Fern, so fern, der Fichtelberg

Bei einer Wanderung auf dem Kammweg eintauchen in die Geschichte des Erzgebirges - und der Schnaps schmeckt nach weißen Gummibärchen.

Wandern ist nichts für verträumte Seelen. Da stapft man versonnen vom Pöhlagrund bergan, diesem im Sommer weltvergessenen Gasthof, freut sich am Gekeife eines Eichelhähers und dem Duft des Wermuts, sinniert und phantasiert, tritt aus der Sonne in den kühlen Wald - und plötzlich ist der Balken weg: Jener weiß-blau-weiße Balken, der dem Wanderer in unregelmäßigem Abstand auf einem Baum, an einem Zaun oder einem Felsen anzeigt, dass er sich noch auf dem rechten Pfad befindet, dem Kammweg.

Kein einziger Hinweis mehr - nur purer, weithin unmarkierter Forst. Da hilft nichts: Es geht zurück. Zweihundert Meter, dreihundert, irgendwo muss doch... - und tatsächlich: Nach einigem Suchen blitzt es tröstlich weiß-blau-weiß von einer Buche - tief in Gedanken ist der Wanderer blind vorbeimarschiert.

Jetzt aber geht er mit offenen Augen weiter, direkt hoch zum Bärenstein. Ein kompaktes Hotel krönt ihn, ein mächtiger Kasten von 1913 mit einem stabil gemauerten viereckigen Turm, der alle Stürme seitdem überstanden hat. Von ganz oben schweift der Blick in die vier Himmelsrichtungen: Im Norden liegt der Pöhlberg und das acht Kilometer entfernte Annaberg-Buchholz, im Osten Jöhstadt und der Kühberg, gen Westen blickt man auf Crottendorf und die Talsperre Cranzahl. Ein abwechslungsreiches Äcker-Wald-und-Wiesen-Puzzle mit ein paar Schieferdächern dazwischen deckt die Hügel, the rolling hills of Arzgebirg, wenn man so will.

Nach Süden aber, da erhebt sich in Tschechien der Keilberg, mit 1244 m der höchste Gipfel des Erzgebirges, und gleich daneben der Fichtelberg mit einem winzigen Bleistift als Spitze. Mit letzterem hat es eine besondere Bewandtnis: Er ist nicht nur der höchste Berg Sachsens, sondern auch das Ziel dieser heutigen Etappe des Kammwegs - und er liegt noch in weiter, weiter Ferne. Dabei ist der geplante Abschnitt gerade mal 20 Kilometer lang, von insgesamt 289 Kilometern, die sich der Kammweg vom östlichen Erzgebirge bis nach Thüringen erstreckt, der erste zertifizierte, Regionen übergreifende Wanderweg in Sachsen.

Die Sonne hat die Morgennebel vertrieben, Bienen summen, an einer Bank warnt ein Schild eventuelle Spitzbuben unter den Wanderern: Äpfel pflücken bei Strafe verboten!. Plötzlich herrscht kein Mangel mehr an weiß-blau-weißen Balken - und im Rhythmus der Schritte beginnen die Gedanken wieder zu vagabundieren. Zurück zum Hirtstein wandern sie, mit seinem ungewöhnlichen Basaltfächer: Die Wand aus strahlenförmig angeordneten Steinstreifen war entstanden, als ein Lavastrom noch unter der Erde erstarrte. Und sie wurde erst entdeckt, als man auf der Suche nach Kies und Steinen den Boden abtrug. Noch weiter zurück liegt der Spaziergang durch das Spielzeugdorf Seiffen, in dessen Hauptstraße man keinen Schritt unbeobachtet von grimmigen Nussknackern, holden Engeln und rotbackigen Lichtermännchen tun kann. Schließlich der Abstecher ins Moor bei Reitzenhain: Seggen wiegten sich im Wind, die Moosbeere streckte ihre langen Tentakel aus und die Wälder aus Moorbirken standen denen Skandinaviens in nichts nach.

