Saar-Hunsrück-Steig Von Herrstein nach Boppard

In der Zehentscheune zu Herrstein beziehe ich wieder das gleiche schnuckelige Zimmerchen wie im Vorjahr. Das fühlt sich schon mal sehr gut an. Auch das Landbier mundet nach wie vor köstlich und der Fernseher funktioniert immer noch nicht – was will man mehr.

Ausgeruht mache ich mich bei T-Shirt-Wetter auf den Weg, in stetigem Auf und Ab durch Wald, Feld und Streuobstwiesen. Manchmal geht’s auf Forstwegen dahin, manchmal auf schmalen Pfaden und manchmal einfach durch hüfthohes Gras – ein Glück, das es trocken ist. Blühender Ginster begleitet mich allenthalben und, was mich besonders erfreut, das aus den Höhen ertönende Tirilieren zahlreicher Feldlerchen, die andernorts schon vielfach vom Aussterben bedroht sind. Auch die Insekten, die mich umschwirren, sind zwar nach wie vor lästig, aber wenn man weiß, dass sie immer weniger werden, erträgt man sie doch mit Nachsicht.

Zu der vielfältigen und offenen Landschaft, die ich auf dieser ersten Etappe durchwandere, passt sehr gut, dass hier als 10. Kind der Freien von Niedehosenbach im Jahre 1089 die berühmte Theologin, Philosophin, Dichterin und Naturkundlerin Hildegard von Bingen geboren wurde.

Aber es ist auch eine Gegend tragischer Geschichten wie diejenige der Grafentochter von Dhaun. Bei ihrer Eheschließung mit dem Herzog von Herrstein verschwieg sie ihrem Gemahl, dass sie aufgrund einer Vergewaltigung bereits schwanger war. Als das Kind dann allzu zeitig nach der Hochzeit das Licht der Welt erblickte, wurde die junge Frau verstoßen und auf einer der nahen Burgen gefangen gesetzt. Was mit dem Kind geschah ist unklar.

Es muss auch eine verrufene Gegend gewesen sein. Eine Flur heißt bis heute „Am Galgen“. Auf einem Quarzitfelsen war ein entsprechendes Gerüst errichtet – vielleicht sogar auf der „Rabenkanzel“ direkt am Weg. Zumindest würde dieser Ort hervorragend zu der Vorstellung passen, wie krächzende Rabenvögel vor dräuendem Gewölk die leblos im Wind baumelnden strangulierten Schurken und armen Seelen umflattern.

Hier gehört natürlich auch die Geschichte vom Räuberhauptmann Schinderhannes hin, der im Hahnenbachtal, in dem heute so idyllisch der Forellenhof liegt, sein Unwesen trieb und hier sein Rückzugsgebiet hatte. Er endete allerdings nicht am Galgen – die Hunsrücker haben ihn nie verraten, obwohl sie wussten, wo er sich aufhielt – sondern wurde 1803 in Mainz auf der Guillotine enthauptet.

Jetzt ist man im Forellenhof aber sicher und komfortabel aufgehoben, einschließlich kostenloser Wellness-Oase mit Sauna, Dampfbad und Physio-Therme, was meine alten Wanderknochen durchaus zu goutieren wissen.

Vom Forellenhof geht’s erst mal eine ganze Weile durch das Obere Hahnenbachtal, eines der naturbelassensten Täler des gesamten Hunsrück – die Hahnenbachtal-Tour wurde übrigens 2012 zum schönsten Wanderweg Deutschlands gewählt. Das hat das Tal aber nicht nur seinen landschaftlichen Reizen zu verdanken, sondern es gibt am Weg auch viel zu entdecken. Die Region ist durch den ehemaligen Schieferbergbau geprägt. Der SHS führt durch alte Bergbahntunnel. Ein paar Schienenreste liegen hier und da noch am Weg ebenso wie der Eingang zum Bergwerk Herrenberg, das heute mit Führung besichtigt werden kann. Ein Stollen des Bergwerkes wird noch zu Therapiezwecken genutzt, da hier eine konstante Temperatur von 9° C und eine Luftfeuchtigkeit von 90% herrschen. Das hat die Bergleute, die in diesen Stollen schuften mussten, aber keineswegs bei guter Gesundheit gehalten, im Gegenteil, die meisten starben recht früh. Häufig trifft man auch noch auf Schiefer-Abraumhalden, die sich die Natur aber inzwischen langsam zurückerobert.

