Steifgefrorene Hosen und Notunterkünfte

Endlich. Am Ende des Muggsjölija-Sees tauchen im Wald einfache Blockhäuser auf. Für eine Nacht stehen die Holzfällerhütten von Muggsjölia auf der norwegischen Seite der Grenze zu Schweden Wanderern offen. Der Wanderer ist heilfroh, diese primitiven Unterkünfte in Mittelnorwegen zu erreichen, quatscht doch Wasser in seinen Schuhen, drohen bei minus sechs Grad und eisigem Wind seine Zehen zu erfrieren. Eine Stunde und drei Kilometer vor den Hütten ist er mit samt seinen Schneeschuhen in den Nedre Muggsjöen-See eingebrochen. Zum Glück am Ufer, nur bis zu den Knien reicht das Wasser. Mit Mühe wuchtet sich der Mann wieder aufs feste Eis, stapft ans Ufer. Es ist nicht einfach, in einer Schneewehe im Schneesturm auf Schneeschuhen balancierend eine steif gefrorene Hose auszuziehen und eine trockene anzuziehen. Trockene Ersatzschuhe gibt es natürlich keine. Also weiter, bis zur nächsten Notunterkunft, nach Muggsjölja. Zwei Pritschen, zwei Schaumstoffmatten, ein Tisch, ein gusseiserner Ofen – so sieht ein Lebensretter aus.

Holz liegt bereit, Papier ist im Rucksack trocken geblieben. Mit einiger Mühe bringen klamme Fingern ein Feuer in Gang. Drei Stunden später sieht die Situation schon besser aus. Über dem Ofen baumeln Hosen, Socken und Schuhe zum Trocknen. Mollige Wärme macht sich in der primitiven Hütte breit, von minus fünf Grad hat der kleine Ofen auf plus zehn Grad aufgeheizt. Die kleine Notunterkunft hat sich als Retter in der Not erwiesen, eine andere Hilfe kann man in der Einsamkeit der Femundsmarka nicht erwarten. Denn hier ist kaum jemand unterwegs – gerade einmal zwei Menschen hat der Wanderer in zwei Tagen bisher getroffen.

Dabei ist Anfang April die ideale Jahreszeit, um auf Schneeschuhen durch den hohen Norden zu stapfen. Tagsüber klettert das Thermometer schon bis in Gefrierpunktnähe, während im Januar minus 45 Grad keine Seltenheit sind. Ein Meter Schnee gibt eine gute Unterlage für Schneeschuh- oder Skiwanderer. Fein säuberlich wie Perlen auf einer Kette aufgereiht schmücken kurze Holzstückchen die unberührte weiße Schneedecke, durch die der Wanderer am nächsten Tag stapft. Irgendwie seltsam, was mag das eigentlich sein? Nach einiger Zeit dämmert die Erkenntnis: Ein Lattenzaun, der fast vollständig eingeschneit ist.

Im Sommer gattern die Norweger hier ihre Kühe ein. Richtig, ein paar Meter weiter taucht aus dem Schneesturm auch schon die Alm Fjölburösta auf. Schöne Blockhäuser, mit Schneewehen bis zum Dach. Wie Sanddünen in der Sahara ziehen sich Schneedünen auf der vom Wind abgewendeten Seite etliche Meter weit auf die meterhoch verschneite Wiese vor der Hütte. Der Schnee reicht weit über die hölzernen Fensterbretter im Erdgeschoß. Der Wind bläst das Grasdach weitgehend frei, heult wie in einem Gespensterschloß um die Ecken. Trotzdem, der Wanderer ist froh, sein Tagesziel erreicht zu haben. Der eiskalte Wind hat ihm alle Wärme aus dem Leib geblasen, der Rucksack drückt schwer auf die Schultern. Aber keine der Hütten ist bewirtschaftet, deshalb muss man neben der ohnehin umfangreichen Ausrüstung für eine Wintertour auch noch die gesamte Verpflegung für eine Woche mitnehmen.

