Zu Fuß von der Nordsee in die Eifel (2)

Teil 2: Von Antwerpen zum Rurstausee

Ein Kanaltag auf Radfahrers Wegen

9. Etappe: Von Antwerpen nach Lindekens

Morgens, wenn Städte noch schlafen, sind Städte angenehm, sofern man zu Fuß hindurch möchte. Wir mussten vom westlichen Ufer der Schelde an die östliche Stadtgrenze, die ich großzügig in Wijnegem am Albertkanaal zog. Übern Daumen sind das 12 Kilometer Luftlinie, in der Praxis maximal einer mehr. Ein Hoch auf linialbewehrte Stadtplaner! Wie gesagt: Morgens kann man das machen. Wir waren so früh dran, dass wir alleine waren auf der leise quietschenden, holzverkleideten Rolltreppe des Sint Annatunnels, die Wanderer und andere Fußgänger unter die Schelde bringt.

Für Radfahrer gibt es große Lastenaufzüge, aus deren großen Türen, wenn es in der Stadt brummt, sie einen Schnellstart hinlegen - allen Unkenrufen oder Lobpreisungen zum Spott, der Belgier sei gemütlich. Jedoch der in feste Arbeitszeiten eingebundene Belgier hat es hin und wieder eilig, wenn für die Föhnfrisur mehr Zeit draufgegangen ist als geplant zum Beispiel; und so wird schon mal, eigentlich immer, jenes gutgemeinte und von Fußgängern mit Wohlwollen bedachte Fahrverbot für Radfahrer im Tunnel von Letzteren großzügig missachtet.

Wer wie wir den Belgier nur von Campingplätzen am südlichen Rand Europas kennt, wo dieser mit Liebe die allerletzte Falte aus dem Vorzelt zieht oder sein Auto mit einer silberglänzenden Plane abdeckt - der besonders Gewissenhafte nimmt selbstverständlich die Originalfahrzeugabdeckung in Wagenfarbe vom Hersteller - der ist schon erstaunt, wenn ihm radelnde Radfahrer im Fußgängertunnel unter der Schelde den Gehweg streitig machen.

Neben einem belgischen Wohnwagen kannst du immer dein Zelt aufbauen, das verspricht ruhige Nächte und auf Dauer wird sich eine angenehme Nachbarschaft entwickeln. Jahrelang hatten wir nach dieser Devise unser Zelt auf spanischen oder italienischen Campingplätzen neben belgische Wohnwagen gestellt und wurden nie enttäuscht. Der Sint Annatunnel hatte uns die andere Seite der Belgier gezeigt, oder war es die der Stadtbelgier?

An diesem Morgen war der Tunnel leer. Die Türen der Lastenaufzüge blieben geschlossen. Geschlossen waren ebenfalls noch die Türen der Cafés und Kneipen. Ausgerechnet in einem Studentencafé am Stadtcampus der Universität war die Kaffeemaschine schon warmgelaufen. Endlich Kaffee, endlich Drogen.

Raus aus der Stadt, über Radwege am Rand der N12. Den Startpunkt des Renier Sniederspads ignorierend, den Verkehr ignorierend, das Ortsschild Wijnegems registrierend, wenige hundert Meter nur noch bis zum Kanalufer. Stadt adé. Eine Pause auf der Bank an der Wijnegemsluis, und fünf Gemüsefrikadellen später waren wir wie so oft wieder einer Meinung, dass es so schlimm nun auch nicht war.

Dem Albertkanaal wollten wir bis Grobbendonk folgen, dort, auf der Brücke am Dorfrand, würden wir auf den GR 5, auf den Europäischen Fernwanderweg 2 treffen. Der GR 5 führt nach Maastricht, der Albertkanaal ebenfalls. Der GR 5 führt weiter nach Liège, der Albertkanaal ebenfalls. Bis Liège wollten wir zwar nicht, aber bis Maastricht. Schon an der Schleuse in Wijnegem war abzusehen, dass der Kanal für uns noch eine Rolle spielen sollte.

Kanalwandern ist einfach. Alles ist flach und wenn einem der Sinn nach Verlaufen steht, muss man schon kreativ werden. So gut wie jeder Kanal wird von Wegen begleitet, und seien es nur Trampelpfade. Der Albertkanaal hat breite Wege, so breite, dass uns die Radfahrer auf dem Radweg, der uns nach Grobbendonk bringen würde, locker umfahren konnten.

Jenes taten diese dann auch gekonnt. Stunde um Stunde. Es war warm. Von Nordosten wehte ein angenehmer Wind übers Wasser. Der Himmel war blau. Die wenigen Wolken weiß. Die Binnenschiffe groß. Kurzum, der Tag war schön.

Nur, an jedem Abzweig standen diese komischen Wegweiser, diese Pilze aus weißem Kunststoff. Für Radfahrer sind die. Für Menschen, die sich Geräte an den Lenker montieren, die Kilometer zählen und diese anzeigen können, die Geschwindigkeit messen und diese anzeigen können, die den Puls zählen, den Kalorienverbrauch, die Zeit und selbstverständlich die Durchschnittsgeschwindigkeit errechnen und anzeigen können. Menschen, die diese Geräte haben, lieben vermutlich diese weißen Kunststoffpilze, für die sind diese schließlich auch gemacht. Das sind die Knotenpunktwegweiser für die belgischen Radwege. Am Kanal sieht jeder aus wie sein Nachbar, wenn da die Nummer nicht wäre. Oben drauf steht die Nummer, die Adresse, die Hausnummer sozusagen. Es ist zu befürchten, dass es eine dicke Liste gibt, in der fein säuberlich Nummer, Standort und Aufschrift festgehalten wird. Die Nummer interessiert keinen Menschen. Nur das Wohin, das Woher und das Wieweit ist von Belang. Als Radfahrer fliegt man höchstwahrscheinlich vorbei, registriert, dass man auf dem richtigen Weg ist, überschlägt kurz die Zeit bis zum Ziel und ist weg. Bis zum nächsten Abzweig ist es nicht weit. Dort wird wieder ein Knotenpunktwegweiser stehen.

