Wandern wo andere Rad fahren

Weitwanderwege auf Normal Null

- Wandern in Norddeutschland? Hast du kein Rad? - so die ersten Reaktionen meiner Kollegen. Meine Frau war von der Idee begeistert. Endlich mal eine Wanderung ohne Höhenmeter, denn die mag sie überhaupt nicht. Ein Novum für mich als Wanderer: In den Wanderkarten findet sich vor vielen Höhenangeben ein Minuszeichen. Wandern unterm Meeresspiegel!

Bis dahin hatte ich das Norddeutsche Flachland nicht unbedingt mit Wandern in Verbindung gebracht, mit Weitwandern erst recht nicht. Der Continental Divide Trail, der quer durch die USA (Ostküste - Westküste) führt, hatte bei mit die Idee einer Wanderung von Küste zu Küste in Deutschland ins Rollen gebracht. Bis zum Nord-Ostsee-Wanderweg waren es dank Internet nur noch ein paar Klicks. Der ist zwar einige Nummern kürzer, mehr aber gibt unser Land für eine direkte Küste-zu-Küste Wanderung nicht her. Dafür ist solch ein Unternehmen für Normalsterbliche realisierbar und muss nicht aus Zeitgründen bis zum irgendwann anstehenden Ruhestand verschoben werden. Der Norddeutsche Wanderverband hat den Weitwanderweg, der mitten durch Schleswig-Holstein führt, schon viele Jahre im „Angebot“.

Im Herbst 2003 war es dann so weit. Zusammen mit meiner Frau ging es in vier Tagen von Meldorf nach Kiel. Mit dem Westwind im Rücken, immer stur nach Osten. Es war eine überraschend schöne und abwechslungsreiche Wanderung. Schiffe, Moore, Hebewerke, eine fliegende Fähre und zum Abschluss dann doch noch ein paar Hügel. Gewürzt wurde das alles mit einem steten Wind, der für frische Luft sorgte. Der meist blaue Himmel, aufgelockert mit Schönwetterwolken, war gut für die Stimmung.

Auch wenn ich es nicht an die große Glocke hänge: hin und wieder finde auch ich Gefallen an einer Mehrtageswanderung ohne das „Abarbeiten“ von Höhenmetern.

Zwei Jahre später (Osterwochenende 2005) war es dann wieder so weit. Diesmal sollte es der Ostfrieslandwanderweg sein, diesmal alleine. Der Ostfrieslandwanderweg führt am ersten Tag an der Ems entlang und endet immerhin an der Nordseeküste. Fehnsiedlungen, Hochmoore, Entwässerungskanäle sowie Bauernhöfe die auf flachen, kaum wahrnehmbaren Aufschüttungen aus der unendlichen Ebene ragen, bestimmen das Bild dieses Weges. Der überwiegende Teil verläuft ab Aurich bis Bensersiel auf der Trasse einer ehemaligen Kleinbahnstrecke - leider entgegen der Beschreibung, über weite Strecken befestigt.

Es gibt Wanderungen die halten bereits bei der Planung einige Überraschungen parat. Bei beiden Touren in Norddeutschland sollte das der Fall sein. Bei der in Ostfriesland war es dank Internet schon keine mehr - die Wanderkarten waren die positive Überraschung.

Bei dem Weg quer durch Schleswig-Holstein rieben wir uns schon beim ersten Blick in die Wanderkarten die Augen. Da haben die Kartographen bestimmt etwas vergessen, vermuteten wir. Wenn auch bis zum ersten Wandertag die Hoffnung am Leben blieb. Aber wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Auf die genaue Vorplanung wurde bei beiden Touren, bis auf die Beschaffung der Wanderkarten, bewusst verzichtet. Das Wandern über mehrere Tage hat für uns auch etwas mit einer kleinen Flucht aus dem verplanten Alltag zu tun. Als Alleinwanderer oder zu zweit ist es meist kein Problem eine Unterkunft zu finden. Allen Widrigkeiten wie: Großveranstaltungen und „Eigentlich sind wir voll“ zum Trotz, für eine Nacht haben wir noch immer was gefunden. Wenn ich alleine unterwegs bin, lege ich mich zum Übernachten (wenn es nicht anders geht) auch schon mal in das Schutzhäuschen einer Bushaltestelle. Das fällt, wenn meine Frau dabei ist, mit Sicherheit aus.