Das Abendessen entschädigt für alle Mühsal. Schmeckt es doch viel besser als jede Hüttenmahlzeit in den Alpen. Das Ambiente drum herum stimmt obendrein. Schließlich wurde Fjölburösta 1845 gebaut und das ganze Jahr über als Bauernhof bewirtschaftet. Seither hat sich in der Stube wenig geändert, die jetzt als Winterraum dient. Schon damals gab es hier wohl ein Himmelbett, eine Anrichte, einen hölzernen Tisch und acht wackelige Stühle, Petroleum-Lampen und ein ausziehbares Holzbett. Das ist allerdings ein wenig neueren Datums und wurde erst 1849 im nahen Feragen geschreinert. Seit einigen Jahrzehnten wird Fjölburösta allerdings nur noch als Alm zwei oder drei Monate im Sommer bewirtschaftet, in den anderen Monaten steht eine Stube Wanderern als Winterraum offen.

So richtig gemütlich aber wird es dort nicht, kommt doch der bullige, gusseiserne Ofen kaum gegen die bittere Kälte des Schneesturms an. Auch der nagelneue Kamin in der Ecke aus dem Jahr 1990 kann die Temperatur nicht über die Null-Grad-Marke hieven, so stark pfeift der Wind durchs Haus. Jeder Windstoß treibt einen neuen Schwall Frostluft durch die vielen Ritzen und Spalten im Gebälk des Fjölburösta-Bauernhofes. In eineinhalb Jahrhunderten ist das Holz geschrumpft, Lücken öffnen sich in den Wänden des alten Hofes. Obendrein haben sich an einer Außenwand fünf Meter hohe Schneedünen angesammelt, bedecken die Fenster dort zu zwei Dritteln und verbreiten von innen betrachtet ebenfalls das Gefühl eisiger Temperaturen. Das Holzfeuer lässt den Ofen zwar kräftig bullern, drei Meter weiter aber sitzt der Schneeschuhwanderer auf einem wackligen Stuhl am Esstisch und beäugt zitternd das Thermometer, das die Null-Grad-Marke partout nicht passieren will. Immerhin, eingehüllt im Daunenschlafsack kommt auf dem Bett zumindest ein gewisses Wärmegefühl auf. Wenn es nur nicht so klein wäre. Vor 150 Jahren waren die Bauern eben kleiner als heute. Also liegt der moderne Wanderer mit angewinkelten Beinen im Himmelbett mit Einbauschrank oder im ausziehbaren Bett (leider nur in der Breite).

Draußen heult der Sturm weiter um die Hütte, weht Schneefahnen am Fenster vorbei und macht den Weg auf Schneeschuhen über Schneewehen zur eiskalten Latrine zur Qual. Auch am nächsten Tag bläst der Wind heftige Schneeschauer vor sich her. Vor allem im Wald fällt die Orientierung sehr schwer. Zwar gibt es einen Wanderweg für den Sommer. Die Markierungen auf den häufigen Felsbrocken am Waldboden liegen jedoch unter einem Meter Schnee begraben. Peilt man mit dem Kompass einen Baum an, der die weitere Wanderrichtung zeigt, gerät man schon nach wenigen Sekunden ins Grübeln, ob man denn nun den rechten, den mittleren oder gar den Baum ganz zur Linken anvisieren muss. Wenn man im Schneesturm überhaupt weit genug sehen kann, um den Kompass sinnvoll einzusetzen. Jedenfalls kommt man ziemlich rasch von der Richtung ab und befindet sich in den weiten, flachen Wäldern hier an der Grenze zwischen Norwegen und Schweden bald an einem ganz anderen Ort, als man es vermutet. Selbst einen im Winter nicht benutzte Fahrweg überquert man bei guter Sicht, ohne ihn zu erkennen, so sehr verwischt der meterhohe Schnee die Strukturen.