Fußgänger sehen darin Folterinstrumente. Wir jedenfalls. An jedem Abzweig steht so ein Pilz. Langsam schält sich so'n weißes Plastikding aus dem sommerlich kurzen Grün des Randstreifens. Es wird den Blick fesseln, bis man davor steht, um schon wieder festzustellen, dass sich seit dem letzten Ding die Vorkommastelle zum heutigen Etappenziel immer noch nicht geändert hat. Wird diese dann endlich einstellig, was die baldige Ankunft verspricht, ist der Kopf so ausgelaugt vom ewigen Errechnen und Anpassen der ETA, dass dieser nur noch die reale Ankunft als Ziel gelten lässt. Wir kennen das zu Genüge von anderen Radwegen, von den neuen Wanderwegen, die GPS-vermessen ebenfalls mit Nachkommastellen protzen. Was für‘n Blödsinn.

Beim zweiten oder dritten Pilz freuten wir uns schon auf den hoffentlich letzten, den vor der Brücke, wo wir auf den GR 5 treffen, den Kanal verlassen würden. Danach, maximal einen Kilometer später, hoffentlich einer ohne Pilze, würden wir auf dem Campingplatz der Belgischen Naturfreunde auflaufen, und vorbei wäre es mit den Pilzen, die Entfernungen mit einer Nachkommastelle angeben.

Nachmittags waren wir da. Hinterm Haus des „A.T.B. - De Natuurvrienden“, der Belgischen Naturfreunde in Lindekens, fanden wir einen von Bäumen und Büschen umschlossenen Campingplatz vor. Zwei Reihen Wohnwagen, deren Besitzer alle ohne Sichtschutz auskamen, die ihre Tische zur Mitte, zur Gemeinschaft hin aufgestellt hatten und etwas versteckt, hinter einer Hecke der Kinderspielplatz, einer der in die Jahre gekommen war. Kinder spielen auf dem Platz nicht mehr die allergrößte Rolle, stellten wir mit Bedauern fest. Der Campingplatz der Naturfreunde dort ist klein und gehört zu der Sorte, wo man seinen Geldbeutel verlieren darf, denn diesen wird man sicherlich zurückbekommen. Vermutlich sogar mit nach Nennwert sortierten Banknoten und die Flusen, die sich so gerne in selten genutzten Fächern ansammeln, würden bestimmt verschwunden sein. Vielleicht hatten wir uns das auch nur eingebildet. Dieser kleine Platz hinter dem weißen Haus, welches wie ein Schutzwall vor der Zeltwiese stand, war heile Welt aus dem Baukasten für Heile Welten.

Wanderer mit Zelt kommen auf dem Platz nicht mehr so oft vor wie vor Jahren, als der E2 geschaffen wurde, aber an „Noordzee-Rivièra“ würden belgische und holländische Sucht-Wanderer nicht vorbei kommen, erzählte uns der alte Mann, der in dieser Woche den Platz betreute. Es sind so gut wie immer alte Frauen oder alte Männer - egal ob ehrenamtliche Platzbetreuer oder Wanderer auf dem E2.

Kirchentag

10. Etappe: Von Lindekens nach Averbode

Kilometerschrubben stand an diesem Mittwoch auf unserem Beschäftigungsplan. Mal wieder, wie meine Frau unbedingt anmerken musste, als wir im Morgengrauen auf dem Bürgersteig vor dem Naturfreundehaus standen und beim Blick ins Wanderbuch die Überlegung anstellten, der offiziellen Streckenführung treu zu bleiben oder doch die ein oder andere Gerade einzubauen. Viel Zickzack versprach uns die erste Karte im Wanderbuch, die zweite kam uns auch nicht viel besser vor, auf der dritten Seite würde unser Tag enden, zum Glück in einem langgezogenen Bogen, dem wir die Ehre einer Geraden zustanden. Sozusagen die Vorfreude auf den Schlussakkord. Motivationsmäßig war das unbedingt nötig. Nicht wegen der Landschaft, das Wetter würde uns jegliche Motivation rauben.

Der Wetterbericht hatte für die nächsten Tage stabiles Sommerwetter versprochen. 30 Grad Celsius und mehr. An der immer noch nahen Nordseeküste würden die Urlauber endlich ihre Tage im Genuss mediterraner Urlaubsfreuden verbraten können.

Wir nicht, wir würden schwitzen, stöhnen und klagen. Wir würden schattige Wege suchen, neidisch auf die Kühe starren, die ihren Tag im schmalen Schatten dünner Windschutzhecken und junger Alleen verbringen würden. Dunklen Wäldern - in dieser Region eigentlich eine schamlose Übertreibung - denen wir auf unseren Wanderungen meist keine große Sympathie schenken, würden wir an diesem Tag hinterherlaufen müssen und keine finden.