Nord-Ostsee-Wanderweg - Mit Rückenwind von Küste zu Küste

Dank Internet war die Beschaffung der nötigen Karten kein Problem. Überrascht war ich über die Tatsache, dass es für diese Region Wanderkarten gibt. Mit Radwegekarten hatte ich schon eher gerechnet.

Was sich schon beim Blick in die Karten gezeigt hatte, wurde vor Ort bestätigt: Völlig unverständlich beginnt der Nord-Ostsee-Wanderweg in Meldorf und endet in Kiel-Schulensee. Beides weitab vom Wasser. Die Kartographen hatten sich also doch nicht geirrt. Aus verständlichen Gründen fangen viele Weitwanderwege in Deutschland an einem Bahnhof an, oder sie enden da. Ganz klar, für Wanderer ist das von Vorteil. Es gibt einige Wege, da sollte das nicht so sein, zumindest sollte es eine Alternative geben. Der Nord-Ostsee-Wanderweg zählt mit Sicherheit zu diesen Wegen. In diesem Fall verpflichtet der Name. Wir wollten jedenfalls nicht von Meldorf (auch wenn es reizvoll ist) nach Kiel-Schulensee (weniger reizvoll) gehen. Wir wollten von der Nordsee zur Ostsee gehen! Das haben wir gemacht. Auch wenn es nur das Hafenbecken in Kiel geworden ist, Ostseewasser war es allemal.

1. Tag: Meldorf (Hafen) - Albersburg

Was tun, wenn der markierte Wanderweg nicht da anfängt wo man es gerne hätte? Erst recht wenn der Anfang nicht da ist wo er unserer Meinung nach hingehört. Das fragten wird uns, nachdem wir einen passablen Abstellplatz für das Auto gefunden hatten. Wohlgemerkt in Meldorf und das liegt bekanntlich nicht an der Nordsee. Jedenfalls nicht direkt. Die Entfernung zum Meer bot in früheren, deichlosen Zeiten einen gewissen Schutz vor den Gewalten des Meeres. Das Trockenlegen der Polder, verbunden mit den Eindeichungen, hat dafür gesorgt, dass die beschauliche Kleinstadt im Westen von Schleswig-Holstein heute weiter von der Küste entfernt ist denn je.

Am Strand (Deichkrone tut‘s auch) der Nordsee, so hatten wir uns vorgenommen, wollten wir unsere Wanderung von Küste zu Küste starten. Das konnte nur eins bedeuten: Ein Fahrt mit dem Taxi zum gut 7 Kilometer weiter westlich gelegenen neuen Meldorfer Hafen.

Auf der Deichkrone, an der Schleuse, die den kleinen Fischer- und Freizeithafen vor dem ewigen Kommen und Gehen der Gezeiten und wohl auch deren Hauptzweck, vor den gewaltigen Kräften der Stürme schützt, konnte es endlich losgehen. Wie gehofft mit Wind aus Westen. Wenn der die vier Tage anhält, so unser Kalkül, gibt es Schiebewind bis zur Ostsee. Er sollte anhalten. Genau wie der Sonnenschein. Der blaue Himmel. Das Fehlen von Regen. Kurz, goldener Oktober in Norddeutschland. Ideale Wetterbedingungen für die Kiter auf den geschützten Wasserflächen des Kronenlochs am Fuß des Deiches und für Wanderer auf dem Weg nach Osten ebenfalls.

Bis Meldorf ging‘s über die so gut wie autoleere Straßen. Erst ab den ersten Häusern am Stadtrand merkten wir die Nähe der Kleinstadt. In der fanden wir dann auch die erste Markierung (gelber Keil mit der Spitze nach Osten). Schnell ein Schlenker zum Auto, um die Rucksäcke zu holen und ohne Pause weiter nach Osten.

