Werra-Burgen-Steig in Hessen

Werra-Burgen-Steig begeistert mit wunderbarer Streckenführung

Mitgliederwanderung 2020 von Hessen nach Thüringen

Es ist Usus im Verein Netzwerk Weitwandern, einmal im Jahr gemeinsam zu einer wenigstens einwöchigen Weitwanderung gemeinsam aufzubrechen. So waren wir bereits zusammen in der Eifel und Schwäbischen Alb, im Schwarzwald, Lausitzer Gebirge und Isergebirge sowie in der Böhmischen Schweiz. Auch auf dem Donausteig sind wir gemeinsam gewandert und durch Thüringen, Sachsen-Anhalt und das Erzgebirge. Dazu kommen noch die Wanderungen in den Ardennen, der Schweiz und den Vogesen ... Viel gemeinsam entdeckt und gelacht haben wir überall und Freude an gegenseitigen Berichten von Wandertouren quer durch Europa. Im Jahr 2020  iwaren wir unterwegs in Hessen – und entdeckten mit dem Werra-Burgen-Steig nicht nur die Hessische Schweiz. Wie gewohnt berichten von den einzelnen Etappen die Mitwanderer im Wechsel.

Tag 1 Hann. Münden – Schloss Berlepsch; 21 km (560 m ➚, 360 m ➘)

Hans Bienert und Katharina Wegelt

Eigentlich wandern Hans und ich gar nicht so gern „in Gruppe“. Aber diese eine Woche einmal im Jahr mit den Netzwerkern ist inzwischen ein fester Bestandteil unserer Jahresplanung, auf die wir uns immer sehr freuen. Im vergangenen Herbst nun wanderten wir auf dem Werra-Burgen-Steig in Hessen. Diesen besonderen Abschnitt des E6 habe ich im Frühjahr 2019 „entdeckt“, als ich von Eisenach an die Ostsee lief. Zur Mitgliederversammlung 2019 hatte ich ihn vorgeschlagen. Und zum Glück war die Wahl auf ihn gefallen. Denn Corona hätte uns bei einer Tour im Ausland sicher aufgehalten. Nun geht es also los. Die erste Etappe unserer einwöchigen Tour kenne ich noch nicht. Erst ab Berlepsch, unserem heutigen Ziel, ist mir der Weg vertraut. Der Erholungsort Hann. Münden liegt in Niedersachsen, nahe der Grenze zu Hessen sowie unweit von Thüringen.

Wir starten am Rand der sehr hübschen, von Fachwerkhäusern geprägten Altstadt - an der Alten Werrabrücke. Ganz in der Nähe fließen Werra und Fulda zur Weser zusammen. Daher wird Hann. Münden auch Drei-Flüsse-Stadt genannt.

Am Werraufer entlang geht's bis zur Neuen Werrabrücke, hier überqueren wir den Fluss und verlassen nach wenigen hundert Metern die Stadt. Es geht etwas bergauf. Auf etwa 250 Metern liegt die Kramberg-Schutzhütte. Von hier geht der Blick weit ins Tal der Werra und zeigt malerisch das Wasserkraftwerk Letzter Heller und die dahinter liegende moderne Werratal-Brücke, über die der Verkehr der A7 rast. Jetzt führt der Weg hinab zur Werra, um dann am Ilksbach abzubiegen. Die erste kleine Holzbrücke über den Bach ist für fast alle der Truppe ein Fotomotiv.

Als der Bach nochmal überquert wird, verlieren alle 14 Weitwanderer zart den Überblick, kommen vom E6-Weg ab und steigen zu den Resten der Fliehburg Lippoldsburg aus dem 9./10. Jahrhundert auf. Es ist nur mit Wissen etwas zu sehen, aber der Weg ist wundervoll. Die Richtung „Lippoldshausen“ stimmt und wir werden über ein freies Hochplateau mit unendlich vielen Apfelbäumen geführt, an denen nicht nur Frau Holle ihrer wahre Freude hätte. So viele verschiedene Apfelsorten ... Sie alle werden verkostet, und wer nicht mehr kann, steckt sich ein/zwei in den Rucksack. In Lippolds hausen finden wir den E6 sicher wieder. Nach einem Fotostopp an einem wundervollen historischen Fachwerkhaus, auf dessen Türstock mein Taufspruch steht und einem Kneippgang am Ortsrand geht es weiter Richtung Atzenhausen. Im Wald machen wir Rast an einer Schutzhütte, bevor wir bald - noch vor Atzenhausen - den E6 kurz verlassen – dieses Mal mit Absicht A. So umgehen wir etwas Asphalt. Über Felder geht der Weg am Waldrand entlang und gibt den Blick frei bis Göttingen.