Morgens um 10 Uhr, wenn sich andere zur Früh-stückspause eine Auszeit nehmen, war es schon so heiß, dass wir froh waren um den schnurgeraden Weg über die ehemalige Bahnstrecke der „Lijn 29“ im Wald zwischen Noorderwijk und Olen. Flach, breit und eben sonniger Schatten - immerhin etwas. Innerhalb weniger Stunden waren wir anspruchslos geworden. Hitze macht bescheiden. Tiefer, kühlender Schatten, wo einen das schweißnasse T-Shirt die Gänsehaut über den Rücken treibt, blieb ein Wunschtraum. Lange Strecken durchs offene Land erreichten den Status einer Wüstendurchquerung. Auf den Wegen zwischen den Wiesen und Feldern, nährte für Viertelstunden so manche sich in der Ferne abzeichnende Baumreihe unser Sehnen nach Schatten, welche dann doch zerstob, weil uns die Markierung meist auf Wegen hielt, die unter der flimmernden Augusthitze zu leiden schienen.

Wir waren alleine unterwegs. Die allgegenwärtigen Radfahrer der vergangenen Tage fanden entweder nicht den Weg in diese mehr oder weniger unbekannte Gegend, oder ihnen war schlicht und einfach zu heiß. Sogar die Autofahrer machten sich rar.

Der Parkplatz vor der Klosteranlage vor der Abdij Tongerlo war leer. Der große Innenhof war ausgestorben. Kein Mensch weit und breit. Bis auf das leise Plätschern eines Brunnens war kein Laut zu hören. Vor den Ziegelsteinmauern staute sich die Hitze. Die schwarzen Schieferdächer schienen unter der gleißenden Mittagssonne zu leiden. Die Tür zur Kirche war verschlossen. Rechnete man an diesem heißen Tag nicht mit Besuchern, oder sieht man diese als potenzielle Kirchenschänder? Im schattigen Torbogen des Eingangs saß die Mitarbeiterin des Klosterladens. Müde winke ich ab, als sie sich von der Bank erheben wollte. Kaufen wollte ich nichts, nur die Kühle des Ladens genießen.

Später saßen wir im Schatten der „Kapel van de Maarschalk", die zum Gedächtnis an den Feldmarschall Filips-Eugen de Merode (1674-1732) errichtet wurde, und erfuhren, warum neben vielen mitteleuropäischen Kapellen ein Lindenbaum steht. Heidnische Ursprünge, die germanische Göttin Freya, und so weiter. Das waren unsere 10 Minuten aus der Rubrik „Bildungsreisen, die nicht im Bildungsreisenkatalog angeboten werden“. Die Rast an der Kapelle glaubten wir dem alten Marschall schuldig zu sein. Seinen Familiensitz wenige Minuten vorher hatten wir uns trotz wohlwollender Beschreibung im Wanderbuch geschenkt. Hinter dichten Bäumen versteckt war von der Straße so wenig vom Herrensitz zu sehen, dass wir uns die erste Abkürzung des Tages zugestanden hatten. Als Belohnung gab es eben die Kapelle des Marschalls in Bergom.

Später am Nachmittag war ein schwacher Wind aufgekommen. Warme Luft waberte durch den Klosterhof der Abdij van Averbode. Müde bewegte sich leichter Fahnenstoff bunter Flaggen vor dem Portal im Innenhof. Im Gegensatz zur Abtei Tongerlo, war der Innenhof hier gärtnerisch gestaltet. Schatten und Kühle spendende Hecken und Bäume nahmen dem Platz jedoch die Größe. Von irgendwoher ließen sich Stimmen vernehmen. Irgendwo da oben waren offene Fenster, irgendwo im Innern der Abtei waren Menschen. Draußen, dort wo es heiß war, waren wir alleine, da standen nur die Autos des Klosters. Natürlich war auch diese Klosterkirche verschlossen.

Auf dem Campingplatz nur wenige hundert Meter neben dem Kloster war man erstaunt. Obwohl direkt am GR5 gelegen, kommen nur wenige Wanderer auf den unter schattigen Kiefern gelegenen Platz. Urlauber sind auch selten. Man lebt von den vielen Dauercampern, deren Bestreben einzig das Vergrößern ihrer Behausung zu sein scheint.

Kurztag

11. Etappe: Von Averbode nach Diest

Kurz nach Sonnenaufgang standen wir schon neben den gepackten Rucksäcken – und waren schweißnass. Die Nacht war eine einzige Quälerei gewesen. Am Abend des Vortages war es noch schwüler geworden, so dass alle mit einem heftigen Gewitter rechneten. Wir auch, wir sehnten uns danach. Es hatte kein Gewitter gegeben. Wir würden mit der alles erdrückenden Schwüle leben müssen. Wir würden abkürzen, gewaltig abkürzen sogar. Wir würden den „Grote Routepad GR 5“ verlassen, jedenfalls für heute. Wir würden die kürzeste Verbindung wählen. Von Averbode nach Diest sind es über den GR 5 gut und gerne 20 Kilometer, entlang der Straßen nur 9. Zweifellos würden wir die Straße nach Diest nehmen.

Zur späten Frühstückzeit plumpsten wir zum ersten Mal in die Stühle der Straßencafés auf dem Grote Markt von Diest. An diesem Tag sollte es noch oft „Plumpsen“. Mittags durften wir endlich ins Hotelzimmer. Der freundliche Besitzer hatte uns ein Eckzimmer zugestanden. Vier Fenster ohne Rollläden. Zwei nach Süden, zwei nach Westen, dem Sonnenlauf folgend. Wir würden den Tag woanders verbringen müssen: Auf den schattigen Terrassen der Kneipen, in den gekühlten Supermärkten, unter dem dichten Laubdach der Bäume im Stadtpark, am Ufer der Demer.