Nur wenige Schritte sind es vom Bergwerk Herrenberg zur aufwändig restaurierten Keltensiedlung Altburg. Sie war die östlichste Siedlung der Treverer im Hunsrück und von etwa 170 bis 50 v.Chr bewohnt.

Vom Plateau der Siedlung dräut vom anderen Talufer die mächtige Ruine der Schmidtburg herüber. 926 zum Schutz vor den Einfällen der Ungarn errichtet, wurde sie 1685 durch französische Truppen endgültig zerstört. Die Ruine erlebte kurz nach 1800 noch einmal eine Renaissance als Räuberhauptquartier des Schinderhannes.

Der SHS führt dann über einen Höhenrücken aus dem Hahnenbachtal hinaus, um auf der anderen Seite auf der Höhe der Ortschaft Hausen ins Idarbach-Tal hinab zu gelangen. Idarbach – da war doch was? Genau, im vorigen Jahr bin ich ihm schon bis Idar-Oberstein gefolgt, wo er dann z.T. In den Untergrund verbannt wurde. Der Weg verläuft nun oberhalb des weiten Wiesentales am Hang des Wartenbergs entlang bis Rhaunen.

Hier kann es dem Wanderer passieren, dass ihm die Runia, der Rhaunel Tochter, begegnet und ihn mit folgenden Worten anspricht: „Seit Jahrtausenden verlasse ich jeden Morgen an dieser Stelle meiner Mutter Bett und steige hinauf in lichtere Höhen und preise meinen Schöpfer, der mich trotz aller Unbilden, welche Himmel und Erde hervorzubringen vermochten, erhalten hat, während Große und Edle, die einst hier schwelgten, da wo du jetzt stehst, längst vergessen sind.“

In Rhaunen gibt es ein Kuriosum zu bestaunen: Die älteste noch erhaltene Stumm-Orgel. Eine Orgel, die doch gerade wegen ihres brausenden Klangs geschätzt wird und stumm ist? Des Rätsels Lösung: Die Orgel stammt aus der Orgelbauerdynastie der Familie Stumm, die, hier aus der Gegens stammend, über mehr als 250 Jahre den Orgelbau in Deutschland maßgeblich mitgestaltet und beeinflusst hat.

An zahlreichen Mühlen vorbei – eine Getreidemühle mit angeschlossenem ökologischem Hofladen ist auch wieder in Betrieb, die meisten anderen sind in romantische Wochenenddomizile umgebaut worden – geht’s immer am Idarbach entlang bis zu meinem Nachtquartier in Laufersweiler. Nach allen mir bekannten Wanderführen und der Homepage zum SHS sollte die Etappe eigentlich schon in Rhaunen enden, doch dort gibt es keine Übernachtungsmöglichkeit mehr.

Aber es ist problemlos und zudem viel interessanter bis Laufersweiler durchzulaufen. Dies ist nämlich ein Ort mit einer ausgeprägten jüdischen Geschichte, der er sich bis heute stark verbunden fühlt. Die Synagoge wurde, u.a. mit Spenden der Bevölkerung, komplett restauriert und zu einem kleinen Museum umgestaltet. Man kann auf einem Weg der Erinnerung an vielen Info-Tafeln vorbei auf jüdischen Spuren durch den Ort bis zum jüdischen Friedhof spazieren und einem Lyrik-Pfad folgen, auf dem man Bildern begegnet, die von Kindern und Jugendlichen aus Laufersweiler zu Gedichten jüdischer Autoren gemalt wurden.

Auf dem Weg der Erinnerung treffe ich noch einmal auf den Schinderhannes, der mit seiner Bande in der Nacht vom 15. April 1801 das Haus des Juden Isaac Moyses überfallen und ausgeplündert hat.

Auf meinem Weiterweg nach Sohren wähle ich zunächst den Lyrik-Pfad von Laufersweiler. Mit Muße – die heutige Etappe ist nicht allzu lang – vertiefe ich mich in die ausgewählten Gedichte und betrachte die dazu gemalten Bilder, ein schöner und kontemplativer Auftakt für die dritte Etappe.