Mal fehlte die Wegmarkierung, mal verloren wir sie aus den Augen, mal wurde der Weg verlegt (und wir gingen nach Wanderkarte auf dem alten Weg weiter). Egal, mit Hilfe der Wanderkarten fanden wir immer wieder zum eigentlichen Weg zurück. Meist ging es über Feld- und Wiesenwege durch die offene und dank klarem Wetter weit einsehbaren Landschaft des Nordens. Unterbrochen wurde das alles nur von wenigen kleinen Wäldern, Hecken und der unvermeidlichen Autobahn (A 23) kurz vor Albersdorf.

Albersdorf, ein uns gänzlich unbekanntes Nest, irgendwo im Norden der Republik, hat neben einigen Hügelgräbern eine Jugendherberge. Gründe genug, den ersten Tag hier zu beenden. Da standen wir mal wieder ohne Voranmeldung vor der verschlossenen Tür einer Jugendherberge in der Provinz. Die Klingel klingelte sich einen Wolf, aber weder die Tür noch sonst jemand ließ sich davon erweichen. Aber wir leben ja in modernen Zeiten. Handy raus, Nummer der JH wählen, siehe da, es ging jemand ran. Wenig später war die Tür offen. Es gab mal wieder den obligatorischen aber sehr freundlichen Anschiss betreffs Voranmeldung. Wenigstens morgens anrufen! Man sei schließlich auf dem Land und könne nicht den ganzen Tag auf eventuelle Gäste warten (unsere Methode hat bis auf eine Ausnahme immer funktioniert), so die Herbergsmutter. Versehen mit Tipps fürs Abendessen, dem Hinweis, dass wir die einzigen Gäste seien und dem Schlüssel der Herberge, wurden wir ins Haus eingeladen. Was will man mehr?

2. Tag: Albersburg - Rendsburg

Wenn wir auch die einzigen Gäste waren, am Frühstück hatte man es nicht gemerkt. Wie immer, wenn wir in einer Jugendherberge übernachten, musste auch hier das Frühstücksbüffet für den Tagesproviant herhalten - diesmal sogar mit ausdrücklichem Zuspruch der Küchenfrau.

Welch eine Überraschung, draußen dichter Nebel. Nach einigem Umherirren fanden wir dann doch noch den Weg in Richtung Nord-Ostsee-Kanal. Und welch eine Enttäuschung für mich, der Schiffsverkehr war wegen dichtem Nebel eingestellt. Dabei war genau der zu erwartende Verkehr auf dem Kanal einer der Gründe für die Wahl dieser Strecke gewesen. Ein einsamer Motorsegler der mit kahlen Masten eine Kanalfahrt versuchte, wurde durch lautstarkes Anpreien der Signalstation gestoppt. Glücklicherweise schaffte es die Sonne schon weit vor Mittag den Nebel zu vertreiben. Zum blauen Himmel gesellten sich nun endlich die heiß erwarteten Frachtschiffe. Die Riesenpötte der weiten Ozeane können zwar nicht durch den Kanal, aber auch so war es eindrucksvoll genug, wenn sich nur wenige Meter vor unserer Nase die rote Stahlwand eines Frachters vorbei schob. Man war versucht mal mit der Hand hinzulangen.

Um der Monotonie des Kanalwegs zu entfliehen, biegt der Nord-Ostsee-Wanderweg nach Passieren der Gieselauschleuse kurz nach Norden ab und führt dann wieder nach Osten durch das Hinterland, um kurz vor Rendsburg wieder auf den Kanal zu treffen. Jetzt wo endlich Betrieb auf dem Wasser war, entschieden wir uns für den direkten Weg nach Rendsburg, trotz langweiligem Uferweg. Die Monotonie des Kanalweges wurde noch durch die in regelmäßigen Abständen stehenden Masten der Kanalbeleuchtung verstärkt. In unserem Fall sorgten die Schiffe für eine abwechslungsreiche Etappe.

