Korsika - Berge im Meer

Weitwanderwege führen zwischen Strand und Gebirge durch Korsika

Wie ein Tunnel taucht der steinige Wanderweg in die intensiv duftende Macchia, die Zweige von Erdbeerbäumen und Wacholder schließen sich über den Köpfen zu einem grünen Dach, das willkommenen Schatten unter der heißen Sonne im Westen Korsikas spendet. Eine Eidechse huscht über einen kleinen Felsblock, blauer Schopflavendel und weiße Zistrosen säumen den Pfad, warten auf den Besuch der nächsten Hummel. Mit abertausenden, winzig kleinen, weißen Glöckchenblüten lockt die Erika summende Insekten an.

Nach einer roten Felsnase bremst ein herrlicher Weitblick den flotten Schritt der Wanderer auf dem Tra Mare e Monti. “Zwischen Meer und Gebirge” heißt dieser korsische Wanderweg in deutsch. Kurz vor dem Dorf Galeria demonstriert der mit TMM abgekürzte Weg, weshalb er diesen Namen trägt: Vor dem Wanderer schmiegt sich der Sandstrand von Riciniccia an die Bucht von Galeria, trennt das Thyrenische Meer von einer breiten Süßwasserlagune mit Pinien und Erlenhainen. Der Fluß Fango mündet in diesen See, sein Lauf schlängelt sich das breite Tal herunter. Der Fango scheint direkt von den mächtigen, Schneegefleckten Bergen hinter dem Wanderer zu kommen, die von einer imposanten Granitpyramide gekrönt sind. “Das Matterhorn Korsikas” nennen Korsen und Touristen diesen rötlichen Gipfel mit seinem Steilabruch gern, Paglia Orba ist der korsische Name des Zweieinhalbtausenders.

Am nächsten Tag führt der Weg von Galeria ein wenig hinauf zu diesen Bergen. Unten, kaum hundert Höhenmeter über der von klobigen Hotels noch nicht verschandelten Bucht von Galeria taucht der TMM in eine grüne Hölle, die in ihrer Undurchdringlichkeit an einen Tropenwald erinnert. In langen Serpentinen führt der Weg den Berg hinauf, Macchia löst die „grüne Hölle“ ab, später Steineichen, die willkommenen Schatten spenden, als die Sonne langsam über den Bergrücken kriecht.

Zwischen gelben und roten Felsen öffnet sich der Blick zurück zur Galeria-Bucht. Auf solchen Felsen schlängelt sich der Pfad weiter in die Höhe, der Blick weitet sich, die Ströme von Schweiß schwellen an. Dann wieder schattige Steineichen, von deren Ästen Flechten wie gespentische Bärte hängen - der Kamm zwischen der Bucht von Girolata und Galeria ist erreicht. Links blinkt erneut die Paglia Orba in der Sonne, rechts vorne funkeln achthundert Meter tiefer die wenigen Häuser von Girolata und die Reste einer Zitadelle vom Strand herauf. Und rechts hinten noch einmal das Panorama der Galeria-Bucht.

Zwischen beiden Buchten reichen die roten Felsen als langgezogene Scandola-Halbinsel etliche Kilometer weit ins Meer hinaus. Unter Steineichen, Erika und Wacholder zieht sich der TMM auf dem Kamm in Richtung Meer, bevor er nach hundert Minuten durch mannshohe Macchia zum Meer hinunter taucht. Joseph Teillet hat dort sein Restaurant an den Strand von Girolata gebaut, auf einfachen Feldbetten können Wanderer in seiner Gite d’Etappe schlafen.