Und trotz der Hitze waren wir lange im kleinen Beginenhof des Städtchens. Wir waren dort ganz alleine. Nur einmal fuhr ein alter Mann in dunkler abgetragener Kleidung mit einem alten rasselnden Fahrrad über eines der Kopfsteinpflastersträßchen.

In Diest ist der Beginenhof überschaubar. Die kleinen, liebevoll restaurierten Häuser werden nur von der St. Katharinakerk überragt. Dass dieser Beginenhof kein Museum ist, davon zeugte das ein oder andere geparkte Auto, die vielen gepflegten Innenhöfe, die an die Hauswände angelehnten Fahrräder und das Fehlen von Touristen. Wohlwollend registrierten wir das Fernbleiben kulturbeflissener Bildungsbürger. Es war so still im Beginenhof an diesem Nachmittag, dass wir über die Geräuschkulisse der nahen Stadt staunten – und Diest ist wahrlich kein lautes Städtchen.

Lag es an der Hitze, oder schafft Diest es wirklich nicht bis in die Reisekataloge? Noch nicht einmal als Busreise für Tagesausflüge?

Uns hatte Diest gefallen, weniger wegen des Grote Markt, solche Plätze haben viele flämische Städte; und toll in Schuss sind die eh überall. Der Beginenhof war's. Nicht, dass wir deshalb unbedingt erneut dorthin müssen, aber gut, dass es noch Plätze gibt, die von Urlaubern nicht überlaufen werden.

Abends hatte es endlich gewittert. In Sekunden standen die Straßen unter Wasser. Für einen Augenblick sah es nach Weltuntergang aus. Danach glänzte die Stadt. Nur die Fassaden der aufgeheizten Häuser ließen erahnen, wie heiß es gewesen war. Eine Nacht würde zur Abkühlung nicht langen, jedoch würde der kommende Tag, wenn auch erneut heiß angekündigt, viel angenehmer werden. Der Wind hatte auf Nordwest gedreht.

Wahre Traumpfade

12. Etappe: Von Diest nach Hasselt

Goldsteig? Rheinsteig? Eifelsteig? Es gibt durchaus Wanderrouten die mehr „ziehen“, mehr Fremde mit sich tragen. Der „GR 5/E2 Noordzee-Riviera“ gehört dazu. Schon der Name, „Noordzee-Riviera“! Jeder Entwickler von Traumpfaden würde vor Neid erblassen. Zur „Riviera gehen“, das alleine reicht schon fürs Fernweh. Nicht einfach ans Mittelmeer, an die Riviera; und selbstverständlich geht kein Mensch in die Gegenrichtung.

Für solch ein Ziel braucht's keine wie auch immer gearteten Höhepunkte, soundsoviel Prozent Wiesenweg, soundsoviel Prozent Pfad und nach Möglichkeit keinen Meter Asphalt. Wer von der Nordsee bis zur Riviera gehen möchte, wenn möglich auch noch am Stück, würde spätestens bei der Ankunft in Nizza das ein oder andere Stück Asphalt, die ein oder andere monotone Etappe vergessen haben, denn die Durchquerung Europas zu Fuß sollte mehr sein als die Summe der Trampelpfade.

Einen kurzen Augenblick hatten wir gezögert als unter dem hölzernen Wegweiser am Rand der Diester Umgehungsstraße standen. Doch Richtung Süden? Vielleicht bis an die Riviera? Doch nicht in ein paar Tagen rüber zur Eifel abbiegen? Man könnte, müsste halt nur wollen. Kilometerlang haben wir gesponnen, gerechnet und mögliche Ausstiegspunkte, von wo aus meine Frau die Heimreise hätte antreten können, im Kopf durchgespielt. Ende September in den Westalpen? Nicht mehr zu schaffen? Kopfwandern, eine unserer Lieblingsbeschäftigungen wenn sonst nichts los ist auf dem Weg. Wegweiser dieser Art gibt es leider nicht mehr allzu viele. Denen, die vor Jahren mit Euphorie aufgestellt wurden, als die ersten Europäischen Fernwanderwege markiert wurden, sieht man ihr Alter an, und die früher oft zu sehenden kleinen Schilder, die auf einen E-Weg hinweisen verschwinden mehr und mehr. Schade.

Gestern hatten wir uns den GR 5 komplett gespart. Heute würden wir diesem vorerst folgen. Doch den großen Bogen um die Rennstrecke bei Zolder würden wir mit Sicherheit auslassen. Heidelandschaft hin, Wald her. Am Schluss würden wir die Strecke gütlich aufgeteilt haben. Die erste Hälfte offizieller Wanderweg, die zweite Hälfte entlang des Kanals. Die erste Hälfte war ereignislos. Die zweite Hälfte auch. Eine alte Frau aus Lummen hatte uns ein Stück begleitet. Sie war mit dem Rad am Kanalufer unterwegs. Wenn das Wetter mitspielt, macht sie das jeden Tag. An dem einen Tag Richtung Herentals, am nächsten Richtung Hasselt. Bis Hasselt war sie schließlich nicht mehr bei uns geblieben. Wir waren ihr viel zu langsam. Zum Wandern fährt sie in die Berge, meist nach Österreich. In Belgien war sie noch nie wandern.

