Fränkischer Gebirgsweg Teil 1

  1. Etappe: Blankenstein – Selbitz

Nach einer geruhsamen Nacht und einem Hotelfrühstück, bei dem noch viel Luft nach oben ist, mache ich mich auf den Weg. Der führt mich zunächst einmal auf der thüringischen Seite eine ganze Weile an der hier noch recht jungen Saale entlang – früher, zu DDR-Zeiten ein Teil des Todesstreifens heute ein Teil des Grünen Bandes mit einer vielfältigen und lebendigen Natur. Angesichts der Zeitenwende, die gerade der Krieg in der Ukraine heraufbeschworen hat, ist es tröstlich zu sehen, dass historische Zeitenwenden auch erfreuliche Ergebnisse zeitigen können.

Der Wanderweg verläuft auf der Trasse einer alten Grubenbahn und am Weg findet man noch zahlreiche Zeugnisse aus der Zeit, als hier noch Erzbergbau betrieben wurde. Bei Blankenberg quere ich dann auf die andere Seite des Flusses und damit von Thüringen nach Bayern, genauer gesagt nach Franken. Hier geht’s aus dem Flusstal heraus erstmals steiler bergauf, glücklicherweise durch schattenspendenden Wald, denn die Temperatur nähert sich allmählich schon fast der 30°-Marke. Oben angekommen, weicht der Wald einer überwiegend landwirtschaftlich genutzten Hochebene, die zwar nur wenig Schatten bietet, aber ein heftiger Wind, der über die Felder und Wiesen weht, sorgt dennoch für angenehme Abkühlung.

Einige schöne schiefergedeckte fränkische Fachwerkhöfe säumen den Weg, der mich in das kleine Örtchen Issigau führt. Hier kann man nicht nur eine g‘scheite Brotzeit in den Rucksack packen sondern im Ort gibt es auch ein kunsthistorisches Kleinod, die Simon-Judas-Kirche, in der heutigen Form erbaut zwischen 1549 und 1623. Ihr Name geht zurück auf Simon den Zeloten und Judas Thaddäus, zwei Apostel, die im 1. Jhdt. Im persischen Raum missioniert haben und dort den Märtyrertod fanden. Interessanterweise gibt es in der Kirche keinerlei Hinweis auf die beiden.

Das Schmuckstück der Kirche ist eine Kassettendecke, von einem unbekannten Künstler um 1712 in Öl auf Holz gemalt. Sie besteht aus 66 Tafelbildern analog der 66 biblischen Bücher, die nebeneinander Motive aus dem Alten und Neuen Testament darstellen – eine Art stummer Bilderpredigt über die göttlichen Taten.

Weiter geht’s über die windige Hochfläche durch zwei kleine Dörfer, in deren eines ein kleines Wanderheim, auch wenn geschlossen, zur Mittagsrast einlädt. Anschließend führt der Weg hinunter ins Flusstal der Selbitz, jenem Flüsschen, dem ich schon am Start in Blankenstein begegnet bin und das dort in die Saale mündet. An seinen Ufern liegt auch der gleichnamige Ort Selbitz, mein heutiges Etappenziel. Seine Bewohner tragen bis heute den Spitznamen „Bockpfeifer“, weil in der ersten Hälfte des 19. Jhdts. Bettelmusikanten aus Selbitz viele Feste und Feiern in der Umgebung mit ihren Bockpfeifen – eine Art Dudelsack – musikalisch bereichert haben. Am Rathaus wahrt der Bockpfeiferbrunnen ihnen ein ehrendes Angedenken. So etwas für Bettelmusikanten -  das hat doch auch was.