Diese verläuft weitgehend auf der Trasse einer ehemaligen Römerstraße, benannt nach dem Wissenschaftler Decimus Magnus Ausonius. Er kam 368 auf seiner Reise nach Trier hier durch und bezeichnete in seinem Reisebericht „Mosella“ den Hunsrück als „wilde Waldeinsamkeit“. Man wandert immer mal wieder auch auf der Originalstraße, was nicht gerade ein Vergnügen ist, aber das Gefühl, historisches Pflaster zu treten, auf dem schon römische Legionäre marschiert sind, gleicht das locker aus.

Dill, ein kleines Örtchen mit 195 Einwohner*innen lohnt einen Abstecher. Die massige Burg aus dem 11. Jhdt., die über dem Ort thront, kann zwar nicht besichtigt werden, aber in der ehemaligen Burgkapelle, im 17. Jhdt. neu errichtet, sind einige sehr schöne und interessante Fresken und Tafelbilder zu bestaunen. Zudem ist der Ort reich an beeindruckenden alten Fachwerkhäusern.

Als ich um die Mittagszeit dort ankomme, ist ein großer Teil der Einwohner*innen um den Brunnen unter der Dorflinde versammelt – kein Kitsch sondern in Echt. Sie machen gerade Pause von einem kollektiven, die Dorfgemeinschaft stärkenden Arbeitseinsatz, um ihr Dorf wieder herauszuputzen. Mir werden auch gleich ein Stück frisch gebackener Pizza und ein Radler angeboten. Als ich erkläre, aus Bremen zu kommen, werde ich sofort in eine lebhafte Diskussion über die anstehenden Wahlen verwickelt.

Das letzte Teilstück des Weges führt noch an der Rekonstruktion eines römischen Wachturmes vorbei, der dem Schutz des antiken Straßennetzes diente. Zum Schluss geht’s noch über mehr als 4 km auf gemähten Wegen dahin, auf denen allerdings das Heu liegengeblieben ist und sich zu einer mehr oder weniger kompakten Masse verdichtet hat. Dadurch zu stapfen ist fast so anstrengend wie durch Sulzschnee – riecht nur besser -, so dass ich froh bin, kurz vor Sohren wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Die nächste Etappe bis Altlay ist mit 12 km die kürzeste auf diesem Abschnitt des SHS. Weil man ansonsten aber bis Blankenrath, dem nächsten Etappenziel durchlaufen müsste, da es zwischendrin keine Unterkunftsmöglichkeiten gibt, entscheide ich mich für die kommode Variante. Daher kann ich mir viel Zeit nehmen, um einen weiteren jüdischen Friedhof zu besuchen. Es ist eine ganz eigene Atmosphäre, an einem Sonntagmorgen auf diesem ehemaligen Friedhof mitten im Wald die 49 Grabsteine mit den hebräischen Inschriften und den Symbolen des jüdischen Glaubens zu betrachten. 100 Jahre war der Friedhof in Gebrauch. Der älteste Grabstein stammt aus dem Jahre 1864, der letzte aus 1965. Fast alle Gräber gehören zu drei Familien: Den Kahns, den Rauners und den Gärtners.

Der Hunsrück war schon sehr früh von Juden besiedelt. Sie gelangen bereits mit den römischen Soldaten als Händler und Winzer an Rhein und Mosel. Von dort haben sie sich dann ab dem 13. Jhdt. auch in Dörfern und Kleinstädten auf den Hunsrückhöhen niedergelassen. Da sie langen Zeit vom Landerwerb ausgeschlossen waren, im Hunsrück die Viehhaltung aber weit verbreitet war, fanden viele ein gutes Auskommen als Viehhändler, die sogen. „Viehjuden“.

Der Weg führt mich weiter zum geografischen Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz, kenntlich gemacht durch eine Steinsteele. Ich muss allerdings gestehen, einmal als Einziger im Mittelpunkt eines ganzen Bundeslandes zu stehen und das auch noch am Tag der Europawahl, hätte ich mir erhebender vorgestellt. Von einem Aussichtspunkt am Weg kann man noch einen Blick auf den „Großflughafen“ Frankfurt-Hahn werfen, aber viel ist da auch nicht los.