In Hübental gibt es ein gleichnamiges Gut mit einem sehr einladenden Café. Als wir dort froh gelaunt bei Kaffee und Kuchen sitzen, fallen uns doch die Menschen dort auf. Die meisten wirken wie auf Droge. Aber wahrscheinlich waren sie nur durchgeistigt. Wir erkunden dies nicht weiter, sondern ziehen weiter zu unserem Tagesziel: Schloss Berlepsch, das wir nach einem kurzen Anstieg erreichen.

Tag 2 Schloss Berlepsch - Burg Ludwigstein; 21 km (510 m ➚, 630 m ➘)

Carsten Dütsch

Verschlafen döst Schloss Berlepsch auf seinem Bergsporn, als wir uns am Morgen nach gutem Frühstück zum Start des heutigen Wandertages versammeln. Vereinzelte azurfarbene Flecken im Wolkengrau des Himmels lassen uns trotz morgendlicher Frische auf einen schönen Spätsommertag hoffen.

Schon nach kurzem Aufstieg verschwindet das Schloss hinter den Buchen des Berlepscher Forst. Wir treffen auf das uns vertraute Wanderzeichen, welches uns nach Süden schickt. Nach einer halben Stunde ist der Wald durchquert und wir blicken auf die sanften Hügel des Unteren Werraberg landes. Zwischen Wiesen und Feldern steigen wir in das Tal des Dieffenbaches ab.

Wir erreichen Albshausen, ein Fachwerkdörfchen, welches auf weniger als 2 km2 einer Handvoll Familien und einer schnuckeligen Fachwerkkirche eine Heimat bietet. Für eine ausgefeilte Einkaufs-Infrastruktur ist da freilich kein Platz. Jedoch hat man hier aus der Not eine Tugend gemacht und versorgt die Einheimischen, wie auch den durchziehenden Wanderer aus einem „SB-Lädchen im Schrank“ mit Lebensmitteln aus eigener Produktion – ein Angebot, das wir gern annehmen.

Bei strahlendem Sonnenschein verlassen wir das Tal auf einem romantischen Wiesenweg. An dessen Ende tauchen wir wieder in die bewaldeten Hügel des Werra-Berglandes ein. Ein geschotterter Fahrweg lenkt uns erst in Richtung Osten, später nach Süden.

Durch Felder und Kirschplantagen gelangen wir hinab ins Werratal an den Stadtrand von Witzenhausen. Das erste Straßenschild verrät, dass der Hang nicht immer dem Anbau von Feldfrüchten und Kirchobst diente. Tatsächlich wurde am „Alten Weinberg“ im Mittelalter Weinbau betrieben. Alte Quellen belegen jährliche Lieferungen des Witzenhauser Rebensaftes an den Erzbischof von Mainz.

Heutzutage ist Witzenhausen allerdings nicht als Winzer-, sondern Kirchblütenstadt bekannt. Und der Name ist Programm, schließlich rühmt man sich damit, das größte geschlossene Kirschenanbaugebiet Europas zu sein. Für den akademischen Unterbau der Kirschkultivierung sorgt die Außenstelle der Universität Kassel mit Zuständigkeit für den Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaft, welche sich am Ort einquartiert hat.

Last but not least zählt Witzenhausen zu den Brüder-Grimm-Städten. Allerdings hatte das namensgebende Ereignis nichts märchenhaftes. Vielmehr hielt im Witzenhäuser Rathaus Jacob Grimm eine Freiheitsrede vor Göttinger Studenten. Die Witzenhausener dankten dies mit einer Statue auf ihrem Marktplatz. Und wo wir schon mal da sind, verweilen auch wir ebenfalls am Marktplatz in schönem Fachwerkambiente zu unserer Mittagsrast in einheimischer Gastwirtschaft.