Nur das GPS genannte Satellitenorientierungssystem hilft da weiter. Alle fünf Minuten bestimmt der Wanderer mit dem Zigarettenschachtel-großen Gerät seine Position auf weniger als hundert Meter genau. Auf der Karte orientiert er sich dann, in welche Richtung er am besten weiter geht. Jetzt muss man nur noch fünf Minuten versuchen die Richtung zu halten und diese Zeit nutzen, die erfrorenen Finger wieder aufzuwärmen. Die braucht man gleich wieder, um erneut über GPS die Position zu bestimmen und auszurechnen, wie stark man inzwischen vom geplanten Weg abgekommen ist. Eine Wanderung im Winterwald kann so ganz schön nervig werden.

Viel einfacher orientiert man sich dagegen auf zugefrorenen Sümpfen und Seen. Im Sommer trennt das Wasser die Ufer voneinander. Ein paar Kilometer südlich von Fjölburösta verbindet dann das kleine Motorschiff Femund II zwei Enden eines Wanderweges miteinander, die beide an verschiedenen Ufern des Femundsees enden. Im Winter aber ist alles anders. Tief verschneit und mit Eiszapfen behangen liegt der Stahlrumpf wie ein gestrandeter Wal am Waldrand. Zwischen November und Ende April bildet die Eisdecke des Sees einen hübschen Wanderweg für die Einheimischen, die auf Tourenskiern die Gegend erkunden wollen. Alle hundert Meter steckt ein meterhoher Fichtenzweig im Schnee und markiert die Richtung, verirren kann man sich auf dem Eis kaum.

Aber auch ohne solche Wegweiser orientiert man sich auf der glatten Struktur eines Sees erheblich leichter als im Wald - auch wenn der Wind einen manchmal fast umwirft. Zumindest wenn man rechtzeitig die Stellen erkennt, an denen Strömungen das Eis brüchig machen, so dass man einbrechen könnte.

Informationen zu Wanderungen in Norwegen liefert „Norwegian mountains on foot“, das der norwegische Wanderverein DNT, Postboks 7 Sentrum, N-0101 Oslo für rund siebzig Mark auf Bestellung gegen Bezahlung mit Kreditkarte zuschickt. Dort finden sich auch Informationen über Hütten und vor allem über benötigte Wanderkarten, die in Deutschland allerdings nicht so einfach zu erhalten sind. Hier hilft der auf solche Dinge spezialisierte Versandbuchhandel Schrieb weiter (Schwieberdingerstr. 10/2, 71706 Markgröningen), der auf Anfrage auch Blattschnitte zuschickt, aus denen man die benötigten Karten aussuchen kann. Ein gutes Satellitenorientierungssystem (GPS) und Kompass gehören natürlich ebenfalls zur Ausrüstung.

Schneeschuhe erweisen sich in den Alpen als gutes Fortbewegungsmittel. In den Weiten Skandinaviens zeigt sich aber rasch, dass auch der Anfänger hier mit Skiern viel schneller voran kommt, da es nur leichte Anstiege und keine schwierigen Abfahrten gibt. Unter diesen Bedingungen gleiten Skier einfach besser, während der Schneeschuhwanderer mühsam durch das Weiß stapft.

Wandererfahrung und sehr guten Orientierungssinn muß man auf jeden Fall in die Femundsmarka mitbringen. Die weitere Ausrüstung entspricht der einer Skitour in den Alpen, Verpflegung ist zusätzlich mitzunehmen.

Die Anreise erfolgt recht bequem mit dem Zug, aus dem Norden der Bundesrepublik ist man nach einem Start am Nachmittag in eineinhalb Tagen inklusive einer Schlafwagen-Strecke in Røros. Viel schneller ist man mit dem Flugzeug auch nicht, da man in Røros auf jeden Fall übernachten sollte, um auf den Schulbus zu warten. Der fährt an Schultagen am frühen Morgen gegen Sechs Uhr vom Bahnhof zum Femundsee. Auskunft gibt das Røros Reiselivslag, Peder Hiortsgt. 2, P.O.Box 123, N-7461 Røros, Norwegen, Telefon: 0047-72410050, Fax: 0047-72410208 (die Mitarbeiter im Reisebüro sprechen alle Englisch) und das Norwegische Fremdenverkehrsamt, Postfach 760820, 22058 Hamburg, Telefon 040-2294150, Fax 040-22941588.

Fotos: Roland Knauer

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