Von Hahn bis Altlay wird der Weg, der bislang überwiegend durch Felder und Wiesen führte, wieder interessanter. Es geht hinab ins Tal des Brühlbaches, der sich im Laufe der Erdgeschichte immer tiefer zwischen zwei Hochplateaus hinein gegraben hat. Zahlreiche Mühlen hat er bis zum Ende des 19. Jhdt. angetrieben, von denen heute aber nur noch Infotafeln künden. An seinen Hängen gab es einen allerdings nur kurzlebigen Schieferbergbau, der insbesondere über einige Generationen von einer Familie Altmaier betrieben wurde.

Das Etappenziel Altlay ist ein weitgehend gesichtsloser Ort ohne die geringste Infrastruktur. Es gibt lediglich außerhalb an der Landstraße einen etwas unansehnlichen Hotelbau, dessen Restaurant auch als Dorfkneipe dient. Restaurant und Hotel sind aber o.k.

Ab Altlay führt der SHS durch den nordöstlichen Hunsrück, der zum einen durch eine stärkere landwirtschaftliche Nutzung auf den welligen Hochplateaus und zum anderen durch tief eingeschnittene, schlucht- und klammartige Bachtäler charakterisiert ist, wobei Bäche hier eher so etwas wie anderswo kleine Flüsse sind. Für mich als Wanderer heißt das, eher langweilige Feld- und Wiesenhatscherei wechselt sich mit spektakulären Schluchtendurchquerungen ab.

Das erste Teilstück der heutigen Etappe nach Blankenrath durch die herrliche Altlayer Schweiz gibt für letzteres schon mal eine schmackhafte Kostprobe. Auf fast alpinem Pfad geht es in stetem Auf und Ab durch Steilhänge und vorbei an kleinen Felsmassiven mit schönen Aussichtspunkten bis man dann steil in ein urwüchsiges Waldtal absteigt, das sich der Hitzelsbach gegraben hat. Auf der anderen Talseite geht’s dann genau so stell wieder hinauf zunächst bis zu einer Marienkapelle mitten im Wald, die von den Leuten ringsherum nur „Bildchen“ genannt wird. Hinter der Marienfigur in dieser Kapelle steckt doch tatsächlich eine Weitwandergeschichte: Ein Lehrer aus Altlay hat die Figur in Maria-Laach, einer Benediktinerabtei in der Eifel erworben und sie dann in einer mehrtägigen Wanderung im Rucksack an diesen Ort gebracht. Da verweilt man als Weitwanderer doch gerne und trägt sich in das ausliegende Gästebuch ein.

Weiter geht’s hinaus in freies Gelände um alsbald wieder steil hinunter ins Tal des Peterswalder Baches zu gelangen. Traumhaft schön! Der Ruf des Kuckucks und das Rauschen des Baches begleiten mich jetzt über mehrere Kilometer. Den Bach muss ich auch einmal ohne Brücke irgendwie überqueren, was nicht ganz ohne nasse Füße abgeht, ist der Bach eben doch eher ein kleiner Fluss, der zudem auch noch viel Wasser führt. Dann aber kennt der Weg über eine Stunde wieder nur eine Richtung- hinauf.

Oben dann wieder Bundestraße, Kreisstraße, Felder und Wiesen, an denen entlang und durch die hindurch es dann nach Blankenrath geht. Kurz vorm Ortseingang passiere ich noch eine Lourdes-Grotte mit Zahlreichen Votivtafeln – die Mutter Gottes war heute also von Anfang bis Ende mit mir auf allen Wegen.