 

  1. Etappe: Selbitz – Münchberg

Im Hotel kann man nicht mit Karte bezahlen. Der sehr nette und gesprächige Besitzer erklärt mir, er habe das wieder eingestellt, nachdem er erfahren habe, wie leicht es ist, dass sich Unbefugte bei ihrer Benutzung Zugriff auf die Karte verschaffen können. Daran schließt sich erst mal eine längere Diskussion darüber an, was denn passiert, wenn das Bargeld komplett abgeschafft würde, wie es z.T. andernorts schon gang und gäbe ist. Da tun sich interessante Aspekte auf, die sich aber nicht mehr ausdiskutieren lassen – ich bin eh schon spät dran.

Die heutige Etappe ist eher so eine Ackerbau- und Viehzuchtetappe, aber durchaus angenehm. Duftend gelber Raps, blühende Obstbäume, löwenzahnübersäte Wiesen und das Grün de Getreidefelder säumen den Weg und erfreuen die Sinne. Zwischendrin geht’s auch immer mal wieder auf richtig schönen softigen und fußfreundlichen Waldwegen beschwingt dahin.

Da der Wind immer noch ziemlich heftig bläst und die Fichten gerade blühen, ist jede Walddurchquerung immer mit einer ausgeprägten Blütenstaubdusche verbunden. So legt sich denn auf Haut, Kleider und Schuhe ein unübersehbarer gelblicher Film, der für Allergiker sicher ziemlich unangenehm wäre.

Ein hübscher Ort am Weg, der einen kleinen Rundgang verdient, ist Schauenstein, einer der ältesten Siedlungen im fränkischen Raum. Hinter einem kleinen, steil ansteigenden Markplatz erhebt sich die Pfarrkirche und überragt wird das Städtchen von einem Schloss, das bereits im 12. Jhdt. als Ritterburg erbaut wurde und heute ein Heimat- und Feuerwehrmuseum beherbergt. Das kann aber nur an Sonntagen besucht werden und so muss ich mich mit der Außenansicht des Schlossbaues zufrieden geben.

Kurz vor meinem Zielort Münchberg kann ich noch einen Aussichtsturm erklimmen, der mir noch einmal einen weiten Blick erlaubt zurück in den Frankenwald, in dem die ersten beiden Etappen verlaufen sind, und voraus auf das Fichtelgebirge, durch das mich jetzt der weitere Weg führt. Der Ort Münchberg, der genau dazwischen liegt, existiert als eine von Mönchen gegründete Siedlung – daher der Name – schon etwa seit dem Jahr 1000. Heute beherbergt er die einzige bajuwarische Textilhochschule, wo man so schöne Fächer wie „Sustainible Textiles“ studieren kann.

 

  1. Etappe: Münchberg – Weißenstadt

Heute geht’s nun ins Fichtelgebirge aber zunächst bleibt das Landschaftsbild wie gehabt, landwirtschaftlich genutztes hügeliges Gelände. Die ersten zwei Stunden bis zum Fuße des Haidberges ist auch die Wegbeschaffenheit ziemlich gruselig. Asphalt wechselt sich mit geschottertem Asphalt oder Schotter pur ab. Für  motorisierte Trecker wahrscheinlich o.k., für Trekker per pedes eher belastend. Die Landschaft ist aber wieder ausgesprochen reizvoll, was insbesondere an den zahlreichen, z.T. blühenden Wallhecken liegt, die hier gegen die durch die häufig heftigen Winde verursachte Bodenerosion gepflanzt wurden.

Unterhalb es Haidberges ändert sich dann die Landschaft. Sie wird steiler und ist von Mischwald bedeckt. Der Haidberg (697 m) ist mein erster Gipfelauf dieser Tour und geologisch gleich noch ein ganz besonderer. Er ist als Magnetberg bekannt und wäre ich hier auf einen Kompass angewiesen wäre ich aufgeschmissen. Die Nadel würde vogelwild in alle möglichen Richtungen zeigen. Das liegt daran, dass der Berg aus Serpentinit besteht, welches früher übrigens in einem großen Steinbruch abgebaut und zur Schotterung von Straßen benutzt wurde. So wird mir bezüglich der Wegbeschaffenheit einiges klar. Der Steinbruch ist mittlerweile geschlossen und hat sich zu einem artenreichen Biotop entwickelt.  Aufgrund dieses besonderen Gesteins soll der Haidberg auch Blitz und Donner abhalten. Nun liegt aber in Zell, nicht weit entfernt, ein Priester begraben, der ausgerechnet am Haidberg vom Blitz erschlagen wurde. Möglicherweise war er aber auch ein besonders sündiger Mensch, was ja unter Priestern durchaus vorkommen soll.