Zusätzliche Unterhaltung boten einige Mitarbeiter des NDR. Kamerastellungen wurden aufgebaut, Transparente angebracht und Ü-Wagen in Stellung gebracht. Am nächsten Tag fand auf diesem Teilstück des Kanals eine traditionelle Ruderregatta statt. Startpunkt Rendsburg, unser heutiges Etappenziel! Das war dann auch der Zeitpunkt, an dem wir uns ernsthafte Gedanken um ein Bett für die Nacht machten. Im ersten Hotel in der Stadt schienen sich unsere Befürchtungen zu bestätigen. Laut Auskunft der Dame an der Rezeption wäre es aussichtslos an dem Regattawochenende in Rendsburg ein Bett zu ergattern. Aber wie schon so oft, ein freundlicher Taxifahrer hatte noch seinen Geheimtipp. Nur wenige Meter neben dem ausgebuchten Hotel fand sich ein kleines Mittelklassehaus mit mehr als einem freien Bett.

3. Tag Rendsburg - Westensee

Auch dieser Tag sollte mit Nebel beginnen (war schnell wieder weg). In der Hoffnung auf dessen baldige Auflösung gingen wir runter zum Kanal. Hier hatte man ein gar nicht so kleines „Fahrerlager“ für die Ruderer und die Zuschauer aus dem Boden gestampft. Hektische Betriebsamkeit an allen Ecken. Wir wollten zur Schwebefähre, dem technischen Höhepunkt dieser Wanderung. Nur an langen Drahtseilen befestigt, die von der Eisenbahnbrücke herab hängen, überquert diese Fähre den Kanal ohne Kontakt zum Wasser, und beschaffte uns das komische Gefühl des weder Fliegens noch Schwimmens.

Am anderen Ufer hatten Straßenbauarbeiten für eine Neubausiedlung mal wieder dafür gesorgt, dass die Wegmarkierung fehlte. Den Weg zum Wilden Moor fanden wir auch so. So wild war das Wilde Moor dann doch nicht, aber schön, so schön, dass ich unbedingt einem Trampelpfad folgen wollte. Mit Schauergeschichten über Moorleichen, von denen nur noch eine Hand aus dem Wasser ragt und ähnlichem, konnte mich meine Frau überzeugen, auf dem offiziellen Weg zu bleiben.

Der wurde schon nach wenigen Minuten von einer Kuh versperrt, die offensichtlich ein Loch im Zaun gefunden hatte. So eine Kuh läuft einem schon mal übern Weg und stört nicht. Diese hatte leider die Angewohnheit, immer vor uns her zugehen und sich damit von der Herde zu entfernen. Links Stacheldraht, rechts Stacheldraht, vorbei konnten wir auch nicht. Um den Abstand zu Herde nicht noch weiter zu vergrößern, entschlossen wir uns, dass an der nächsten Weggabelung die Kuh unseren Weiterweg bestimmen sollte. An der Gabelung blieb das Tier auf dem Nord-Ostsee-Wanderweg, wir bogen also in die andere Richtung ab. Ohne unsere Anwesenheit, so konnten wir noch beobachten, trottete die Kuh gemütlich zur Herde zurück, und wir kamen nach Kamerun, etwas abseits der Wanderroute, die wir nach einem kurzen Schlenker wieder erreichten.

Der Weiterweg, oft über breite Waldwege, bis nach Westensee sollte ereignislos bleiben. Westensee glänzt mit einer alten Wehrkirche, schönen, alten mit Reed gedeckten Häusern und einer relativ neuen Jugendherberge. Im Gegensatz zur Herberge in Albersdorf, war die hier jedoch voll. Wir ergatterten das letzte freie Zimmer, sehr zum Leidwesen einer kurz nach uns eingetroffenen Familie. Duschen und dann raus zur Orts- und Kirchbesichtigung mit anschließendem Abendessen in einer Gaststätte. Kirche zu, Gaststätte zu, Essen könnt ihr in der Jugendherberge, so ein Einheimischer. Im Spurt zurück bevor deren Küche schließt (bei der Anmeldung hatten wir die Frage nach dem Abendbrot verneint). Glück gehabt! Es war nix Tolles, aber reichlich.

Spät abends probte noch eine Seniorenmusikgruppe in einem der unteren Räume. Deren Niveau war immerhin so hoch, dass wir ohne Kopfschmerzen einschliefen.