Im Hier und Jetzt aber, Freitagmorgen 9.25 Uhr, führt der Kammweg über den Staudamm der Talsperre Cranzahl. Sie wurde zwischen 1949 und 1954 erbaut, heißt Talsperre der Freundschaft und die bronzene Friedenstaube der FDJ flattert noch immer auf dem Gedenkstein. Mitten auf der Sperrmauer beginnt es aus fast heiterem Himmel zu nieseln, und am anderen Ufer wartet eine weitere Überraschung: Bis Kretscham-Rothensehma ist der Kammweg wegen Kalkung des Waldbodens gesperrt. Diese erfolgt per Flugzeug, steht auf einem Zettel - was erklärt, warum schon die ganze Zeit zwei schwarz-gelbe Flieger dicht über den Fichtenwipfeln ihre Bahnen ziehen. Wanderer müssen auf den Erlebnispfad Bimmelbahn ausweichen. Der ist bestens markiert und führt fast immer am Gleis der Fichtelbergbahn entlang. Zweimal pfeift und heult die historische Dampflok auch von fern - und beim Näherkommen bimmelt sie tatsächlich. Dann stampft und faucht der schwarz glänzende Haufen Eisen vorbei und die Lokführer lehnen in den Fenstern, als wären sie stolz bis an ihr Lebensende, sich diesen Kindertraum erfüllt zu haben.

Von einer Hauswand in Cranzahl mahnt ein alter Mann mit Pfeife: Vergaß dei Haamit net! Wie könnte man? Die Bilder dieser Landschaft prägen sich auch dem Fremden ein. Holunder und Schafgarbe säumen die Wege. In Lärchenwäldern bezaubert diffuses grünes Licht. Und vor weißgelben Weizenfeldern leuchten knallrote Vogelbeeren. Man kocht Marmelade daraus, brennt aber auch einen Schnaps, der nach Gummibärchen schmeckt, aber nur nach den weißen, wie die junge Wirtin des Poehlagrunds kennerisch angemerkt hatte.

Auch an der historischen Toilette auf dem Bahnhof Neudorf prangt ein Hinweis – Sachsen schätzen scheinbar Schilder: "Drum halt den Abtritt sauber - halt ihn rein. Du könntest selbst der nächste sein".

Aus der Ferne grüßt der Fichtelberg herüber - ein wenig hämisch vielleicht: Nicht einen Schritt scheint er näher gerückt zu sein. Neudorf selbst zieht sich schmal und langgestreckt durch das Sehmatal, eines der typischen langgestreckten Waldhufendörfer. Nicht weniger typisch für das Erzgebirge, hat der Wanderer gelernt, sind Streusiedlungen. Rübenau hatte sich als perfektes Beispiel präsentiert. Wie gewürfelt schmiegten sich die kleinen Häuser weit verstreut an Hügel und in Mulden - manche sind noch in traditioneller Form erhalten: Ein Vorhäusl schützt den Eingang gegen Wind und Schnee, die Fenster sind klein und die Dächer tief heruntergezogen, aber fast ohne Überstand. An manchen hängt sogar noch der alte, außen liegende Aborterker.

Ein gutes Dutzend dieser schindel- oder strohgedeckten Gebäude steht auch im Freilichtmuseum in Seiffen. In jedem erinnern Werkzeug, Kleidung, Möbel und Maschinen an die Handwerker, die einst im Erzgebirge tätig waren: Stellmacher und Bergleute, Flößer und Köhler, Waldarbeiter und Spankorbmacher. Im Drehwerk spannt Drechslermeister Dirk Weber gerade einen Ring aus einer Scheibe junger Fichte in die Drehbank. Während sie rotiert, stemmt er unterschiedliche Flach- und Hohleisen ins Holz. Späne fliegen, ringeln sich wie Spaghetti, immer wieder prüft er mit den Fingern die Rillen und Kerben, die er ins Holz schneidet. Als er den Reifen abnimmt, ist wenig zu sehen. Erst als er mit einem Messer schmale Stücke abspaltet, wird erkennbar, was er geschaffen hat: Das Holzstück hat die perfekten Umrisse einer Kuh - Dutzende gleichförmiger Kühe warten im Holz auf ihre Befreiung.