Nachdem der Markt Zell am Fichtelgebirge durchquert ist, geht es hinauf zum Großen Waldstein (877 m). Der Weg führt vorbei an der Saalequelle. Ursprünglich gab es hier „Die Hülfe Gottes“, ein Bergwerk, in dem man zwar nicht, wie erhofft, Gold gefunden hatte aber sogenannte „Gelbe Kreide“, die zum Malen und Färben verwendet werden konnte. Aus einem ehemaligen Stollen dieses Bergwerkes entspringt die Saale. Da ich sie ja als einen markanten Fluss meiner neuen Heimat kenne, war es schon ein schönes Gefühl, sie hier so munter lossprudeln zu sehen.

Weiter hinauf geht’s zum Großen Waldstein. Hier gibt es einiges zu sehen. Da wäre zunächst einmal der „Bärenfang“ aus dem Mittelalter, eine ausgeklügelte Konstruktion zum Fang von Bären, bei der eine Falltür zuschnappte, wenn ein Bär dort hineintappte und an einem Leckerbissen zerrte, der dort, mit der Falltür verbunden,  befestig war, um ihn sich einzuverleiben. Dann eine gewaltige Granitfelswand, auf der die Ruine einer alten Burg thront. Davor der Teufelstisch, auf dem der Teufel in der Runde seiner obskuren Spießgesellen mit eisernen Karten einen zünftigen Skat gedroschen hat – die Spuren dieses martialischen Spieles sind heute noch zu erkennen. Last but non least kann man noch auf die „Schüssel“ kraxeln, mit 872 m der höchste Felsen des Großen Waldsteins.

Eigentlich hätte die Etappe hier geendet, aber da sich im Waldsteinhaus eine Hochzeitsgesellschaft angesagt hatte, konnte ich dort nicht übernachten und musste, nach einer gebührend Stärkung mit Kaffee und Kuchen noch eine Stunde bis Weißenstadt absteigen, wo ich wenigstens mit dem Hotel „Zum Waldstein“ eine der Etappe angemessene Bleibe gefunden habe.

 

  1. Etappe: Weißenstadt – Marktleuthen

Erst mal muss ich zurück auf den Fränkischen Gebirgsweg, was am besten beim Weiler „Zigeunermühle“ gelingt. Das ist zwar kein politisch korrekter Ortsname mehr und müsste eigentlich in „Sinti- und Romamühle“ umgetauft werden, aber sei‘s drum, hier finde ich meine Wanderwegmarkierung wieder und auf geht’s zum Epprechtstein. Auf geht’s, nicht nur im übertragenen Sinne,  die nächste Stunde kontinuierlich, wird doch am Epprechtstein mit 708 m der höchste Punkt der heutigen Etappe erreicht. Oben drauf steht die Ruine einer Burg aus dem 13. Jhdt. die dann 300 Jahre später weitgehend zerstört wurde. Vor 100 Jahren bekamen der Standort der Ruine und das Gebiet drumherum den Status „Schutzwürdiges Naturgebilde“ verliehen. Dass man die Burg commode besuchen kann, verdanken wir allerdings dem Preußischen Königspaar Friedriche Wilhelm III und seiner Gemahlin Königin Luise. Sie weilten im Juni 1805 im Fichtelgebirge und äußerten den Wunsch, auch die Burg Epprechtstein zu besuchen und so wurde dann ein majestätswürdiger Aufstieg angelegt, von dem die heutigen Besucher und Besucherinnen auch noch profitieren. Genau an diesem Ort soll seinerzeit dem König auch die Nachricht überbracht worden sein, dass Napoleon den Rhein überschritten hatte und auf Bayreuth vorrückte.

