Frühsommer in den Hochpyrenäen

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Weitwandern im französich-spanischen Grenzgebirge

Traumwetter

Tag um Tag Sonne und Wärme, eine sagenhafte Fernsicht, azurblauer Himmel über schneegesprenkelten felsigen Hochlagen und Gipfeln, davor das frische Grün der Wälder und Matten und die Farbenpracht der sich entfaltenden Blüten. Der Sommerbeginn des Jahres 2001 in den französischen Zentralpyrenäen war wirklich märchenhaft. Weitwandern „de luxe“ sozusagen.

Bis Juli währte dieser Traum aus klarer Luft, Sonne und hohen Temperaturen, bevor, just mit dem Wechsel nach Spanien, ein erheblich instabileres Wetter einsetzte und eindringlich in Erinnerung rief, dass einem Hochgebirge von dreieinhalbtausend Meter Gipfelhöhe und Weitwanderpassagen bis nahe an die Dreitausender-Grenze immer mit der nötigen Vorsicht zu begegnen ist.

Unwetter

Im zauberhaften spanischen Estós-Tal mit Wiesen voll blühender, vierzig Zentimeter hoher blauer Iris und noch höherem Gelben Enzian wollte ich einmal mein Zelt aufstellen am plätschernden Bach. Der Tag war grau, und ich ging weiter zur frustrierend vollen Berghütte. Nachts kam das Gewitter. Stundenlang donnerten Regen- und Hagelfluten gegen das Blechdach, und vorbei war es für den Rest meiner Wanderung mit der Blumenpracht. Bachquerungen erwiesen sich in den nächsten zwei Tagen als gefährliche Abenteuer. Die Fluten rissen Straßenbrücken hinweg. Und wo ich heute wäre, hätte ich jenen paradiesischen Übernachtungsplatz gewählt, weiß der Himmel.

Nicht für Anfänger

Aber auch bei Schönwetter erfordern die Pyrenäenpfade beiderseits der Grenze bisweilen eine gewisse Vorsicht. Altschnee an den hohen Pässen - auch auf dem insgesamt weniger anspruchsvollen französischen GR 10 – lassen es angeraten erscheinen, im Frühsommer Grödel mitzuführen. Auf dem spanischen GR 11 gibt es einzelne ausgesetzte Passagen und leichte Kletterstellen, die ängstlichen Naturen Unbehagen bereiten könnten. Wirklich schwierig sind beide Weg nicht, wenn die Kondition stimmt. Wer sich am Zugang zum Ordesa-Nationalpark nach mehr als 1000 Höhenmetern Aufstieg noch konzentrieren kann, wenn eine weitere Steilstufe oder ein exponiertes Wegstück dies erfordern, wird den Weg meistern.

Wegführung

Zumeist verläuft die etwa dreieinhalbwöchige Runde über aussichtsreiche Bergpfade und Wanderwege in freier Natur oder nutzt Forst- und Almwege. Asphaltstrecken sind die Ausnahme. Besonders in Frankreich wurde im Lauf der Jahre jede Möglichkeit genutzt, zugewachsene Wiesenwege oder eine alte Mulattiere wieder gangbar zu machen, um Teerstraßen zu vermeiden. Ganz so ideal ist die Situation in Spanien nicht, doch sind unschöne Straßenmärsche auch hier selten. Man hat in den Naturparks in den letzten Jahren das Fußwegenetz erweitert und das kommt dem Weitwanderer zugute. Karten und Führer vermerken diese Verbesserungen aber bisher nur zum Teil.

Besser markiert ist zweifellos der französische GR 10, doch wird man bei einiger Erfahrung auch auf dem spanischen GR 11 keine ernsteren Orientierungsprobleme haben.

Hütten, Herbergen, Hotels - und Zelt

Es gibt viele Berghütten in den Hochpyrenäen. Dennoch kann es bereits Ende Juni/Anfang Juli zu Übernachtungs-Engpässen in Gebieten wie Gavarnie oder Ordesa kommen. Auch ist immer, besonders in Spanien, damit zu rechnen, dass große Kinder- und Jugendgruppen ein Refugio füllen. Man melde sich lieber an. An den weniger hoch gelegenen Wegstrecken existieren in Frankreich auf Wanderer spezialisierte sogenannte Gîtes d’Etapes, die Ende Juni allerdings manchmal noch einen ziemlich verlassenen Eindruck machen. Besser also auch hier telefonieren.

Wer Lager gerne meidet, hat durchaus Chancen ein Hotel zu finden, das dem Wanderer zumindest zu Beginn der Sommersaison auf Nachfrage seinen günstigen Halbpensionspreis einräumt. Ferienhotels bieten oft mehr für’s Geld als spezielle Wanderherbergen und sind mir auch atmosphärisch eine willkommene Abwechslung zum Vagabundenleben, das man sonst so auf Weitwanderungen, vor allem mit dem Zelt, führt.

Natürlich wird nicht jeder seine eigene Behausung mitschleppen wollen. Aber meine Erfahrung ist, dass sich das Erleben der durchwanderten Landschaft intensiviert, baut man am Abend sein Zelt in den Almregionen auf. Erlaubt ist das Biwakieren, beachtet man bestimmte Regeln, zumeist auch in den National- und Naturparks. Ein lauschiges Plätzchen mit Wasser fand sich eigentlich immer - jedes auf seine Weise einzig.