Vor vierzig Jahren wurde Joseph als letztes Kind von Girolata geboren. Keine Straße führt in den kleinen Ort am Eingang zur Scandola-Halbinsel, nur über zwei Fußwege erreicht man die paar Häuser, in denen noch insgesamt sechs Menschen leben. Im Sommer aber spucken Ausflugsboote gigantische Mengen von Touristen am Strand aus, rollt Joseph mit den Augen. Er flieht dann mit seinem Schiff auf das ruhige Meer hinaus, geht seinem Beruf als Fischer nach. Elf Gewehre an der Wand des Restaurants und eine Weste mit unzähligen Patronentaschen zeugen von einer anderen Leidenschaft, die Joseph mit vielen Korsen teilt: der Jagd. Und eine alte, kupferne Destille verrät eine dritte Beschäftigung zur Erntezeit: Schnapsbrennen. Kein Wunder, wenn seine Nachbarn den Mann mit dem Wusselhaar und dichten Bart den “Wilden Josef” nennen.

Am nächsten Tag beleuchtet der Sonnenaufgang ein Postkarten-Panorama: Tiefblau-türkises Wasser plätschert ruhig an den Strand, als die ersten Sonnenstrahlen die baufällige Zitadelle und die Bruchsteinhäuser in goldenes Licht tauchen. Feuerrot stürzen die Felsen der Scandola-Halbinsel dahinter ins Meer. Knallgelb blüht der Ginster in der brusthohen Maccia, weiße Zistrosen und die Glöckchen der Erika ergänzen das Bild. Endlos zieht sich der Weg unter stahlblauem Himmel schweißtreibend bis auf achthundert Meter. Längst haben die ausgelaugten Wanderer die einzige Straße durch diesen Bereich der Berge überquert, wenn sie den Kamm erreichen. Eine Rotte Wildschweine bricht krachend durch die Macchia, auf der Straße brüllt eine dürre Kuh ein Auto an, das ihr in die Quere kommt.

Macchia und Steineichen, Felsen und eine einzige Quelle, der Weg nach Curzu zieht sich ewig. Die nächste Etappe dagegen ist kurz, schon gegen Mittag erreicht man Serriera. Ein halber Ruhetag ist angesagt, und der lohnt sich in der abseits liegenden Gite d’Etappe besonders. Denn die Unterkunft ist die schönste auf der gesamten Zehntageswanderung. Jedes der geräumigen Vierbett-Zimmer hat eine eigene Dusche und WC sowie eine riesige Terrasse über dem rauschenden Fluß. Orangen hängen an den Bäumen und Abendessen samt Rotwein munden exzellent.

Durch Kiefernwälder und Macchia steigt man am nächsten Tag aus Meereshöhe neunhundert Höhenmeter hinauf zur Bocca San Petra. Mächtige Eßkastanien-Haine spenden auf der Höhe Schatten. Oberschenkeldicke, abgebrochene Äste zeugen vom Kastaniensterben, das die mächtigen Bäume seit der Jahrhundertwende dahinrafft. Noch aber finden die Schweine unter dem Blätterdach ausreichend Maroni um sich rund zu fressen. Vielerorts graben die Schweine den Wanderweg komplett um. Der Wanderer sieht es mit Gelassenheit und denkt an den würzigen, eigentümlichen Geschmack mit dem der korsische Schinken aus den Hinterbeinen der Übeltäter den Gaumen erfreut.

Vierzig, fünfzig Meter hohe Laricio-Kiefern lösen die Maroni-Wälder ab, wilde Pfingstrosen blühen unter ihren Nadeln. Vögel schmettern ihre Arien in den Ästen, Insekten summen dazwischen. Weit öffnet sich der Blick in die Felsenbucht von Porto, eng senkt sich der Pfad in die Vitrone-Schlucht. In überhängende Porphyr-Wände haben Wind und Wasser fantastische Formen erodiert, dazwischen wachsen Zistrosen, Erika und Schopflavendel zu einem undurchdringlichen Gestrüpp, in dem der Buchs fünf oder sechs Meter hoch ragt.