4. Tag Westensee - Kiel (Hafen)

An diesem Tag gab es zu Abwechslung mal keinen Nebel, dafür eine halbe Stunde Regen. Immer am Südufer des Westensees entlang, mal dicht am Wasser, mal weiter weg, ging es durch kleine Dörfer in Richtung Landeshauptstadt. Vielen Häusern konnte man ansehen, dass die ursprünglichen Bewohner schon lange nicht mehr darin wohnen. Mit viel Geld und Arbeit wurden hier einige Schmuckstück geschaffen. Zu unserem Leidwesen versteckten sich die meisten Anwesen hinter alten Bäumen oder hohen Hecken.

Ein Novum gab es auf dieser Schlussstrecke dann auch noch. Höhenmeter! Bis auf gut 70 Meter mussten wir hinauf. Solche Steigungen fordern ihren Tribut, mit der Folge, dass sich die Pausen häuften.

Bis zum Autobahnzubringer folgten wir noch der hier schon sehr lichten Markierung des NOW. Zu dessen offiziellem Ende am Schulensee, im gleichnamigen Kieler Stadtteil, wollten wir nicht. Warum auch? Ein Wanderweg, der die beiden Meere verbindet, die unsere Küstenlinie bestimmen, sollte auch am Meerwasser enden. Für uns hieß das, dass wir die restlichen Kilometer der Wanderung bis zum Hafenbecken an der Ostsee auf den Bürgersteigen der kleinen Ostseemetropole verbringen würden. Schön war die Schlussetappe durch das Stadtzentrum nicht, aber das Ziel war es wert. Wir hatten schon schlechtere Stadtetappen.

Fazit:

Wie das manchmal so ist: Man fragt sich, warum es einem gefallen hat und hat dann doch keine richtige Antwort parat.

Für uns war natürlich der Weg von Küste zu Küste das Ausschlaggebende. Hinzu kommt, dass ich der Seefahrt zugetan bin. Diese Leidenschaft wurde auf dem Nord-Ostsee-Kanal gefüttert. Der Schiffsverkehr auf dem Kanal sorgte dafür, dass es nicht langweilig wurde. Vielleicht lag es auch an der Landschaft - besser an den Landschaften. Der rauhe, von Wind und Wasser geformte Küstenstrich an der Nordsee. Die Agrarregion im Landesinneren, die mit ihren auch im Herbst noch grünen Wiesen und den schwarz-bunten Kühen jedes Klischeebild bestätigte. Ebenso das Wilde Moor. Verträumte Dörfer mit alten Kirchen und Reetdachhäusern, eingebettet in die sanfte Hügellandschaft rund um den Westensee, waren das Sahnehäubchen auf der Schlussetappe.

Kiel, die Landeshauptstadt? Na ja, wir mussten halt durch, um an die Ostsee zu kommen.

Höchstwahrscheinlich lag es jedoch am guten Wetter, das trügt die Wahrnehmung und lässt einen leichter über die Unzugänglichkeiten hinwegsehen.

Ostfrieslandwanderweg - Ein Osterspaziergang

Die positive Überraschung gab es schon bei der Planung. Die Wanderkarten hatte ich beim Wiehengebirgsverband Weser-Ems bestellt. Wanderkarten ist übertrieben. Es kamen die bekannten Topographischen Karten in der Normalausgabe. Keine einzige touristische Info, kein Wegenetz, nur das, was die Kartografen so interessiert. Beim zweiten Blick (der erste ist an den ungezählten Entwässerungskanälen hängen geblieben) fiel mir dann doch auf, dass jemand die Weitwanderwege liebevoll mit einem roten Stift eingezeichnet hat. Wenn das mal nicht aktuell ist!

1. Tag Karfreitag: Papenburg - Hesel 41 km

In Papenburg, der Stadt die aus einer alten Moorsiedlung entstanden ist - noch heute sorgen die vielen Kanäle für trockenen Füße - ist der Startpunkt des Ostfrieslandwanderweges. Vom Rathaus im beschaulichen Zentrum führt der immer in Richtung Norden bis zur Nordseeküste.