Auf dem Gehweg gemalte Kirschsymbole geleiten uns parallel der Bundesstraße 451 aus der Stadt. Auf Höhe des südlichen Industriegebietes muss diese zügig überschritten werden, damit man nicht als Wildunfall endet. Nach Passage der industriellen Ansiedlung und einer Eisenbahnunterführung steigt der Weg an. Weitere Kirschplantagen lassen uns das Ausmaß des Obstanbaus erahnen. Zu einer anderen Jahreszeit wären wir wohl wegen „Erntehilfe“ nur langsam vorangekommen. Auf Grund des jahreszeitbedingt fehlenden Kirschbestandes bewältigen wir den Anstieg jedoch in ansprechendem Tempo. Für einen kurzen Abstecher zum „Zwei-Burgen-Blick“ verlassen wir den Wanderweg. Neben Burgruine Hanstein und Jugendburg Ludwigstein, welche unser heutiges Etappenziel sein wird, bietet der kleine Ausflug einen schönen Blick ins Tal der Werra.

Unser Weg verläuft nun hauptsächlich durch Buchenwald, vorbei am Wasserspielplatz Öhrchen, bis zur L3464. Auf einem schmalen Pfad oberhalb der Landstraße wird dem Burgensteigwanderer Trittsicherheit abverlangt. Dafür kann man ab und an einen Blick auf die Werra erhaschen, welche jenseits der Landstraße sanft dahindümpelt.

Noch einmal gelangen wir bei einem 500 m langen Aufstieg ins Schwitzen, bis die Umrisse der Burg Ludwigstein hinter einer Streuobstwiese sichtbar werden. Die Burganlage aus dem späten Mittelalter, welche bereits dem Verfall preisgegeben war, erlebte Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Wandervogel- und Jugendbewegung eine neue Blüte. Die heutige Jugendburg beherbergt neben Unterkünften und einer Jugendbildungsstätte auch das Archiv der neuen deutschen Jugendbewegung. An deren Anfänge in Form des ersten Freideutschen Jugendtages 1913 auf dem Hohen Meißner erinnert ein Gedenkstein, der an einer der Außenwände angebracht ist. Dessen Inschrift besagt, dass alle gemeinsamen Veranstaltungen der Jugend unter Verzicht von Alkohol abzuhalten waren - ein wohlmeinendes Gebot, dem wir allerdings am Abend beim gemeinsamen Resümee des Wandertages nicht gefolgt sind.

Tag 3 Burg Ludwigstein– Bad Sooden-Allendorf; 18 km (530 m ➚, 600 m ➘) 

Bernd Jürgen Seitz

Auch als Senior*innen wurden wir in der „Jugendburg“ Ludwigstein gut aufgenommen. Trotz Corona erhielten wir sogar eine Burgführung, bei der die Geschichte der Burg erläutert wurde: Die Burg wurde ab Sommer 1415 unter Landgraf Ludwig I. von Hessen zum Schutz der umstrittenen Grenze gegenüber dem kurmainzischen Eichsfeld und der mainzischen Burg Hanstein erbaut. Nach einer wechselvollen Geschichte war sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts weitgehend verfallen, als sie von der Wandervogel-Bewegung entdeckt und nach dem Ersten Weltkrieg wiederaufgebaut wurde. 

In langen Reihen reichten junge Leute die Steine für den Wiederaufbau von Hand zu Hand aus dem Werratal bis zur Burg hinauf. Zu Zeiten der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg schaffte sich der Ludwigstein seine eigene Währung, und Jugendbewegte aus allen Bünden zogen von dort aus als Siedler aufs Land, um ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Die Burg erlebte eine wahre Blüte – bis zur Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus (Wikipedia). 