In Hasselt war was los. Überall Polizei, Straßensperren für Autos, Absperrgitter für Fußgänger und jede Menge Volk auf den Straßen. Uns schwante, dass es heute mit einem Hotelzimmer eher schlecht ausgehen könnte. Hasselt war im Radsportfieber. Hinter dem mit Werbung gepflasterten Zieleinlauf drängten sich die Zuschauer schon in Fünferreihen. Das belgische Fernsehen hatte seine Kameras in Stellung gebracht, und ehe wir uns versahen, bog der Werbekonvoi um die Ecke. In weniger als einer Stunde wurde die Spitzengruppe erwartet.

Heute gibt es in Hasselt kein einziges freies Zimmer, beschied uns das Team vom Tourismusbüro. Ich gehöre zu den Menschen, die das nie glauben. Nach einer Stunde war ich bekehrt. Vom preiswerten Ibis Hotel bis hoch zum Radisson Blu hatten wir alle Innenstadthotels abgeklappert. Im Holiday Inn empfahl uns eine sehr blasierte Empfangsdame den Zieleinlauf abzuwarten. Gelegentlich benötigen die Radsport-Teams nicht alle reservierten Zimmer. In zwei Stunden würde sie mehr wissen. Sie sah danach aus, als würde es ihr Freude machen, uns um 17 Uhr einen abschlägigen Bescheid zu geben. Nein Danke, wir würden uns auf den Weg ins 12 km entfernte Genk machen, dort so hatte man uns gesagt, gibt es noch Zimmer.

„kamers/bed & breakfast“ stand auf dem Schild, darüber der Name der Unterkunft: „Amazing“. Meiner Frau war das Schild aufgefallen, eben als wir Hasselt hinter uns lassen wollten. Das Haus im Stil einer kleinen Villa an der Ausfallstraße nach Genk versteckte sich hinter einer hohen blickdichten Hecke. Dass für den I-Punkt in „Amazing“ ein rotes Herz herhalten musste, hatten wir geflissentlich übersehen. In der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen. Auf dem Parkplatz hinten im Hof, von der Straße nicht einsehbar, trafen wir vier junge Männer aus Luxemburg, die bei unserem Auftauchen sichtbar Probleme hatten, ihr Grinsen zu unterdrücken.

Wie lange wir bleiben möchten? Ein paar Stunden oder die ganze Nacht, begehrte die nicht mehr taufrische Besitzerin von uns zu erfahren. Ganz offensichtlich hatte sie unsere im Hof abgestellten Rucksäcke noch nicht gesehen. Bei 70 Euro fürs Zimmer ohne Frühstück wurden wir uns einig. 2 Stunden hätten 30 Euro gekostet. Das Zimmer unterm Dach wurde von einer dröhnenden kühlschrankgroßen Klimaanlage konstant auf Kühlhaustemperatur gehalten. Alles war extrem sauber und aufgeräumt. Jedes Ding hatte seinen Platz. Schneeweiße makellose Handtücher wetteiferten mit makelloser Bettwäsche. Offensichtlich hatte hier jemand Hand angelegt, der der Welt nussbaumbarocker Gästezimmer den Kampf angesagt hatte.

In einer schmalen Infomappe wurden die Stundenkunden darauf hingewiesen, dass das Haus neben ihnen auch Gäste beherbergt, die mehr als nur ein paar Stunden bleiben möchten. Ein dezentes Schälchen enthielt zwei Kondome. Leider ging die Sorge um das Wohlergehen der Gäste nicht so weit, für eine vernünftige Bettdecke zu sorgen. Eine superdünne Tagesdecke war zwar der Jahreszeit angemessen, entsprach trotzdem nicht unserer Vorstellung einer Bettdecke. Wir würden im Schlafsack nächtigen. Entgegen unserer wildesten Fantasien wurde es eine sehr ruhige Nacht. Neben uns und den vier Männern aus Luxemburg hatten sich keine weiteren Gäste in dieses etwas spezielle B&B verirrt.

Tot ziens, Vlaanderen

13. Etappe: Von Hasselt nach Maastricht

Die Spinnereien des Vortages waren passé. Wir würden Richtung Heimat gehen, ob bis vor die eigene Haustür, war noch nicht abzusehen. Die Zeit würde knapp werden. Maastricht musste es an diesem Samstag schon werden. Wir waren am Punkt 76 in unserem Wanderbuch. Nächster Halt, Punkt 94, plus x, wenn wir bis ins Zentrum wollten.

Für die Kilometerangaben im Topogids müssen markante Punkte, Sehenswürdigkeiten oder Abzweige herhalten. Damit niemand mit den Punkten durcheinander kommt, haben alle eine Nummer, die fein säuberlich in einer Tabelle zusammengefasst sind. Schätzen oder die Entfernungen in der Karte abgreifen, wird einem so abgenommen.

Punkt 76 ist im Buch die Schleuse Godsheide, in deren Nachbarschaft unser B&B zu finden war, in dem wir die letzte Nacht verbracht hatten. Punkt 94 ist die Kanalbrücke Veldwezelt am Stadtrand der niederländischen Stadt Maastricht. Die Tabelle ist, was Entfernungen angeht, pingelig und gefühllos: 76: Sluis Godsheide 198, 1 km; 94: Kanaalbrug Veldwezelt 250,1 km; Wir mussten „plus x“ dazu rechnen; x hatten wir geschätzt: im Selbstbetrug einigten wir uns auf 2 Kilometer. Auf der zweistelligen Endabrechnung stand 'ne 50 vorm Komma. Doch auf zwei Tage aufteilen? Damit wäre die heimische Haustür endgültig passé. Gewaltmarsch? Selbst jahrzehntealte Ehen haben Belastungsgrenzen, die aus gutem Grund noch nie getestet wurden. Dabei wollten wir es belassen. Die Strecke musste kürzer werden!