Mit Papenburg verbinde ich aber auch (und das mehr als Wandern) die Meyer-Werft. Im Stillen hatte ich die Hoffnung, dass mal wieder eine spektakuläre Überführung eines Kreuzfahrtschiffes über die Ems zur Nordsee anstehen würde. Ja das Internet, Überraschungen gibt es da schon lange nicht mehr. Auf der Homepage der Werft war weit und breit nix von einer solchen Fahrt, welche die Deiche und Wiesen am Ufer der Ems regelmäßig in einen Ameisenhaufen verwandelt, zu sehen. Dann wenigstens ein kleiner Frachter, so war meine Hoffnung. Schon bald nach dem Start am Bahnhof der Kleinstadt löste sich diese Hoffnung beim Blick in den leeren Werfthafen in Luft auf. Na ja, es war ja Ostern.

Meine Vorstellung von einer Wanderung über die Deichkrone war schon an der Seeschleuse (trennt das Hinterland von Ebbe und Flut) nur noch eine Wunschvorstellung. Nicht die vielen Zäune störten, da steht an jedem Zaun eine fest montierte Übersteighilfe, es waren die Schafe, die das Gras auf dem Deich kurz halten, die ein vernünftiges Fortkommen zu eine Farce werden ließen. Entweder Schafsch... bis zu den Knöcheln, oder die Tiere standen so dicht, dass an ein zügiges Durchkommen nicht zu denken war. Nun ja, dann eben weiter auf dem hinter dem Deich verlaufenden betonierten Deichsicherungsweg. Links der Deich, rechts die platte Landschaft Ostfrieslands, die in einem diesigen Zwielicht wenig Reize bot. Es fehlte der weite ungehinderte Blick ins Land. Der graue Himmel tat das Seine. Er sollte bis zum Ende der Wanderung überwiegend grau bleiben. Der Nebel, mal dicht, mal als Hochnebel, sorgte für eine Lichtstimmung die ich mit dem typischen norddeutschen Schmuddelwetter in Verbindung bringe. Immerhin hörte der Nieselregen schon kurz nach dem Start auf.

Die einzigen Farbtupfer in der noch wintergrauen Landschaft waren die backsteinroten Häuser, die hin und wieder am Wegrand auftauchten. Nicht viel Abwechslung boten die wenigen Dörfer hinterm Deich. Die sehenswerte alte Hallenkirche in Esklum, schon an der Mündung der Leda in die Ems, war leider verschlossen. Die geplante Besichtigung fiel leider ins Wasser. Übers Wasser der besagten Leda führt eine Brücke, und schon stand ich in Leer mit seinem Hafen und den vielen stattlichen Bürgerhäusern. Hier sollte für diesen Tag Schluss sein. Nach einem kleinen Stadtrundgang fiel die Entscheidung, dass heute noch ein paar Kilometer drin sind. Das flache Land lässt einen nicht richtig müde werden. In Leer beginnt die Trasse der ehemaligen Kleinbahn die bis zur Küste reicht. Über diese, viel öfter jedoch über Wirtschaftswege, ging es über Brinkum und Holtland noch bis nach Hesel. Eines der wenigen Hotels am Weg hatte nach einigem Suchen doch noch ein Zimmer für mich frei - das letzte. Der Haus ist voll belegt. Wer hätte das in dieser Ecke der Welt erwartet? Osterfeiertage sind hier Familientage, so wurde mir beschieden. Wer sein Eigenheim voll hat, der lagert seine große Verwandtschaft ins Hotel aus.

2. Tag Ostersamstag: Hesel - Aurich 27 km

Am nächsten Morgen stand der Nebel wieder dicht überm Land. Bis zum Mittag löste der sich jedoch auf, aber nur um einem weiteren grauen Tag Platz zu machen.

Von der „Anhöhe“ (um die 10 m über N.N.) in Hesel ging es zügig abwärts zum Bagbander Tief (ca. 2 m über N.N), einem der vielen kleinen Bäche dieser Region über die das Wasser, das in unzähligen Entwässerungskanälen, Siele, Gräben und Rinnsalen gesammelt wird, abfliest.