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs diente die Burg zunächst als Flüchtlingslager, 1946 wurde sie dann an die wieder zugelassene Vereinigung Jugendburg Ludwigstein zurückgegeben. Das Archiv der deutschen Jugend bewegung wurde wiedererrichtet und – wie auch die Burg – 1970 in eine Stiftung überführt. Hinzu kam 1982 eine Bildungsstätte, die die zeitgemäße Fortführung der Impulse der Jugendbewegung unterstützt. Als freie Jugendherberge mit derzeit 174 Betten bietet der Ludwigstein einen Ort für offene Begegnungen. 

Nach einem morgendlichen Blick auf die benachbarte Burg Hanstein ging unser Weg durch den Naturpark Meissner-Kaufunger Wald in südliche Richtung, unser Ziel war Bad Sooden-Allendorf, direkt an der Grenze zu Thüringen und fast im geografischen Mittelpunkt Deutschlands gelegen. Der Weg ging zunächst durch eine vielfältige Kulturlandschaft, dann weitgehend durch Laub- und Mischwälder.

Wie fast immer zog sich die Gruppe bald weit auseinander, eine Teilgruppe ließ sich durch eine Umleitung des Wanderwegs foppen, die in die falsche Richtung führte – hätten wir das nicht nach etwa zehn Minuten bemerkt, wären wir wieder bei der Jugendburg gelandet! Ein im Wanderführer als gefährlich angekündigter Wegabschnitt erwies sich indessen als völlig harmlos (zumindest bei dem guten Wetter, das wir – oft im Widerspruch zum Wetterbericht – hatten).

Ein langer Anstieg führte uns auf den Roßkopf (482 m) mit seinem Aussichtsturm. Von dort war es nicht mehr weit nach Ahrenberg, wo der Wanderweg über die Terrasse eines Gasthofs führte – einige blieben dort auch prompt hängen. Der Weg von dort nach Bad Sooden-Allendorf war dann nur noch ein Klacks und führte direkt am Gradierwerk (Anlage zur Salzgewinnung), des bereits im 8. Jahrhundert für seine Salzvorkommen bekannten Ortes, vorbei. Über die Werra ging es dann in den historischen Kern von Allendorf, wo sich unsere Unterkunft befand. Unser Geologe Klaus Peter (ohne Bindestrich!) erläuterte, dass der Weg an diesem Tag durch verschiedene geologische Schichten führte, vom Muschelkalk über Buntsandstein bis zum salzhaltigen Zechstein. 

Tag 4 Bad Soden-Allendorf nach Hitzelrode; 14 km (580 m ➚, 550 m ➘) 

Klaus-Peter Stanek

In der Nacht leichter Regen, früh trübe, stark bewölkt. 8:00 Frühstück unter Corona-Bedingungen, wir bekommen das Essen auf Vorbestellung zugeteilt, es klappt nicht immer.

9:15 beginnt die Stadtführung, unser Guide hat drei Stunden eingeplant. Katharina handelt ihn – auf Wunsch der Truppe - auf eine Stunde herunter. Er erzählt aber sehr interessant, letztendlich besichtigen wir zwei Stunden die Altstadt. Allendorf mit einer schöne rekonstruierten Fachwerk-Altstadt war in früheren Zeiten der kaufmännisch-administrative Teil auf dem Ostufer der Werra. In Soden konzentrierte sich die Salzsiederei, das Proletariat. Entsprechend hatte man zwei Parteien, die auf unterschiedliche Art und Weise für den Reichtum sorgten, eigene Wappen haben, aber übereinander die Nasen rümpften.

Die Führung ging vom Markt zum Rathaus mit Glockenspiel, über verschiedene Gebäude der alten Kaufleute und Salzsieder. Es folgten die alte Schule, die Stadtmauer aus Sandstein und Geschichten vom Dreißigjährigen Krieg. Man erkaufte sich den Frieden und blieb so weitestgehend verschont. Zum Warmlaufen gab es den Aufstieg auf einen rekonstruierten Turm der Stadtbefestigung. Belohnt wurden wir mit einem schönen Rundblick über die umliegenden Berge mit unserem Zwischenziel, dem Schloss Rothestein. Den Abschluss des Stadtrundganges bildete die St. Crucis-Kirche. Leider wurde das Kirchenschiff und die Orgel rekonstruiert. Das Kirchcafé hatte Corona-bedingt geschlossen. Dafür konnte man sich im kirchlichen Kräutergarten auf hoher Wartebank vom umgebenden Volk abheben. 