Von einer Baustelle dröhnt ein Radio herüber: Der Wetterbericht des MDR meldet vorübergehende Schauer im Erzgebirge. Zurück im Wald kommt es zu einem freudigen Wiedersehen: Der weiß-blau-weiße Balken ist zurück. Ein öder Forstweg zieht gemächlich, aber stetig bergauf. Noch fünf Kilometer bis zum Fichtelberg, sagt das Schild. Sollten dies schon seine ersten Vorboten sein? Es riecht würzig nach frisch geschlagenem Holz, entastete Fichten liegen zwischen wild wucherndem Springkraut. Früher lebten die meisten Menschen im Erzgebirge in irgendeiner Form vom Holz - nicht ohne Grund heißen Gaststätten immer noch Zum Holzwurm und Auf dem Holzweg. Auch in der Saigerhütte, ein paar Tage zuvor am Weg, brauchte man viel Holz. Man heizte damit die Öfen, in denen aus dem Gestein Erz Silber und Kupfer geschmolzen wurde - etwas simpel gesagt. Denn in Wirklichkeit war dies ein hochkomplexer, aufwendiger Prozess mit sechs, sieben verschiedenen Arbeitsgängen, den nur Spezialisten beherrschten. Dafür wurde im 16. Jahrhundert nicht nur die Hütte in Grüntal gebaut, sondern nach und nach eine richtige kleine Industriestadt. Die Bergleute hatten eine der ersten Schulen im Land, sie erhielten verbilligtes Bier und subventioniertes Brot und lebten kostenfrei in den Wohnhäusern. Vor einigen Jahren wurden Grundmauern und Ofenreste freigelegt, in den alten Gebäuden sind Hotels, ein Museum und eine Spiel- und Erlebniswelt untergebracht und ...

... jetzt reißt ein Regenschauer den Wanderer unsanft aus seinen Kammweg-Erinnerungen. Mittlerweile geht es zügig dem Gipfel entgegen. Der Himmel hat sich dunkel bezogen, im Blick zurück breiten sich Wälder und Wiesen wie ein schwarz-grünes Pantherfell über die Hügel. Ganz oben, auf 1215 Meter Höhe, ist die Natur zu Ende, die Zivilisation begrüßt den Ankömmling mit einem Parkautomaten, einem Bus mit Rentnern aus Gera und, versteht sich, einem fröhlichen Schild: Freibier gibt es morgen, verspricht ein sparsamer Wirt. Das aber, was von ferne erst an einen Stift, dann an eine winzige Kirche erinnert hatte, erweist sich als eine Art Burg mit Granitmauern, dunkelbraunen Holzwänden, gelben Fensterkreuzen und türkis-grauem Blechdach: Das berühmte Fichtelberghaus mit dem Hotel "Die Guck" strahlt durchaus so etwas wie schwerfällige Eleganz aus.

Gemütlich ist es nicht auf dem Dach Sachsens. Kalte Böen jagen über die Parkplätze, die Wetterstation und die Aussichtsplattform, und lassen den Wanderer im schweißnassen Hemd frösteln. Da wird die Bestellung des Gipfelbiers doch eher ins Tal vertagt, nach Oberwiesenthal - und zur Abwechslung geht es mal mit der Schwebebahn hinunter. Gut wird er schlafen heute Nacht, der Wanderer. Und höchstens ein- oder zweimal hochschrecken aus einem kleinen Alptraum: Wo ist der weiß-blau-weiße Balken bloß geblieben ...?

Fotos: Franz Lerchenmüller

Der übersehene weiß-blau-weiße Balken am BaumAuf dem BärensteinBlick zur Talsperre CranzahlHandwerker im Freilichtmuseum in SeiffenDenkmal an der CranzahltalsperreAn einer Hauswand in CranzahlFern - so fern - der FichtelbergStellmacherwerkstatt im Freilichtmuseum in SeiffenFichtelberghaus
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