Der Nationalpark Hoge Kempen würde dran glauben müssen. Einen kurzen Abstecher in die Grote Heide hatten wir uns gegönnt. Tannenwald, Heide, ein Moor, aufgelassene Kiesgruben. Abgelegen und still, doch uns lief die Zeit davon. Wir wollen wiederkommen, hatten wir uns vorgenommen. Vielleicht für ein Wochenende, so weit weg ist das schließlich nicht. Mit dem Auto keine 3 Stunden, zu Fuß eine Woche. Wir hatten es eilig. Wir nahmen erneut die Wege am Albertkanaal. Den kurzen Abstecher in die Heide hatten wir uns nur erlauben können, weil wir schon ab dem Start den direkten Weg entlang des Kanals genommen hatten.

Von Genk hatten wir morgens nur die Schleuse, das Gaskraftwerk und die Rückansicht des Ford-Werkes gesehen. Ein Frachter aus Bulgarien lag schon seit Wochen am Kai. Fracht in Richtung Heimat war nicht zu bekommen, erzählte mir ein Mann von der Besatzung. Seit Wochen war man am Rostklopfen oder Deckschrubben. Irgendwas muss man schließlich tun. Nicht, dass die zwei Binnenschiffsmatrosen auf dumme Gedanken kommen. Eine Frau hatte nur der Kapitän dabei. Vielleicht sollte er es uns nachmachen und zu Fuß nach Hause gehen. So wie das jetzt abläuft, wird er seine Frau erst wiedersehen, wenn sie einen anderen hat.

Am Punkt 94 lag Flandern hinter uns, nur noch ein paar Schritte über die Brücke, und wir wären in Holland. Vom Nordwesten bis in den Südosten hatten wir das flache Land durchwandert. Jacques Brel hat es besungen. Der flämische Text von „Mijn vlakke land“ (fr. Le plat pays) fehlt in den Topogids. Besonders dem Buch für den GR 5A, der „Wandelronde van Vlaanderen“ würden die Zeilen gut zu Gesicht stehen. Es ist alles da, was Brel besungen hat. Von den „hooge duinen“, dem Strand, der bei Ebbe „woest is als en woestijn“ bis hin zu den „torenspits van hemelhoge kerken, die in dit vlakke land de enige bergen zijn“. Vermisst haben wir „de noordewind“. Wir hätten ihn gebrauchen können. Dass er „onze adem steelt“ hätten wir an den drückend-heißen Tagen im August in Kauf genommen. Wir hatten „zuidenwind“ unter dem das Land tagelang gestöhnt hatte. Es war ja auch schon August. Einen Monat zu spät. Wir werden wiederkommen, dann im Juli, nur um zu sehen, ob Jacques Brels Textzeilen vom Südwind der durch die Getreidefelder weht, immer noch zutreffen. Seine ausgedruckten Textzeilen werden dann erneut im Gepäck sein.

Hollands Bergwelt

14. Etappe: Von Maastricht nach Aachen

Wiederum würden Nummern unseren Tag bestimmen. In den letzten beiden Wochen waren es die Nummern für die Wegabschnitte in den Topogids der belgischen Wanderbücher, die es in der Natur aber nicht gibt. An diesem Sonntag sollten es die Nummern des niederländischen „Fietsknooppunt“-Systems sein, die in jeder Radkarte und sogar auf den Schildern zu finden sind. Mithilfe der Radwanderkarte für Ziud-Limburg hatten wir uns eine schöne, fast direkte Verbindungsroute Maastricht - Aachen zusammengestellt. Der Einfachheit halber größtenteils eine Radroute. Dort, wo es möglich und sinnvoll wäre, wollten wir die Radroute verlassen, uns einen kürzeren, vielleicht sogar schöneren Weg suchen. Radfahrer lieben bekanntlich keine Steigungen. Mulden, Senken, kleine Täler würden wir nicht wie diese umfahren, sondern Pi mal Daumen durchwandern. Unsere Knotenpunkte für diesen Tag: 79, 6, 65, 67, 68, 59, 86, 89, 93, oder einfacher: 33 Kilometer von Maastrichts Stadtmitte bis zur Jugendherberge in Aachen.

Die Provinz Limburg ist Hollands Süden und genau wie in der Schweiz und in Deutschland, sind dort die höchsten Berge des Landes zu finden. Der Süden Limburgs hat rein gar nichts mit dem klischeehaften Hollandbild der Urlauber zu tun. Keine Kanäle und Grachten, keine Deiche und Siele, keine Polderlandschaften, deren Grenzen sich im niedrigen Himmel verlieren. Im Süden Limburgs kann man Berge hinauf gehen. Wenn einem der Sinn danach steht, sogar auf den höchsten Berg der Niederlande steigen. Der Vaalserberg ist 322,7 m hoch. Klar, Berg ist eine schamlose Übertreibung, deshalb spricht die Wikipedia nur von einer "Erhebung". Wir waren nicht auf dem Vaalserberg, obwohl es von dort nicht weit bis zur Aachener Jugendherberge gewesen wäre. Unsere Radkarte gab das einfach nicht her. An dem Tag hatten wir das bedauert; sehr viel später erfuhren wir, dass der Vaalserberg seinen Titel verloren hat. Ein karibischer Vulkan auf Saba (für Google: Niederländische Antillen, Besondere Gemeinden) ist nun offiziell der höchste Berg der Niederlande. Wir haben also nichts verpasst.