Um 11:15 ging es entlang der Werra-Flußniederung zum Schloss Rothestein. Die Wegweiser versprachen unterschiedliche Wege, mehrere Wander-Apps wurden befragt, und es gab unterschiedlich lange Wege. 

Viele liefen nach dem Wegweiser eine riesige Schleife. Katharina und ich sind im Hohlweg dann direkt nach meiner App marschiert. Altes Motto: überholen ohne einzuholen. Kurz vor dem Schloss trafen sich alle wieder. Die Burg im neogotischen Stil hat eine wechselvolle Geschichte, ist jetzt in Privatbesitz und nicht zugänglich. 

Der aufsteigende Waldweg führte durch Buchenwald, komplett im Buntsandstein.  Weiter oben folgte dann ein Steilhang aus Muschelkalk mit steilem Aufstieg nach NW, hinauf zum Gobert, dem Höhenzug der Hessischen Schweiz. 13:35 Uhr trafen sich die meisten zur ersten Rast an einer Aussicht zurück auf Rothestein und Allendorf. Das Wetter entlang der Werra war sonnig, beim Aufstieg zur Rast zogen die ersten Wolken auf. Die Fernsicht wurde diesig, der Hohe Meißner lag im Nebel. 

Nach der Mittagspause folgten wir der Kante des Hochplateaus, der Hohen Bahn, nach Osten, bis eine Karstlücke zum Abstieg zwang. Der Muschelkalk ist stark verstellt, der Weg wurde abschüssig. 

Danach ging es auf einem Saumpfad vorbei an Wacholderbüschen 60 m nach oben zu einer erneuten Aussicht. Weiter entlang des Abbruchs nach Ost bis zum Grenzstreifen zu Thüringen. Der Grenzstreifen stammt noch aus DDR-Zeiten und wird durch einen Verein von höherer Vegetation freigehalten. Hier trennten sich die Geschichtsinteressierten von den ehemaligen DDR-Bürgern. Es folgte ein langweiliger Teil durch den Buchenwald bis zum Wolfstisch, einem überdimensionalen, altar-ähnlichen Gebilde aus Muschelkalk. Eine Geländelücke mit stets frischem Wind hatte man technologisch gekonnt für den Betrieb eines Kalkbrennofens genutzt. Das technische Denkmal wurde gut erklärt. Die Vorhut, Carsten, Lars und ich, sind über einen steilen, direkten Weg nach Hitzelsrode abgestiegen. Die Frauen und Hans liefen eine flachere Schleife. 16 Uhr hatten wir die Kirche in Hitzelsrode erreicht. Das Dorf liegt eingebettet in den hufeisenförmigen Muschelkalkrücken, die Straßen winden sich in Serpentinen nach oben. 

Apfelbäume wachsen am Hang. Das Hotel „Hessische Schweiz“ liegt am Waldrand. Empfangen wurden wir durch einen jungen Pudel. Dann gab es Kaffee, Quarkkuchen und Bier, in der Reihenfolge. Nach und nach trafen auch alle anderen ein. Die Zimmer sind geräumig, das Abendbrot war sehr üppig und exotisch, nur Jürgen mäkelte am fehlenden Fleisch. Es war eine sehr schöne Wanderung durch die „Hessische Schweiz“. 

Tag 5 Hitzelrode – Eschwege; 18 km (500 m ➚, 400 m ➘) 

Peter Römer

Im Naturhotel Hitzelrode gibt es ein abwechslungsreiches gutes Frühstück mit selbstgebackenen Brötchen. Die Gruppe splittet sich, ich gehe mit Jürgen und Bernd hoch auf den Höhenzug. Oben ist die Grenze zwischen Thüringen und Hessen. Vor 30 Jahren war sie stark befestigt. Ein etwa 100 m breiter Streifen war gerodet. Es gab einen Zaun und Betonplatten zum Befahren längs der Grenze. 