Zahlreiche Granit-Steinbrüche sind in der Region verteilt und so nimmt es nicht Wunder, dass es in Buchhaus auch ein entspr. Informationszentrum gibt mit einem Granitlabyrinth, in dem man sich durchaus verlieren kann. Der Weg führt weiter zur „Schloppener Warte“, ursprünglich ein Bildstock aus dem Mittelalter, von  dem aber nur noch der obere Teil erhalten ist. In vorreformatorischer Zeit trafen sich hier die Bauern der Umgebung mit dem Ortsgeistlichen, um die Felder zu begehen und  Gottes Segen für deren Fruchtbarkeit zu erbitten. Es gab zahlreiche solcher Warten in der Region, aber nur zwei sind, zumindest teilweise, noch erhalten.

Der letzte Tagesabschnitt führt mich dann noch durch das Schutzgebiet „Hirschloh“, ein sogenanntes Übergangsmoor, Zeugnis früheren Torfabbaus im Fichtelgebirge. Vor etlichen Jahren hat eine Wiedervernässung begonnen und schon bald eine einzigartige Lebensgemeinschaft seltener Tiere und Pflanzen geschaffen. Aber auch die Mücken sind jetzt hier schon ganz schön aktiv. Die letzten vier Kilometer geht es dann auf herrlichem Waldweg zum Zielort Marktleuthen, wieder ein Ausweichquartier, weil es in Heidelheim, dem eigentlich Endpunkt dieser Etappe, nichts zu Futtern gibt und das wollte ich mir nicht antun.

 

  1. Etappe: Marktleuthen – Arzberg

Weil Marktleuthen ein Ausweichquartier war, müssen heute die ersten Kilometer mit dem Taxi absolviert werden, sonst wäre die Etappe zu lang. In Scnhwarzenhammer steige ich wieder in den Fränkischen Gebirgspfad ein, muss allerdings noch 2 km durch den Ort hatschen, weil mich der Taxifahrer bei der falschen Autobahnunterführung abgesetzt hat. Aber die nächsten zwei Stunden entschädigen für alle Unbilden. Der Weg führt durch das Naturschutzgebiet „Egertal“ und das bei sonnigem Wetter an einem Sonntagvormittag im Frühling – ich kann euch versichern: ein Träumchen! Für ein solches Bilderbuchwochenende sind auch nur erstaunlich wenige Menschen unterwegs. Die Einkehrmöglichkeiten am Weg sind aber sehr gut besucht – kein Wunder, sind sie doch auch mit dem Auto zu erreichen und außer sonntags so gut wie immer geschlossen. Das muss natürlich ausgenutzt werden, zumal die Etappe lang ist und die Sonne es heute besonders gut meint. Am 2. Egerstau – die Eger wird in ihrem Lauf hin und wieder aufgestaut und es gibt drei Kraftwerke auf diesem Abschnitt – wartet das Café Egerstau auf mich mit leckerer Heidelbeeryoghurttorte und einem Pott Kaffee.

So gestärkt gelange ich, die Eger verlassend und ständig angenehm im Wald ansteigend zum höchsten Punkt der heutigen Etappe, gekrönt von der Waldgaststätte Steinhaus. Nach diesem Anstieg habe ich befunden, erneut eine Pause verdient zu haben und im Biergarten lässt sich bei Käseplatte und Hefeweizen trefflich Mittagsrast machen. Kurz darauf hält eine Fatimakapelle mit dem Bonhoeffer-Text

   „Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarte wir getrost was kommen mag.
      Gott ist bei uns am Abend und am Morgen

  und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

 

auch noch geistliche Wegzehrung bereit.

