Unterwegs auf dem Sentiero Italia

In Como werden wir von einem Gewitter begrüßt, was uns jedoch nicht daran hindert, italienisches Eis zu probieren und den faszinierenden Dom zu besuchen. Die folgenden Tage sollten wir nur von schönem Wetter begleitet werden. Das gute Wetter lässt uns gleich übermütig werden.

Entgegen der Planung verzichten wir am ersten Tag auf die Aufstiegshilfe der “Funiculare“. Mit dem Stadtplan finden wir den richtigen Weg und steigen durch den Wald nach Brunate und weiter zum „Faro Voltiano“, benannt nach dem berühmten Sohn von Como, Alessandro Volta, dem Erfinder der Batterie. Wir passieren verschiedene Rifugios und Ausflugsgaststätten, und können natürlich der Verlockung eines warmen Mittagessens nicht widerstehen. Leider finden wir uns mit den vielen neuen Markierungen, speziell für Tagesausflügler konzipiert - mit laufend wechselnden Zielen und ohne erkennbares Fernziel - nicht zurecht.

Wir müssen alle ¼ - ½ Stunde die Karte zur Hilfe nehmen und feststellen, dass wir viel zu langsam vorankommen. Die Markierung eines Fernwanderweges sieht anders aus! Interessant ist zwar, dass man zwischen Gratwanderung über die Berggipfel mit guter Fernsicht (z.B. Monte Bolettone, 1317 m, Monte Palanzone, 1436 m ) oder dem ebenen Weg im Wald („dorsale“) mit Schatten wählen kann. Zum Abschluss dürfen wir auch noch eine Stunde über Straßenasphalt laufen. Spät am Abend erreichen wir mit den ersten Blasen endlich unser Tagesziel, Albergo Dosso in Pian del Tivano. Gesamtgehzeit ca. 8 ½ Stunden.

Der zweite Tag beschert uns weitere Highlights. Die ersten Schritte sind bekanntlich die schwersten, und ich wünsche die vielen Stunden, die ich im vergangenen Jahr am Schreibtisch verbracht habe zum Teufel! Meine müden Füße freuen sich auf den Wiesenweg und bald passieren wir die Alpe di Torno auf dem Weg zum höchsten Gipfel des heutigen Tages, dem Monte San Primo (1686 Meter). Ein Schweizer erklärt uns, dass es nur noch einen weiteren Berg in Europa mit so prachtvoller Aussicht gibt, den Rigi. Die Aussicht über den Comer See und die Schweizer Berge ist wirklich traumhaft.

Er empfiehlt uns, nicht den harten Abstieg direkt nach Bellagio zu nehmen, sondern zurück zu laufen und bei einer Scharte auf sanftem Wege abzusteigen. Wir folgen dem Ratschlag nicht, sondern vertrauen unserer Karte und kommen am Nachmittag ziemlich mitgenommen in Bellagio (ca. 200 Meter über dem Meeresspiegel) unter all den Touristen an. Ansichtskarten kaufen, Geld abheben, Schiffsticket lösen und bald schon sehen wir Bellagio von der Wasserseite aus auf der Überfahrt nach Varenna. Von Varenna nach Esino Lario schonen wir die Füße und unterstützen den örtlichen Busverkehr. Dann heißt es aber nochmals eine Stunde über eine Forststraße zum Albergo Cainallo (1270 Meter) wandern, wo schon die Sonne untergeht und wir nur noch kurz unter die Dusche können, um uns anschließend auf das hervorragende Menü zu stürzen. Gesamtgehzeit ca. 8 Stunden.

Die heutige Tour verspricht alpin zu werden. Wir steigen auf gutem Weg zum Rifugio Bogani (1816m) und weiter mit einigen Kletterstellen, durch Ketten oder Drahtseilen jedoch gut gesichert und auch für Wanderer unproblematisch, zur Grigna Settentrionale (2409m). Hier oben haben die Italiener das Rifugio Luigi Brioschi errichtet. Wolken ziehen auf und wir freuen uns auf die Hütte und eine warme Suppe.

Hinunter zur Bocca mit kleiner Schutzhütte ist der Weg eindeutig. Dann folgt ein unendlich langer Abstieg, der kein Ende nehmen will. Wir sehen Markierungen, die jedoch nicht so recht zu unserer Karte passen. Nachdem wir mehrmals erfolglos nach dem Weg fragen, entschließen wir uns zur Fahrstraße. Das lange schon ausgemachte Ziel will und will jedoch nicht näher rücken. Meine Füße wollen nicht mehr und auch ein „Energyriegel“ gibt keine neue Kraft. Ich bin wild entschlossen, ein Taxi zu rufen und frage beim nächsten Bauernhof nach dem Weg: Wir sind schon in Pasturo (641 m) und unser Hotel „Grigna“ ist nur noch 500 m zu Fuß entfernt! Ich habe mich selten so auf die Dusche, Wasser und das Nachtessen gefreut. Ein Beschluss wird gefasst: Am nächsten Tag legen wir den Schongang ein! Gehzeit ca. 9 Stunden.