Nach dem Mauerfall haben sich Naturschützer dafür eingesetzt, dieses „grüne Band“ von der Ostsee bis nach Tschechien zu erhalten. Weidetiere sorgen dafür, dass die Vegetation wiesenähnlich bleibt. Bernd entdeckt in der Wiese seltene Pflanzen, unter anderem Fransenenzian. Im Sonnenschein ist die Wanderung besonders schön. 

Wir kommen zum Aussichtspunkt „Pfaffschwender Kuppe“ mit einem weiten Blick ins Thüringische. Von hier starten auch Paragleiter. Der weitere Weg entlang des Höhenzuges ist auch gleichzeitig durch Grenzsteine aus dem Jahr 1837 markiert. Damals hießen die benachbarten Staaten „Königreich Preußen“ und „Kurhessen“. 

Die Silberklippe ist der nächste Aussichtspunkt, Blick auf Eschwege, Werra und einige Baggerseen. Dort treffen wir auch den Rest der Gruppe. Es geht runter zu den Baggerseen. Dort haben sich viele Kraniche für den Flug in den Süden versammelt. Auf den Feldern erntet eine riesige Maschine Rüben, zwei Hasen können fliehen.

Am Marktplatz sammelt sich die Gruppe in einer Eisdiele und lauscht dem Glockenspiel am Rathaus. In der Unterkunft „Frankfurter Hof“ gibt es ein großes Durcheinander, niemand weiß, wer in welches Zimmer soll. Nach einigen Tauschereien bleibt aber keiner ohne Bett. Ein sehr schöner Tag. 

Tag 6 Eschwege – Rittmannshausen; 24 km (500 m ➚, 300 m ➘) 

Eckart Kuke und Lutz Heidemann

Es war wieder ein Sonnenscheintag. Wir verließen die gepflegte Stadt Eschwege über den zu einem Park umgewandelten früheren Botanischen Garten. Unterwegs begegneten wir einer Wandergruppe aus Sachsen, die wir auch schon an den Vortagen getroffen hatten. Schön, dass auch andere unser Vergnügen teilten. Es kam Wind auf, es gab keinen Regen. Wenn später im Wald unter den Bäumen etwas prasselte, waren es fallende Eicheln und Bucheckern. Die Route von Eschwege bis Datterode war vielseitig und wieder gut markiert. Sie bot weite Ausblicke und konnte auch zum Schluss ab dem Dorf Röhrde entlang eines Radweges im Tal zum vorgesehenen Nachtquartier verkürzt werden. 

Die Wanderung konfrontierte uns beim ge nauen Beobachten wie an den Vortagen, wo niedrige Grenzsteine auf auf die Kleinstaaterei im 19. Jahrhundert und hohe Beton stelen auf die Grenze zur DDR hinwiesen, an diesem Tag wieder mit Geschichts spuren, mit friedlich und gewaltätigen Vergangenheiten. Kurz nachdem wir hinter einem kleinen Sportflughafen, der auch vom Bundesgrenzschutz genutzt wird, den Wald erreichten, setzten für mehr als eine Stunde während des gesamten Aufstieg zum 466 m hohen Lotzenkopfes militärische Schießübungen ein. Es wurde deutlich, was die Ursache war: Bevor wir vom Eschweger Stadtzentum in der „Landschaft“ anlangten, hatten wir ein Kasernengelände aus der NS-Zeit passiert mit einem grimmigen Adler davor (Foto unten). Versöhnlich war, dass sich paar Schritte weiter der jüdische Arzt Rubens Cardoso niedergelassen hatte und in der Kaserne der Bundesgrenzschutz und nicht die Bundeswehr untergebracht war. 

Kurz bevor wir, Eckart und Lutz, abkürzend das Dorf Röhrda erreichten, kamen wir mit einem Bauern ins Gespräch. Er wäre gerne Landwirt, die Arbeit auf den Feldern und im Stall sei fordernd und in Hinblick auf den früher intensiven Ost-West-Straßenverkehr hier und in den Nachbardörfern und die am nächsten Tag anstehenden Feiern zum 30. Tag der Wiedervereinigung, das sei eine gute Sache, aber für Bauern sei die Situation seitdem schwieriger geworden. Die Konkurenz in Thüringen mit den besseren Böden dort sei spürbar. Sein Vater hätte um 1935 in den Raum Gotha umsiedeln wollen, aber die Schwiegermutter, die Hoferbin, hätte das verhindert. Er sei dann froh gewesen, dass er geblieben sei. Über den Wegfall der „Zonenrandgebiet-Förderung“ hörten wir eine ähnliche Einschätzung am nächsten Tag von einem Berufskraftfahrer. 