Raus aus Maastricht und in einem langezogenen Anstieg hinauf nach St Antoniusbank. Nach 2 Wochen flaches Land beim Blick zurück endlich wieder Fernsichten. So weit kann man sehen! „Schau mal, da waren wir vor 2 Stunden“ und „Guck mal da rüber“. Was ein paar Höhenmeter bewirken. Runter ins Tälchen, hoch nach Wolfshuis. Oben an der Straße eine Windmühle, eine Bank unter Bäumen. Hinsetzen und sich sattsehen. Eine sanft gewellte Hügellandschaft, beinahe schon wieder zu flach. Wiesen mit Senken und Kuhlen, durchzogen von Bäumen und Hecken. Eine kleine Kuhherde trottet einen Hang entlang. Radfahrer, eben noch bei uns, verschwinden im Tälchen und radeln Minuten später am anderen Ende der Landschaft wieder ins Bild. Landschaften können schief sein, Horizonte an und absteigen, ausfransen, erstaunlicherweise sogar irgendwie auslaufen. Die Lineale, die Geraden, die Wasserwaagen haben ausgedient. Die Topografie gibt die Wege vor.

In Gulpen reihten wir uns für kurze Zeit in die Gruppe der sonntäg- lichen Müßiggänger ein. Kaffee und Kuchen, noch 'nen Eisbecher hinterher, zahlen, wir mussten weiter. Vorbei am „hoogstgelegen bungalowpark van Nederland“ suchten wir uns eine Route nach Vaals. Lange und staubtrockene Feldwege, schattige, dafür kurze Passagen durch den Wald, über Wirtschaftswege vorbei an Bolzplätzen, Hühnerställen und altersschiefen Unterständen für Vieh und rostigem Ackergerät, klaubten wir uns den Weg nach Osten Stück für Stück zusammen. Die Radroute mit ihren Knotenpunkten hatten wir schon lange verlassen. Schotter, Steigungen, Furchen sind halt nicht das, was Radfahrer erwarten.

Vaals, Vaalserquartier. Ein Bus der Aachener Verkehrsbetriebe. Halt! Hier muss die Grenze sein. Ein Kiosk mit Stühlen und Tischen davor. Das war es, die Republik hatte uns wieder.

Altersgerecht?

15. Etappe: Von Aachen nach Mulartshütte

Heimbach unterhalb der Staumauer des Rurstausees sollte es werden. Damit hatten wir uns viel vorgenommen. 50 Kilometer, vielleicht etwas weniger, wenn wir Abkürzungen finden würden. Der Krönungsweg des Eifelvereins sollte unsere Richtschnur sein. Mit den Abkürzungen ist das so eine Sache. Wenn detaillierte Ortskenntnisse fehlen, braucht's eine detaillierte Wanderkarte. Wenn möglich 1:25.000. Für die Strecke ab Aachen hatte ich keine Wanderkarten eingepackt. Die paar Karten können wir in Aachen kaufen, sofern wir überhaupt über die Eifel an den Rhein wandern. Bei der Planung schon war das Mittelmeer ganz hinten im Kopf dabei.

Leider sind wir an einem Sonntag in Aachen angekommen, wenn alle Buchläden geschlossen sind. Wenn nichts hilft, hilft der Bahnhofsbuchladen. Der hatte geholfen, doch mit Abstrichen. Alle brauchbaren Karten für unsere Wanderrichtung waren vergriffen. Dem Eifelsteig sei es gedankt. Wir mussten uns mit einer 50.000-er Karte vom Kompass Verlag begnügen. Damit hatte sich die Sache mit den Abkürzungen erledigt. Bis zum Montag warten, um anständige Karten zu kaufen, wollten wir nicht. Keine Zeit. Rund 160 Kilometer trennten uns noch von der Haustür. Mit den vier, vielleicht auch fünf Tagen, die uns noch verblieben, war das machbar, sofern wir aufs Tempo drücken würden. Also Tagesziel: Heimbach am Rursee.

Weit vor Mittag machten wir Schluss. Nicht nur, dass wir zu spät aus der Jugendherberge gestartet waren. Während einer langen Kaffeepause in Kornelimünster wuchs der Verdacht, dass wir einfach müde waren. Etappen jenseits der 30 Kilometer waren Wunschdenken. Die Motivation war futsch. Neuland war ab dem Rursee keins mehr zu entdecken. Was uns bei der Planung bewogen hatte, die Gehrichtung zu ändern, vom Unbekannten ins Bekannte zu wandern, weil es sonst langweilig werden könnte, kam erneut zum Tragen. Altbekanntes zieht halt nicht sonderlich.

Tagesleistung: 12 km. Ort: Campingplatz Mulartshütte. Hauptbeschäftigung Nr. 1: Flucht vor der Sonne. Hauptbeschäftigung Nr. 2: auf die Öffnung der einzigen Gastwirtschaft warten.