Auch der nächste Tag bringt eine Schlucht-Wanderung - diesmal die Spelunca-Schlucht, die als beliebtes Ausflugsziel gilt. In elegantem Bogen schwingt sich eine Genuesenbrücke über den Fluß. Ein alter Maultierpfad führt durch die wilde Schlucht. Meterhohe Mauern haben die Menschen vor Jahrhunderten aufgeschlichtet, um diesen gepflasterten Weg zwischen dem Dorf Porto am Meer und Evisa in den Bergen abzustützen. Wie von Zyklopenhand scheint ein Fels gespalten. Durch den vielleicht einen Meter breiten Spalt hoch über dem Fluß schlängelt sich der Weg. Dann die zweite Genuesenbrücke, nach der sich Kehre an Kehre reiht: Im steilen Aufstieg führt der Weg sechshundert Höhenmeter nach Evisa hinauf. Ohne Mörtel und Beton halten meterhohe Mauern aus Natursteinen die Serpentinen. Zerfurchte Felsen zwischen der Macchia verleihen der Landschaft ein Wildwest-Ambiente.

Weiter oben Laricio-Kiefern-Wälder, der Boden mit großen Zapfen bedeckt. Ein hupender Bus verrät die nahe Straße, die durch Eßkastanien-Wälder nach Evisa führt. Auch hinter Evisa Eßkastanien, unter denen die halbwilden Schweine den Boden nach Maroni umpflügen. Die Gedanken schweifen zum Abend: Ob es in der Gite d’Etappe wohl wieder Charcuterie Corse gibt, eine korsische Schinkenplatte? Das Wasser läuft den Wanderern jedenfalls bereits im Mund zusammen, als die Lieferanten dieser Schinken sich grunzend in den Schatten der Bäume zurückziehen.

Ohne jede alpinistische Schwierigkeit führt der Tra Mare e Monti (TMM) in zehn Etappen von Calenzana im Norden bis Cargese in der Mitte der korsischen Westküste. Nach dreieinhalb bis sieben Stunden Laufzeit erreicht man nach jeder Etappe eine Gite d’Etappe genannte Unterkunft, in der man im Schlafsack auf Feldbetten übernachten kann. An manchen Orten gibt es zusätzlich normale Hotels.

Beste Wanderzeit sind die Frühlingsmonate April, Mai und Anfang Juni sowie der Herbst mit den Monaten September und Oktober. Mehr als zweitausend Wanderer laufen in jedem Jahr auf dem TMM, deshalb sollte man vor dem Start am Morgen telefonisch ein Lager im nächsten Gite reservieren.

Den Wanderweg Tra Mare e Monti erreicht man von Deutschland mit der Eisenbahn am schnellsten über Italien. Vom italienischen Livorno fahren Fähren mehrmals die Woche, im Sommer täglich nach Bastia. Meist legen die Fähren am Vormittag ab, so dass man bereits am Vortag anreisen muss (zum Beispiel im Eurocity München - Rom mit Umsteigen in Florenz). Von Bastia weiter mit der korsischen Schmalspurbahn in rund drei Stunden nach Calvi, von dort mit dem Taxi nach Calenzana.

Die Wanderung endet in Cargese, von dort gibt es einen Bus nach Ajaccio, das wiederum Bahnverbindung mit Bastia hat. Die Anreise mit dem eigenen Auto empfiehlt sich nicht, da man von Cargese mit öffentlichen Verkehrsmitteln zwei Tage bis Calenzana oder Calvi rechnen muß - in der gleichen Zeit kann man mit der Bahn bis nach Deutschland kommen.

Der Weg durch die MacchiaSandstrand von RicinicciaWeg zum "Matterhorn Korsikas"Panorama der Galeria-BuchtScandola-HalbinselDer kleine Fischerort GirolataGinster als gelber Farbtupfer in der MacchiaSchweine auf der Suche nach EßkastanienPorphyr-Wände in der der VitronenschluchtGenuesenbrückeGepflasterte WegeWildwest-Ambiente
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