Seit der Stadtgrenze von Leer dominiert das Blau dieser überwiegend von Menschenhand geschaffenen, meist aber schon lange nicht mehr als solche zu erkennenden „Trockenlegungshilfen“, die Farbe der Wanderkarte. Sogar jetzt, im zeitigen Frühjahr, waren viele Kanäle unter den Büschen und Bäumen kaum als solche zu erkennen, so dicht ist der Bewuchs. Einige dieser Bauwerke halten schon seit Menschengedenken das hier alles bestimmende Grundwasser auf einem für die Anwohner erträglichen Pegel. Heute sorgen zusätzlich unzählige Pumpen dafür, dass das Wasser den Anwohnern nicht in die Häuser und den Landwirten nicht in die Felder steigt.

Später, ab dem aus einer alten Moorsiedlung hervorgegangen Ostgroßefehn, zogen immer wieder große Nebelschwaden über die Wiesen und tauchten die alten Bäume in ein Dämmerlicht, das mich eher an einen späten Herbstnachmittag denken lies als an einen hellen Frühjahrsmorgen. Pünktlich zur großen Pause an der Windmühle in Wrisse wurde es endlich heller. Einige Männer und Kinder aus dem Ort schichteten auf der Nachbarwiese Reisig für das Osterfeuer auf. Ihre freundliche Aufforderung zur Mitarbeit mit anschließendem Umtrunk, musste ich dann doch ablehnen. Im nächsten Ort erhielt ich von einigen Jugendlichen, die mit der gleichen Arbeit beschäftigt waren, ein beinahe gleich lautendes Angebot. Da sage mal einer die Ostfriesen seinen ein verschlossener Menschenschlag. Bis Aurich war es zwar nicht mehr weit, aber wenn ich hier hängen geblieben wäre, um Osterfeuer aufzuschichten, hätte ich die Stadt wohl erst mit Einbruch der Dämmerung erreicht. So reichte es noch für einen gemütlichen Bummel durch die Stadt, inklusive Besuch einer Buchhandlung. Der Besuch einer Buchhandlung ist an und für sich nicht erwähnenswert, wenn der Name Heinrich Heine erst der dritten Angestellten etwas sagt, dann schon.

Die Übernachtung in der Jugendherberge war ereignislos, bis auf den Umstand, dass eine schwedische Fußballmannschaft ihr Trainingslager (neben der Jugendherberge befindet sich ein Stützpunkt der DFB) mit einem standesgemäßen Umtrunk abschloss. Gehört habe ich von dem Gelage nichts. In welcher schwedischen Liga der Verein spielt, blieb mir ein Rätsel, wenn der Alkoholkonsum dieser Nacht ein Maßstab sein sollte (der Flur war übersät mit leeren Flaschen), dann war‘s mit Sicherheit die Erste Liga.

3. Tag Ostersonntag: Aurich - Nordseeküste (Bensersiel) 29 km

Zur Feier des Tages gab es an diesem Morgen keinen Nebel, nur dunkle Regenwolken die sich aber nicht entladen sollten. Erst mal zur Trasse der ehemaligen Kleinbahn zum Anfang der letzten Etappe. Und dann raus aus der Stadt, die sich noch im verdienten Schlaf befand. Wie meist an einem Feiertagmorgen in einer beliebigen Kleinstadt: die Männer der Stadtreinigung, ein paar Frühaufsteher, die zum einzigen Bäcker eilen, der an diesem Tag um diese Uhrzeit geöffnet hat, die unvermeidlichen Herren in Jogginghose mit Hund oder Hündchen, nicht zu vergessen der Jogger, der noch hastig seine Puls-Stopp-Kalorien-Uhr auf Null bringt, sind oft die Einzigen, die das städtische Leben an solchen Tagen am Leben halten. Aurich machte an diesem Morgen auch keine Ausnahme.

Die leider befestigte Kleinbahntrasse war wieder mein ständiger Begleiter. Links Wiesen. In der Mitte der gepflasterte, geteerte, oder sonstwie befestigte Weg. Rechts Wiesen. Aufgelockert wurde das Gesamtbild durch vereinzelt stehende Bauernhöfe, kleine Weiler, gelegentlich durch einen Wald.