Die ist auch nötig, denn nun habe ich einen Fehler gemacht. Anstatt einer blau-weißen Markierung direkt nach Arzberg zu folgen, bin ich weiter auf dem Fränkischen Gebirgsweg geblieben. Dieser dreht nun auf dem Weg nach Arzberg noch mal eine riesige Schleife von mehr als 5 km auf miserablen Wegen, Schotterstraßen entlang von Äckern, und durch mehrere kleine Ortschaften, ohne erkennbaren Mehrwert. Immerhin gibt es in Röthenbach ein kleines Volksfest mit Getränkestand, wo ich noch einmal auftanken kann, bevor mich eine elend lange Latscherei längs durch ganz Arzberg endlich zu meinem Hotel bringt.

Arzberg ist neben dem frühen Erzbergbau – Alexander von Humboldt war hier mal einige Jahre als Oberbergmeister tätig – natürlich durch die Porzellanmanufaktur bekannt. Auf dem Weg hierher passiert man einen Gedenkstein für C.M. Hutschenreuther, der an dieser Stelle die Kaolinerde entdeckte und daraus ein florierendes Unternehmen machte.

 

  1. Etappe: Arzberg – Waldsassen

Die heutige Etappe ist nicht allzu lang, ca. 4 1/2 Stunden Gehzeit, aber das ist auch ganz gut. Die vita contemplativa bestimmt den heutigen Weg, führt er doch an zwei der bedeutendsten Wallfahrtskirchen Bayerns vorbei und dafür braucht es Zeit. Aber der Reihe nach. Zunächst einmal geht es wunderschön durch die Röslauschlucht, das sogenannte Gsteinigt. Der Name rührt von den dort zahlreichen Freistellungen von Phylitfelsen her, gewissermaßen dem Blätterteig unter den Gesteinen. Auch der Erzbergbau spielte in diesem Gebiet eine bedeutsame Rolle. Etliche Entwässerungsstollen wurden vom Gsteinigt aus gegen die Abbauschächte vorgetrieben, wie die Stollenmundlöcher noch belegen. Aus einem sprudelt heute die Silberquelle, weil aus diesem Stollen ein Schacht mit Silberabbau entwässert wurde. Zudem ist das Gsteinigt ein vielfältiges Biotop, das zum geschützten Naturdenkmal erklärt wurde.

Nach einer halben Stunde ist aber erst mal Schluss mit Lustwandeln im schattigen Flusstal. Die nächste Stunde geht es stramm bergauf, zwar überwiegend auf schönen Waldwegen, aber aufgrund des schwül warmen Wetters bin ich doch froh, als ich endlich oben auf dem Kohlberg (632 m + 30 m Aussichtsturm) abgekommen bin. Die avisierte Einkehrmöglichkeit ist natürlich geschlossen und so geht’s, nach der obligaten Turmbesteigung, erstmal weiter, nun aber angenehm abwärts bis ins Bachtal der Felsnitz. Hier habe ich mir eine Pause verdient, bevor es – der Begriff „Bachtal“ lässt es schon erahnen – auf der anderen Seite wieder rauf geht. Aber auch dies ist überwiegend ein angenehmer Steig durch den Wald.

Und dann tritt man aus dem Wald heraus und – wow – unvermittelt steht sie da. Direkt auf freiem Feld erhebt sich die Wallfahrtskirche zur Hl. Dreifaltigkeit Kappl. 1685 – 1689 von dem großartigen Hofarchitekten Georg Dientzenhofer erbaut, ist sie ein Meisterwerk des Deutschen Barock, basierend auf der Zahl „Drei“ zu Ehren der Göttlichen Dreifaltigkeit. Der Grundriss ist ein gleichseitiges Dreieck in einem Kreis – ein altes Symbol für die Göttlichkeit. Außen gibt es drei große und drei kleine Zwiebeltürme. Der Innenraum besteht aus drei Apsiden mit jeweils einem Hauptaltar und zwei Nebenaltären. Über den 3 x 3 Altären wölben sich als Decke drei dreiecksförmige freskengeschmückte Halbkugeln, die Dreifaltigkeit als Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist thematisierend, verbunden durch eine Triangel. Das hat schon was und braucht Zeit und Muße, um als Gesamtkunstwerk betrachtet und begriffen zu werden.

