufstieg, 280 m Abstieg
5. Etappe: Lichtenhainer Wasserfall - Schmilka
19 km, 750 m Aufstieg, 800 m Abstieg
6. Etappe: Schmilka – Kurort Gohrisch
19 km, 750 m Aufstieg, 620 m Abstieg
7. Etappe: Kurort Gohrisch – Laasenhof
18 km, 690 m Aufstieg, 7200 m Abstieg
8. Etappe: Laasenhof - Pirna
13 km (bis Obervogelgesang, ab da mit Bahn), 400 m Aufstieg, 480 m Abstieg
Übernachtung
Hotel, Pension, Ferienwohnung, Übernachtungsmöglichkeiten sind in der Ferienzeit oft ausgebucht
Führer
Dichter-Musiker und Malerweg, Verlag Rother, 1. Aufl. 2022
Der Weg ist durchgehend ausgezeichnet markiert.
Die Zitate zu Beginn einer jeden Etappenbeschreibungen entstammen dem Buch: Wandern mit Friedrich, Sandsteinverlag,