Landschaftsbilder

Rote Felsgipfel am Col du Somport, die symmetrische Pyramide des Pic du Midi d’Ossau, die gewaltige Nordwand des Vignemale, der riesige Hochgebirgskessel von Gavarnie, die bizarre Canyon-Landschaft des spanischen Ordesa-Nationalpark - die Farb- und Formenvielfalt der Bergformationen, die einen in den Pyrenäen auf engem Raum erwarten, ist enorm. Idyllische Bergseen, wie der Lac d’Ayous (Pic du Midi) oder der Lac d’Aumar (Neouvielle), und stille Wald- und Wiesentäler erweitern das Landschafts-Spektrum zusätzlich. Ein abwechslungsreicheres Weitwandergebiet lässt sich kaum denken.

Almleben - Tierleben

Ihren Beitrag zum eben Gesagten liefert auch die traditionsreiche Almwirtschaft - nicht nur wegen ihrer wunderbaren Kuh- , Ziegen- und vor allem Schafskäse. Auch die Hirten selbst können die Pyrenäen zu einem besonderen Ort für den Wanderer machen. Man begegnet sonnengebräunten Menschen mit klaren offenen Augen, die aussehen, als wären sie direkt einem touristischen Werbeprospekt entsprungen: Zigarette im Mundwinkel, Baskenmütze schief auf dem Kopf und neben sich ihre drollig aussehenden struppigen Hunde – könnte man nur mehr Französisch und Spanisch.

Von besonderem Reiz natürlich auch die Begegnung mit Tieren in freier Natur. Murmeltier, Fuchs, Gämse und Steinbock, dazu Vögel aller Größen bis hin zum mächtigen Bartgeier habe ich gesehen – und einmal, in der Dämmerung, einen Rothirsch mit Gefolge. Unvergesslich, wie sein gewaltiges Geweih sich immer weiter über einen Kamm am Rande der Waldgrenze in den Himmel hob, bevor der Körper sichtbar wurde und das Tier schließlich in seiner ganzen majestätischen Größe den Wiesenhang herabgefedert kam.

Wer ein Plätzchen mit seinem Zelt besetzt, das nachts sonst den Tieren allein gehört, kann allerdings auch Unvergessliches anderer Art erleben. So zeltete ich einmal in einem großen Hügelrund, in dem offenbar zwei weiße Pyrenäenhunde, größer als Bernhardiner, des Nachts regelmäßig Streife gehen. Ich hatte kaum das Zelt aufgebaut, da trabte an mir ziemlich betrübt ein Fuchs vorbei. Seinen Gemütszustand so richtig nachvollziehen konnte ich aber erst, als die zwei Riesen nach stundenlanger lautstarker Nachtwanderung bei meinem Zelt angelangt waren und intensiv darüber berieten, was mit mir zu tun sei.

Thermalbäder

Ebenfalls ein Erlebnis, wenn auch ganz anderer Art, ist die Begegnung mit den Thermal-Kurorten am Weg. Leider gerät deren spezifische Atmosphäre aber zunehmend unter die (Auto-)Räder.

Am schlimmsten verwüstet hat der touristische Ungeist das einst so stille aragonesische Balneario de Panticosa. Massenweiser Tagestourismus belebt den Ort so sehr, dass bereits dem letzten Bäcker und dem letzten Lebensmittelgeschäft zugunsten von Touristenramsch der Garaus gemacht ist. Die alten Großhotels wirken zwar immer noch so unfreundlich und unzeitgemäß wie früher, gestalten jedoch zum Ausgleich hierfür neuerdings ihre Preise für den Einzelreisenden überaus ‚modern’. Aber auch die großen französischen Thermalbäder gehen mit der Zeit. Im noblen Cauteret umsäuseln den Gast aus öffentlichen Lautsprechern weichgespülte Klänge, die das Gefühl vermitteln, die heimischen Großstadt-Kaufhäuser erst gar nicht verlassen zu haben. Andererseits sind Cauteret und, mit Abstrichen, Bagnères-de-Luchon wegen ihrer dekorativen Kurhotels und Thermen immer noch recht angenehme und sehenswerte Orte.

Frisch geduscht und gesättigt dem touristischen Treiben der Welt bei Bier, Wein, Kaffee oder Pastis von der „terrasse“ zuzuschauen, nach bier-, wein- und kaffeelosen Tagen mit Zelt, ist gar kein so übles Gefühl und bringt eine zusätzliche Farbe in die ohnehin so reiche Palette einer Weitwanderung in den Hochpyrenäen. Wer mag, kann hier außerdem für einen Tag in die Kurgast-Rolle schlüpfen und seine strapazierten Wanderglieder mit Massagen, Fango und Heilwasser verwöhnen lassen, bevor er sich wieder ins Weitwander-Abenteuer stürzt.

Dörfer und Städtchen

Ebenfalls lohnen würde sich ein Ruhetag in Luz St. Sauveur, Thermal- und Ferienort in einem, mit mittelalterlichem Siedlungskern und berühmter romanischer Wehrkirche. Aber auch die kleinen spanischen Fremdenverkehrsorte Benasque, Bielsa, Torla und Sallént de Gállego besitzen historische Zentren und eine einladende Atmosphäre. Zudem lässt sich hier preisgünstig tafeln. Das für Spanien typische dreigängige Menu del Dia, Wein inklusive, ist schon für unglaubliche 15 bis 20 Mark zu haben. Und wie es schmeckt, wenn man zu Fuß und mit Rucksack in den Bergen unterwegs ist, brauch ich Euch ja nicht zu sagen.

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