Auch hier ist die an die Kirche angrenzende Einkehrmöglichkeit natürlich geschlossen. Aber es ist nun auch nicht mehr weit bis zur nächsten Wallfahrtskirche, dem „barocken Himmel über Bayern“ wie sie auch genannt wird, der Stiftsbasilika in Waldsassen. Auch sie ganz wesentlich ein Werk von Georg Dientzenhofer, aber ganz anders. Imponiert die Dreifaltigkeitskirche Kappl durch ihre ausgeklügelte Architektur im Dienst einer theologischen Aussage so beeindruckt die Stiftsbasilika Waldsassen durch ihre schiere Größe und den Prunk ihrer Ausstattung. Stuck, Fresken, Chorgestühl, Altäre – alles von erlesener Qualität und überbordender Fülle. Innere Einkehr war mir aber eher in der Dreifaltigkeitskirche möglich.

Die Stiftsbibliothek im ehemaligen Kloster, auch ein besonderes Kleinod des Barock, war leider nicht zu besichtigen, am Montag geschlossen. Da sie anderntags auch erst um 11:00 Uhr aufmacht und ich eine lange Etappe vor mir habe, muss ich diesmal auf einen Besuch verzichten und bei Gelegenheit wohl noch mal extra wiederkommen.

 

  1. Etappe: Waldsassen – Fuchsmühl

Zwar ist das für gestern Abend angekündigte Gewitter ausgeblieben aber zum Wandern sind ist die Temperatur heute doch deutlich angenehmer. Das kommt mir auch sehr zupass, denn heute gilt es mit der vorletzten Etappe auch die mit 25 km längste Etappe meines Abschnitts auf dem Fränkischen Gebirgsweg zu bewältigen. Sie führt durchs Stiftsland. Der Name rührt her von der Gründungslegende des Klosters zu Waldsassen. Markgraf Diepold III stiftete um 1127 den Zisterziensermönchen des Klosters das Land, das er an einem Tag umreiten konnte. Am Tage des entscheidenden Rittes plagten nun  zahlreiche Ausgeburten der Hölle das arme Pferd des Markgrafen natürlich mit dem Ziel, dass es nur in einer sehr langsamen Gangart vorankommen sollte, damit nicht allzu viel Land an den verhassten Klerus fiel. Aber der liebe Gott muss wohl doch mächtiger gewesen sein, denn das Areal ist extrem üppig ausgefallen – ich habe immerhin in einer ganzen Tageswanderung nur einen kleinen Teil des Stiftlandes durchmessen können. Seit dieser Zeit ist die finanzielle Basis des Klosters, wohl auch bis heute, gesichert.

Besondere Highlights gibt es, im Gegensatz zu gestern, nicht am Wege, aber er ist landschaftlich wieder sehr abwechslungsreich. Man nennt das Stiftsland auch das Land der tausend Teiche. Etwa 4000 von ursprünglich einmal 10 000 soll es noch geben. An etlichen komme ich vorbei und überall ließe es sich aufs Angenehmste ruhen und rasten, aber dann wäre die Etappe an einem Tag nicht zu schaffen. Es gibt immer Hüttchen, Bänke, Tische, manchmal sogar richtige Sesselchen mit Teichblick, nur eine  Einkehrmöglichkeit, die auch geöffnet hat, gibt es mal wieder nicht.