Nachdem wir in Pasturo keinen Weg gesehen hatten, der das Tal kreuzt, nehmen wir den Bus nach Barzio. Von der Bushaltestelle zur Seilbahn sind es gerade 20 Minuten Gehzeit. Hier erleben wir die erste Enttäuschung: Die Seilbahn fährt nur im August und am Wochenende regelmäßig. Auf Nachfrage bekommen wir zur Antwort, dass eine Wandergruppe erwartet wird und die nächste Seilbahn um 10 Uhr oder spätestens am Mittag fährt. Wir entschließen uns zu warten und besuchen das Cafe, das immerhin offen hat. Um 10:30 Uhr geht’s tatsächlich bergauf und bald sind wir auf der Piani di Bobbio und folgen dem Weg Nr. 101.

Da die Tour kurz ist, machen wir einen kleinen Umweg über das Rifugio Buzzoni (klein und heimelig), um die obligatorische Pasta zu verzehren. Frisch gestärkt geht’s weiter. Eine Gämse, eine Schlange und Murmeltiere begleiten unseren Weg und bald ist unser Etappenziel Rifugio Grassi (1990 m) erreicht. Die Hüttenwirtin spricht deutsch und hat eine funktionierende eMail-Adresse! Leider gibt es keine Duschen; aber das Abendessen ist einmalig gut und zu zweit im 4-Bettzimmer lässt es sich gut aushalten. Außer uns nächtigen noch zwei italienische Studenten. Wie mir erklärt wurde, sind sie hier zur Überprüfung der Wege. Steinböcke geben noch ihre Abendvorstellung für die Fotografen. Gehzeit ca. 4 Stunden.

Am nächsten Morgen starten wir gestärkt mit italienischem Frühstück und dem Blick zum Pizzo dei Tre Signori und anschließendem Abstieg ins Valle dell’ Inferno weiter auf dem Weg Nr. 101, der auch identisch ist mit dem Sentiero delle Orobie Occidentale. Unser heutiges Wanderziel, Rifugio Benigni, ist am Wochenende leider schon voll belegt. Die Versuche am Abend zuvor per Handy zu reservieren, waren leider nicht erfolgreich, sodass wir den schönen Platz am Lago Piazotti räumen müssen und weiter marschieren. Ein Anbau zum Rifugio ist jedoch im Entstehen. Die Leute sind wirklich sehr freundlich, die Hüttenwirtin reserviert für uns in der Alternativunterkunft, Rifugio Salmurano 2 Betten.

Zunächst müssen wir jedoch durch einen Kanal einen unangenehmen Abstieg zum Passo Salmurano hinter uns bringen. Dort verlassen wir die Provinz Bergamo und steigen hinab zum Rif. Salmurano in der Provinz Sondrio und „freuen“ uns darüber, dass die Skifahrer alles so schön planiert haben, dass nichts mehr hier wächst. Aber die Unterkünfte der Skifahrer sind nicht zu verachten. Wieder 4-Bettzimmer für uns und Etagendusche und –toiletten. Gehzeit ca. 6 Stunden.

Gut ausgeruht steigen wir auf unserer heutigen Halbtagestour wieder hinauf auf den Passo Salmurano. Der heutige Sonntag verspricht sehr sonnig und heiß zu werden. Von Schatten keine Spur. Wir wandern vorbei am Monte Avaro und nehmen den Umweg über die Laghi di Ponteranica. In der Ferne sehen wir bereits den Passo San Marco mit dem Rifugio Passo San Marco 2000, das eher einem Berghotel entspricht. Das eigentliche Rifugio Ca’ San Marco ist derzeit geschlossen und soll renoviert werden. Auf ihm prangt ebenfalls der venezianische Löwe. Die Republik Venedig hatte hier am Passo San Marco ihr Territorium abgesteckt. Der Weg ist weiterhin die Nummer 101. Die italienischen „Alpini“ (Gebirgsjäger) feiern dieses Wochenende hier ihr jährliches Treffen mit Festzelt, Blasmusik, Krämermarkt, vielen Fahnen, Orden, Alkohol und Hubschrauberrundflug. Die Bergeinsamkeit ist in Urlaub gefahren. Wir lassen es uns gut gehen und freuen uns darauf, dass am Abend wieder Ruhe einkehrt. Die Straße über den Pass San Marco ist die einzige Straßenverbindung von Venetien in die Provinz Sondrio. Gehzeit ca. 4 ½ Stunden.