Wir erreichten früh unser Quartier, den Fasanenhof in Datterode. Unten an der Hauptstraße hatten wir leerstehende Häuser gesehen. Mit Kuchen wurden wir freundlich empfangen. Die Dorfkirche war auch um 18 noch offen. Die junge Pfarrerin und ihr Mann richteten sie gerade fürs Wochenende her. Von der im 15. Jahrhundert vorgenommenen Ausmalung wurden bei einer vor kurzer Zeit vorgenommenen Restaurierung große Teile wiederentdeckt. Die Stiftung Denkmalschutz hatte dabei geholfen.

Tag 7 Rittmannshausen nach Weißenhasel/Nentershausen; 27 km (700 m ➚, 740 m ➘)

Regine Bogner und Bernhard Mall

Zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit wird uns die große Bedeutung dieses Ereignisses auch für unser Netzwerk bewusst. „Ohne deutsche Einheit säßen wir nicht hier“, erinnert Katharina beim Frühstück im Fasanenhof in Datterode. Die Zusammensetzung des Vereins und unserer Wandergruppe spiegeln diese Einheit wider und geben Anlass zu vielen interessanten Gesprächen. In den letzten Jahren hatten Mitgliederwanderungen (Mühlhausen – Freyburg, Erzgebirge) mehrfach durch die neuen Länder geführt. Auch die heutige Etappe wird durch die Verbindung von Ost und West geprägt. 

Die durch die Corona-Pandemie erschwerten Voraussetzungen werden dokumentiert: Vor dem Nobelhotel Schloss Hohenhaus bei Holzhausen formieren wir uns unter den kritischen Blicken des Personals zum Gruppenbild - mit und ohne Mundschutz. 

Auf Waldwegen wandern wir entspannt, bis wir auf ein Schild stoßen, das unsere Wanderung umleiten will. Die Umleitung über eine Schwarzdeckenpiste erscheint wenig attraktiv. Wir folgen der ursprünglichen Wegführung (X5 H = E6) auf schönen Wegen und stoßen bald auf die Ursache der vorgeschlagenen Umleitung: ausgedehnte Rodungsflächen, umgeben von grünen Krötenzäunen. Auf den gerodeten Flächen soll mit dem Neubau der A 44 das ehemalige Zonenrandgebiet zwischen Kassel und Sontra an die A4 (Bad Hersfeld-Eisenach) angeschlossen werden. Eine Aktivistin, die sich innerhalb der Zäune um die Umsiedlung gefährdeter Tiere kümmert, informiert uns auch über die lange Planungsdauer. Ihr heute 30-jähriger Sohn war beim Spatenstich 5 Jahre alt. Das 70 km lange Teilstück wurde 1991 als Verkehrsprojekt Deutsche Einheit beschlossen und soll mit 2,4 Milliarden Kosten die bisher teuerste Autobahn Deutschlands werden. Andere Naturschutzaktivisten zeigen uns stolz als Ergebnis der Rettungsaktionen: gerettete Feuersalamander, Molche und Kröten.

Weiter geht es auf Waldwegen vorbei an idyllischen Weihern, bis wir nach Blankenbach absteigen. 

Leider ist die Gaststätte geschlossen und so stärken wir uns in Intervallen an einem zugigen Rastplatz. Beim anschließenden langen, überwiegend sonnigen Aufstieg bis auf 456 m wird uns schnell wieder warm. Bis zur Tannenburg gehen wir teils auf Forstwegen, teils auf schönen Pfaden, die jedoch - wie überall - durch Mountainbikereifen ausgefahren oder abrasiert wurden. Besonders idyllisch ist das letzte Stück des Wanderwegs zur Tannenburg, einem ehemaligen Lehen der Landgrafen von Hessen. Zu unserem Erstaunen wird heute, am Feiertag, eifrig gearbeitet: Der Förderverein Freunde der Tannenburg führt Renovierungsarbeiten an der Burg durch. Freiwillige aus Ost und West roden Gestrüpp, bewegen schwere Steine und verlegen Rohre. Seit 1995 wird auf der Tannenburg das Konzept der ehemaligen Mittelaltergruppe „Allerley“ umgesetzt, zu dem der Ausbau zur lebendigen Burg mit Burgfesten und Mittelaltermarkt gehört. 