Der erhabene Moment dieser Etappe kommt fast ganz zum Schluss, gut 2 km vor dem Ziel. Da, wo ein Waldstück endet, taucht plötzlich hoch droben wie eine Fata Morgana die gewaltige Wallfahrtskirche „Maria Hilf“ von Fuchsmühl auf. Das Gefühl der Erhabenheit wird allerdings rasch abgelöst durch das profane Gefühl „Ja mei, da muss ich jetzt, nachdem ich schon 23 km in den Beinen hab, auch noch rauf?“ Aber der Weg ins Himmelreich ist nun mal nicht der einfachste. Zum Glück gibt‘s auf halbem Weg eine Mineralwasserquelle, aus der ich per Pumpenschwengel stärkendes kühles Nass empor fördern kann und so schaffe ich dann auch noch die letzten Höhenmeter bis in die Ortsmitte. Dort kann ich mir trotz bereits fortgeschrittener Zeit, sogar die Kirche von Innen ansehen, weil der Küster gerade mit den Vorbereitungen des Ritafestes beschäftigt ist, das am bevorstehenden Wochenende gefeiert werden soll - neben der helfenden Maria wird in dieser Wallfahrtskirche nämlich auch die Heilige Rita verehrt. Die Innenausstattung ist weit schlichter als in der Basilika von Waldsassen, aber die Orgel ist schon sehr beeindruckend.

 

  1. Etappe: Fuchsmühl – Pullenreuth

Als sich gegen halb neun losmarschiere, ist es schon lecker warm und die Sonne brennt von einem heiteren Himmel. Das kann ja noch heiterer werden, denn heute auf der letzten Etappe steht der längste und steilste Aufstieg meines Abschnittes des Fränkischen Gebirgsweges an. Es geht hinauf auf die „Platte“, mit 946 m der höchste Berg im Steinwald. Aber zunächst einmal muss ich die ganze Hauptstraße von Fuchsmühl bis zur Kirche wieder hinauf, denn das Schlosshotel, in dem ich übernachtet habe, liegt ziemlich weit außerhalb, noch vor dem Ortseingang. Dass ich da wieder hoch muss, hat allerdings den Vorteil, dass ich dem schnuckeligen kleinen Dorfladen, der direkt neben der Kirche liegt, noch Wasser für unterwegs bunkern kann – ich werd’s heute sicherlich gut brauchen können.

Nachdem ich Fuchsmühl verlassen habe, geht es auf angenehmem schattigem Weg durch den Wald bis zum Hackelstein. Dies ist eine besonders markante Felsformation, die das Prädikat „Geschütztes Naturdenkmal“ führen und mit einer 20 m hohen Via Ferrata aufwarten kann. Am 25. Dezember wird hier alljährlich die Waldweihnacht gefeiert, was ich mir in dieser Umgebung recht romantisch vorstelle.

Nun führt der Weg steil bergauf und verdient endlich mal die Bezeichnung „Gebirgsweg“. Er bringt mich zunächst zum Weißenstein, wieder so ein skurriler Grantifelsen, auf dem aber auch noch die Überreste einer alten Burg thronen. Sie wurde erstmals 1279 urkundlich erwähnt, weil ein Wolff von Weißenstein als Zeuge an einer Güterübertragung beteiligt war. Er hat wohl die erste Burganlage erbaut. In der Nachfolge teilen sich drei Brüder von Weißenstein mit ihren Familien den Burgbesitz. So ein Burgbesitz im Familienverbund kam nicht sehr häufig vor und wurde mit einem speziellen Burgfriedensvertrag geregelt. Eine solche Burg hat auch einen besonderen Namen, man nennt sie „Ganerburg“. 1560 wurde sie dann endgültig aufgegeben und verfiel. Wenn man dort an Ort und Stelle steht, fragt man sich schon, warum ausgerechnet hier eine Burganlage errichtet wurde, die immerhin fast 300 Jahre bewohnt war.

Vom Weißenstein geht’s weiter hinauf bis dann endlich die „Platte“, der höchste Punkt für heute erreicht ist. Nicht ganz der höchste Punkt, 35 m lege ich noch drauf bis auf die Spitze des Oberpfalzturmes, der zu einer beeindruckenden Rundumaussicht einlädt.