Der Höhenpunkt an diesem frühen Morgen war zweifellos der Ostfrieslandäquator. Ein Balkentor quer über den Weg sorgte dafür, dass ich den nicht übersehen konnte. Ein unbefestigter Wiesenweg wäre mir lieber gewesen. Eine kleine Entschädigung für die endlose Pflaster- und Asphalttreterei waren die wunderschönen Ortsnamen wie Middels-Westerloog oder Ogenbargen. Ab hier, auf den letzten Kilometern zur Nordsee, fehlte endlich der künstliche Belag. Endlich Wiesen-, Feld- und Wirtschaftswege. Und endlich zeigt sich die Sonne. Dass es durch die Esenser Siedlungen dann wieder normale Straßen waren, machte den Bock auch nicht mehr fett. Den Deichweg entlang des Benser Tief, musste ich mir bis Bensersiel mit Osterspaziergängern teilen. Die verwunderten Blicke der Entgegenkommenden, an die ich mich in den letzten Tagen gewöhnt hatte, wurde hier oft um ein Lächeln erweitert. Aus Gewohnheit war ich mit schweren Wanderschuhen unterwegs, in Küstennähe eine eher unübliche Fußbekleidung.

Am Fähranleger für die Schiffe zu den Ostfriesischen Inseln, war das Ende der Wanderung erreicht.

Fazit:

Im Voraus hatte ich damit gerechnet mir den Ostfrieslandwanderweg mit Radfahrern teilen zu müssen. Ob es am Wetter lag oder daran, dass in Norddeutschland das Fahrrad ein Alltagsgegenstand ist und somit weniger für Ausflüge genutzt wird, Radfahrer habe ich bis auf einen (und natürlich den obligatorischen Innerortsverkehr) nicht getroffen.

Es war eine interessante Wanderung durch eine Region, die zu Unrecht (trotz der nachstehenden Kritik) nicht nur geographisch weit abseits der bekannten und oft überlaufenen Wanderziele liegt - trotz der Längen die die Streckenführung aufweist.

Zwei Punkte haben mich sehr gestört: einmal die Etappe von Pappenburg nach Leer. Immer hinterm Deich entlang ist auf Dauer langweilig. Das Ausweichen auf die Deichkrone mag Abhilfe schaffen, man kommt da oben aber oft nur langsam voran. Am meisten haben mich die beinahe durchgehend befestigten Wege gestört. Egal ob geteert, betoniert, gepflastert, geplattet oder was auch immer. In Verbindung mit den meist schnurgeraden Wegen und oftmals gleich bleibender Landschaft (es fehlen die „Boah-Effekte“), war es manchmal zermürbend.

Bei strahlend blauem Himmel, einem leichten Nordwestwind und angenehmen Temperaturen wären mir die Negativpunke überhaupt nicht aufgefallen.

Markierung und Wanderkarten (beide Wege)

Alles für den Nord-Ostsee-Wanderweg (Wanderkarten, Infos und mehr) gibt es im Internet beim Wanderverband Norddeutschland e.V. www.norddeutscher-wanderverband.de und beim Deutschen Wanderverband www.wanderbaresdeutschland.de

Wanderkarten, eine sehr gute Wegbeschreibung und ein Unterkunftsverzeichnis für den Ostfrieslandwanderweg, gibt es beim betreuenden Verband: www.wgv-weser-ems.de.

Die Wanderkarten sollten aus den oben erwähnten Gründen unbedingt beim Wiehengebirgsverband Weser-Ems e.V. - www.wgv-weser-ems.de - bestellt werden. Die Wegbeschreibung enthält ausführliche Informationen zur Geschichte und Geographie der durchwanderten Region.

Das Wandern ohne Wanderkarten ist auf beiden Wegen nicht zu empfehlen. Die Markierung ist zwar ausreichend bis gut, hin und wieder fehlt aber eines der kleinen Schildchen. Wer von den so genannten Premiumwanderwegen kommt, wird feststellen, dass nicht an jeder Kreuzung eine Markierung angebracht ist. Im Zweifel muss eben die Wanderkarte konsultiert werden.

Auf dem Ostfrieslandwanderweg ergibt sich die Wegführung meist durch den Verlauf der Ems und der alten Bahntrasse.

Fotos von Werner Hohn

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