Wir gönnen uns in der Burgschänke eine Stärkung, bevor wir zum letzten Wegstück über Nentershausen nach Weißenhasel aufbrechen. Die schwarzen Wolken am Himmel verschonen uns und lassen uns Zeit, an dieser Strecke, dem „Glück-auf-Radweg“, die Infotafeln zu studieren. Erinnert wird an den seit 1934 von der um Rohstoffautarkie bemühten NS-Regierung reaktivierten Kupferschieferbergbau. 1939 waren 4200 Bergarbeiter aus ganz Deutschland und sog. Volksdeutsche in Barackenlagern angesiedelt. Während des 2. Weltkriegs mussten Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter deren Arbeit übernehmen. Nach 1945 wohnten in den Barackenlagern Flüchtlinge und Vertriebene. Einige Familien haben später eine Baracke gekauft und zu einem Eigenheim umgebaut oder dort einen kleinen Betrieb gegründet. 

In unserer Unterkunft, dem Hotel Johanneshof in Weißenhasel (Ortsteil von Nentershausen), werden wir mit einem gediegenen Abendessen empfangen. Nach dem Essen würdigt Klaus Katharina, Friedhelm und Carsten zuerst für ihre guten Kontakte zu den Wettergöttern und dann vor allem als Organisatoren einer intensiv und gut vorbereiteten anspruchsvollen Weitwanderung, bei der unsere vielfältig interessierte Gruppe voll auf ihre Kosten kam. 

Tag 8 Weißenhasel/Nentershausen nach Sontra; 6 km 

Jürgen Berghaus

Nach der Übernachtung in Nentershausen-Weißenhasel führte uns die letzte, 6 km kurze Etappe in die Bergstadt Sontra zum Bahnhof, der selbst am Wochenende eine gute Anbindung an das deutsche Schienennetz besitzt. Dazu nutzten wir den nicht ausgeschilderten, im Wesentlichen asphaltierten Wirtschaftsweg bergauf und über die Bergkuppe des Brodberges.

Nach dem Abstieg in Sontra angekommen, erinnerte die in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts errichtete Bergarbeitersiedlung an den ehemaligen Kupferbergbau. Weiter durch die Bäckerstraße kamen wir an dem schmucken, 1668 errichteten Fachwerk-Rathaus vorbei. Von dort ist es nicht weit zum am Stadtrand liegenden, nicht ganz so schmucken, vielmehr heruntergekommenen Bahnhof. Nach einer coronagemäßen körperlosen Verabschiedung zerstreute sich die Wandergruppe wieder über ganz Deutschland. 

Insgesamt bleibt der Werra-Burgen-Steig mit gutem Wetter und einer interessanten Streckenführung sicher allen Teilnehmern in sehr guter Erinnerung. 

Start der Mitgliederwanderung an der Alten Werra brücke in Hann. MündenKatharina unter ihrem Taufspruch mit den beiden Gesichtern eines ZwillingsBurg BerlepschVon Albshausen nach WitzenhausenKirschplantagen vor WitzenhausenLudwig- und Hanstein voraus: Genussvolle Rast am „Zwei-Burgen-Blick“Jugendburg LudwigsteinNur einen Steinwurf entfernt, die Burg HansteinHerbstzeitlose - BlütenprachtGradierwerk Bad Sooden-AllendorfMit prachtvoll verzierten Fachwerkhäusern ausgestattet - AllendorfMediterranes Flair an der WerraAm WerrauferBlick nach ThüringenEhemalige innerdeutsche GrenzeAuch Eschwege bietet viel FachwerkEin Stück Weg auf dem "Ars Natura"Schloss Hohenhaus bei Holzhausen
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