Wir wandern über die „Strada Priula“ einer Mulatteria, die die Republik Venedig im 16. Jahrhundert angelegt hatte zur Verbindung vom Valle Brembana ins Veltlin. Am heutigen Tag überwiegen Wiesen und Weiden. Der Weg führt über den Passo San Marco zum Pizzo delle Segade. Nach ca. 2 Stunden kommen wir an dem neu angelegten Bivacco „Alberto Zamboni“ vorbei. Es gibt einen Tisch, Stühle, Betten, aber leider keine Matratzen. Die Wasserversorgung über einen Schlauch ist augenscheinlich versiegt. Jedoch gibt es in der Nähe aus einem Bach Wasser, das mit Desinfektionstabletten oder abgekocht genießbar sein müsste. Wir steigen über den Passo della Porta und haben infolge der hohen Pollenkonzentration erhebliche Atemprobleme. Bei der Baita del Camoscio steigen wir ab ins Tal.

Wir wollen im Hotel San Simone übernachten, dieses ist jedoch geschlossen. Wie wir erfahren, steht die gesamte Anlage zum Verkauf, weil der Betreiber wohl die Zahlungen eingestellt hat. Nun ist guter Rat teuer. Wir steigen wieder hinauf zur Baita del Camoscio. Die Baita wird als Gastwirtschaft genutzt. Übernachtungsmöglichkeit gibt es hier nicht mehr.

Weiterwandern bis Foppolo dauert noch mindestens 4 Stunden. Es gibt keine weitere Unterkunftsmöglichkeit. Das nächste Hotel wäre in La Sponda (Hotel Ristorante „La Sponda“, Via Sponda 1, Valleve). Wir rufen dort an. Selbstverständlich können wir dort übernachten. Der Besitzer erklärt sich sogar bereit, uns hier abzuholen. Wir lehnen dankend ab, gehen jedoch auf das Angebot eines freundlichen Mailänders ein, uns mit seinem Geländewagen hinunter ins Tal zu nehmen. Wir sind die einzigen Übernachtungsgäste im „La Sponda“ und werden fürstlich bewirtet zu akzeptablen Preisen . Damit endet unsere Wanderung etwas verfrüht. Unser eigentliches Wanderziel Foppolo wird nicht erreicht. Gehzeit bis zur Baita del Camoscio ca. 6 Stunden.

Busse von hier (bzw. Foppolo) fahren derzeit nur morgens und abends. Der Mittagsbus ist ein Rufbus und muss 24 Stunden vorher bestellt werden. Der Hotelbesitzer bringt uns freundlicherweise nach Valle Brembana, von wo stündlich Busse nach Bergamo fahren. Wir genießen noch die Tage in Bergamo zum Ausklang.

Um die Tour zu einer Genusstour zu machen, würde ich die ersten drei Tage in 4 Tage aufteilen:

1. Tag mit Übernachtung in Brunate oder von Como die Seilbahn nach Brunate benützen (erspart 1 ½ Stunden Aufstieg). Bei schlechtem Wetter oder schlechter Sicht kann man sich natürlich auch die Aussichtspunkte und damit den Weg über die Berggipfel sparen.

Den 2. Tag würde ich in Bellagio oder Varenna enden lassen. Anschließend ließe sich eine Halbtagestour anschließen: Von Varenna mit dem Bus bis Esino Lario, dann die Forststraße zum Albergo Cainallo und weit er bis zum Rifugio Bogani.

4. Tag vom Rifugio Bogani über die Grigna nach Pasturo.

Benützter Wanderführer

„Il Sentiero Italia in Lombardia Vol. 2” von Giancarlo Corbellino (italienisch, 1994)

Karte

Kompass, “Tratto Lombardia Sud” (1994) 1: 50.000 (mit Kurzführer)

neuere Karte: Kompass, Lago di Como (mit Kurzführer), deckt Weg nur bis Pastura ab (Datum unbekannt). Es gibt sicher bessere Karten; ich habe jedoch in Deutschland bzw. in Como keine besseren gefunden.

Wichtige Internetadressen

www.rifugi.lombardia.it

www.vallibergamasche.info

www.sentierodelleorobie.it

www.apt.bergamo.it

Bus-, Schffsverbindungen, Bergbahnen: www.regione.lombardia.it/trasporti

Fotos: Martina Balluff

 

Como unter dem Castello BaradelloBeim Dom von ComoAuf dem Monte BolettoVierbeiner haben Vorfahrt! Auf dem Weg zum Monte San PrimoAuf dem Weg zur Grigna SettentrionaleBeim Rifugio Luigi BrioschiSonnenuntergang am Rifugio GrassiDer Pizzo Tre Signori im MorgenlichtPasso San Marco - von der Politik schon seit Jahrhunderten besetztDas Bivacco Alberto ZamboniDas Rathaus von BergamoEin venezianischer Löwe in BergamoDas Baptisterium in Bergamo
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