Nach Mulartshütte verirren sich nicht viele Menschen Der Ort hat 300 Einwohner, eine Kneipe, eine Bushaltestelle und eben einen von Dauercampern okkupierten Campingplatz. An der Kreuzung wo man zum Campingplatz abbiegt, wohnt eine Familie, die sich einen nervig kläffenden Hund hält. Der Hund wollte und wollte sich einfach nicht an uns gewöhnen. Ansonsten wurde die Sache mit der Uhrzeit ... na ja, zähflüssig.

Unser Lieblingsplatz wurde der Dorfplatz mit seinen Bänken. Die lagen im Schatten und von dort konnten wir Mulartshütte kontrollieren. Mittags hielt der Schulbus, dem 3 oder vier Kinder entstiegen. Ein oder zwei Radfahrer surrten durch die ebene Hauptstraße, gelegentlich ein Auto. Mulartshütte ist von Wald umgeben und liegt in einem Loch. An diesem Nachmittag sah es danach aus, als wollte alle Welt das Loch meiden. Zwischendurch erwogen wir sogar den erneuten Aufbruch. Packen und weiterzieh‘n, nur damit überhaupt was passiert.

Nachmittags würde das stattliche Gasthaus öffnen. Ein Bruchsteinhaus mit Obergeschossen aus Fachwerk. Ein ehemaliges Tuchmacherhaus. Die Infotafeln kannten wir schon lange auswendig. Unser Trachten und Sehnen stand nach Kaffee und Kuchen, beides mit Sahne, die obligatorischen Wespen dazu, fertig wäre die altersgerechte Freizeitgestaltung, redeten wir uns ein. Kaum dass der Wirt mit dem Verteilen der Stuhlkissen begonnen hatte, saßen wir an einem der Tische. Nur Minuten vergingen, bis ein Mercedes um die Ecke bog, dem Passagiere entstiegen, die in der Mehrheit mit der Handhabung eines Rollators vertrauter waren, als dem Wissen um die Fährnisse des Straßenverkehrs. Die Kuchenkarte rauf und runter, den Kaffee bitte koffeinfrei und für den Fahrer ein alkoholfreies Pils. Meine Frau und ich bestellten da schon die zweite Runde Kaffee und Kuchen.

Abends wollten wir erneut aufkreuzen, taten wir der Bedienung kund. Wenn uns der Sinn nicht nach Hunger stehen sollte, hätten wir in Mulartshütte keine andere Wahl, war deren Antwort. Die Bilanz am Abend: viel zu wenig Kilometer, dafür ein sattes Plus an Kalorien.

Morgen würden wir die abarbeiten müssen.

Dienstag: Kein Neuland zu erwarten

16. Etappe: Von Mulartshütte nach Heimbach/Rurtalsperre

Bleigrau hatte sich der Himmel bei unserem Aufbruch zugezogen. Kaum war das Zelt im Rucksack verstaut, setzte Regen ein. Dünne, lange Regenfäden; grauer, farbloser Fichtenwald; Himmel, der nicht als solcher zu erkennen war. Der Tag versprach fürchterlich zu werden. Seitdem wir wandernd unterwegs sind, flüchten wir vor solchen Tagen, sogar wenn es sich um einen Solitär handelt. Wir flüchten bis ans sonnige Mittelmeer, nicht, weil wir die Hitze so lieben, wir fürchten den Regen. Spanische und portugiesische Regenstatistiken können sich unseres Wohlwollens sicher sein. Eigentlich konnten wir nicht meckern. Mehr als zwei Wochen waren wir nun schon unterwegs, und den von uns so sehr gehassten Regen hatten wir, wenn überhaupt, nur für Minuten ertragen müssen. Die drückend heißen Tage, an denen wir für jeden Regenschauer dankbar gewesen wären, waren lange wieder vergessen.

33 km im Eifeler Dauerregen und die komplett durch eintönigen Wald – das Grauen konnte nicht größer sein. Dann fehlte auch noch die Markierung des Krönungswegs (HWW 10 des Eifelvereins, Aachen-Bonn). Irgendwo nach dem Queren der Bundesstraße 399 vermissten wir die Zeichen. Wir waren stinksauer. Monotoner Regen, langweiliger Fichtenwald, fehlende Markierungen und zu allem Überfluss eine 50.000-er Wanderkarte aus dem Kompass Verlag.

Quer durch den Wald, nur dem Gefälle folgen, dann sollten wir mit etwas Glück direkt an der Kalltalsperre rauskommen, wenn wir Pech haben sollten, an einem steilen Hang oberhalb des Kalltals. An der Kalltalsperre war die Markierung wieder da.

Weiter durchs Tal der Kall, durch den Wald. Wald! Wald! Wald! Seit Stunden schon. Genau wie der Regen fand der langweilige Fichtenwald kein Ende. Hoch nach Schmidt. Aufatmen. Der Regen hatte aufgehört, auch der Wald war weg. Es hatte aufgeklart. Endlich freie Sicht übers Hochplateau, zu den himmelhohen Windschutzhecken hinten denen viele Häuser komplett verschwinden. Menschenleer waren die Straßen in Schmidt an diesem Regennachmittag. Wir mussten nur noch hinunter an den Rurstausee, auf den Uferweg.

Ab da waren wir nicht mehr auf unbekannten Wegen unterwegs. Am Ufer des Rurstausees entfiel ein ganz wesentlicher Grund, warum wir Weitwanderungen, gar Fußreisen machen: Neues war nicht mehr zu erwarten.

Den ersten Teil des Wanderbrichtes findet ihr hier.

Fotos: Werner Hohn

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