Die nächsten zwei Stunden heißt es absteigen. Zunächst noch einmal auf einem schönen Gebirgsweg, aber keine Angst, die geschotterte Forststraße hat mich schon nach wenigen hundert Metern wieder und lässt mich auch bis zum Ziel nicht mehr los. Bevor man nach Pullenreuth kommt, lauert an einer Wegkreuzung noch der letzte Fichtelgebirgslindwurm. Z.Zt. ist er durch Zauberspruch zwar noch in eine hölzerne Form gebannt aber ein bestimmtes Wort in seiner Nähe ausgesprochen – man weiß nur nicht welches – lässt ihn unmittelbar wieder aus seine Starre erwachen. Leise, ohne ein Wort zu sagen, schleiche ich mich an ihm vorbei. Ich passiere noch eine kleine ehemalige Gewerbeansiedlung, in der im 18. Jhdt. Glas geschliffen und poliert wurde, und erreiche schon recht frühzeitig meine letzte Unterkunft mit wunderschönem Biergarten – nicht der schlechteste Abschluss einer schönen Wanderwoche.

 

Zum Schluss ein kurzes Fazit: Klasse Wetter, eine tolle abwechslungsreiche Landschaft, viel Interessantes am Weg und eine exzellente Markierung lassen eine Zertifizierung als „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ durchaus als gerechtfertigt erscheinen. Nur die Namensgebung „Fränkischer Gebirgsweg“ ist, zumindest auf dem Abschnitt, den ich jetzt begangen habe, ein wenig irreführend. Vielleicht sollte man ihn, natürlich mit einem Augenzwinkern, den „Fränkischen Schotter- und Forststraßenweg“ nennen?

 

 

 

 

 

 

 

Ein paar Daten zum Weg

1. Etappe: Blankenstein – Selbitz

18 km, 450 m Aufstieg, 370 m Abstieg

2. Etappe: Selbitz - Münchberg

21 km, 400 m Aufstieg, 360 m Abstieg

3. Etappe: Münchberg – Weißenstadt

21 km, 530 m Aufstieg, 500 m Abstieg

4. Etappe: Weißenstadt - Marktleuthen

19 km, 485 m Aufstieg, 800 m Abstieg

5. Etappe: Marktleuthen – Arzberg

20 km (ab Schwarzhammer, bis dort mit dem Taxi)

320 m Aufstieg, 430 m Abstieg

6. Etappe: Arzberg - Waldsassen

16 km, 300 m Aufstieg, 300 m Abstieg

7. Etappe: Waldsassen – Fuchsmühl

25 km, 530 m Aufstieg, 310 m Abstieg

8. Etappe: Fuchsmühl - Pullenreuth

17 km, 520 m Aufstieg, 520 m Abstieg

 

Übernachtung

Hotel, Pension, Ferienwohnung

Übernachtungsmöglichkeiten sind

z.T. dünn gesät, so dass man ggf.

auch mal den Weg verlassen muss.

.

Führer

Fränkischer Gebirgsweg

Verlag Rother, 2. Aufl. 2021

 

Für die Planung ist dieser Wanderführer gut geeignet.

Weil er überwiegend aus sehr detaillierten

Wegbeschreibungen besteht, ist er unterwegs

schlicht überflüssig, da der Weg auf diesen

ersten 8 Ertappen durchgehend ausgezeichnet

markiert ist.

 

 

Wanderdrehkreuz BlankensteinIssigau Simon-Judas-KircheSelbitz BockpfeiferbrunnenSaalequelleTeufelstisch auf dem Großen WaldsteinRuine EpprechtssteinArzberg KirchenburgSchloss SchauensteinDreifaltigkeitskirche KapplBasilika WaldsassenWallfahrtskirche FuchsmühlBurgruine WeißensteinDer Oberpfalzturm auf der "Platte"Das letzte Exemplar des Fichtelgebirgsbandwurms
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