Die Etappe von Blankenrath nach Mörsdorf ist zweigeteilt. Die ersten zwei Stunden ist überwiegend Feld- und Wiesenhatscherei angesagt. Häufig geht es durch knie- bis hüfthohes Gras, das zudem von einem gestrigen heftigen Gewitterschauer noch patschnass ist. Die Schuhe halten zum Glück dicht und die Hose wird mal gut durchgewaschen. Drei markante Punkte am Weg sorgen immerhin für ein wenig Abwechslung:

  • Die malerische Hanosiusmühle, ein hübsches Gebäudeensemble mit einer kleinen Marienkapelle, einstmals Öl- und Getreidemühle heute eine Fachklink für Suchtkranke.
  • Die Schock- oder auch Armesünderkapelle. In ihr durften früher die zum Tode Verurteilten auf dem Weg zum Galgenberg ein letztes Gebet verrichten.
  • Ein teilweise ausgegrabenes Siedlungsgebiet aus der Römerzeit. Hier kann man etwas über die besondere Konstruktion und den Aufbau einer Römerstraße erfahren sowie einen Blick auf eine Art mit Wall und Graben umgebenen Friedhof werfen, bestehend aus rechteckigen Arealen, in denen jeweils eine bestimmte Zahl von Urnen bestattet werden konnte.

Dann, fast übergangslos, steige ich ab ins Bildbachtal und bin in einer völlig anderen Welt, obwohl der nächste Ort keinen Kilometer entfernt ist. Maigrüner Mischwald, vielstimmiges Vogelgezwitscher, das Rauschen des Baches und ein schmaler Pfad ziehen mich immer weiter in das auch immer tiefer werdende Tal hinein. Das Gehen funktioniert von selbst. Als der Bildbach in einem Quertal in den Mörsdorfer Bach mündet, ist der Zauber noch lange nicht vorbei. Es geht weiter in der Schlucht des Mörsdorfer Baches, nun aber stetig leicht bergauf. Hüpfte der Bildbach schmal, schnell und laut über die Steine, bewegt sich der Mörsdorfer Bach breit – manchmal bis zu 5m und mehr – gemächlich und eher leise durch sein Bett. Ungestüm trifft auch landschaftlich immer mal wieder auf reife Gelassenheit.

Ein letzter Steilanstieg bringt mich dann heraus aus dem Bachtal an den Ortsrand von Mörsdorf. Hier wartet noch ein touristisches Highlight auf mich, die Geierlay – die schönste Hängebrücke Deutschlands. Sie ist 100 m hoch, 360 m lang und 85 cm breit. 500 Personen können sie gleichzeitig begehen und einer davon werde ich gleich sein – ein exklusives Erlebnis, da ich die Brücke für mich alleine habe.

Die Etappe nach Kastellaun ist ein Superlativ. Sie führt zumeist durch abgelegene Bachtäler, die sich als wahre Naturparadiese entpuppen, und wenn man dann noch völlig alleine da hindurch wandert scheinen die einzigen Indizien auf die Zivilisation die Markierungstäfelchen und Wegweiser des SHS zu sein – nun, es gibt schon noch ein paar mehr.

Zunächst geht es steil hinunter wieder zum Mörsdorfer Bach, der mich gestern schon ein Stück begleitet hat. Plötzlich taucht in 100 m Höhe die Geierley-Hängebrücke auf. Ich laufe darunter durch; oben auf ihr ist um diese Zeit noch niemand unterwegs. Kurz danach verlasse ich über einen z.T seilgesicherten Steilhang erst mal das Mörsdorfer Bachtal um in das noch einsamere und schmalere Tal des Sosberger Baches hinabzusteigen. An ihm daddel ich ganz gemütlich entlang, bis er an seinem Ende wieder in den Mörsdorfer Bach mündet. An ihrem Zusammenfluss lädt einer der hinreißend gelegenen Rastplätze auf dieser Etappe zum Verweilen ein, eine Einladung, die ich gerne annehme, denn ab hier ist es mit der Gemütlichkeit erst einmal vorbei. Auf einem ebenfalls z.T. mit Sicherungen versehenen Pfad geht es nahezu in der Direttissima 400 Höhenmeter rauf bis auf die Felsnase des Burgberges. Hier oben befanden sich, absolut uneinnehmbar, zunächst eine keltische und dann eine römische Siedlung. Heute gibt’s nur noch einen wiederum tollen Rastplatz mit grandioser Aussicht.

Nach einer kurzen gemütlichen Kammwanderung heißt es wieder, teilweise gesichert, steil ins Aubachtal absteigen – gefühlt wird es immer einsamer. Am Aubach entlang erreiche ich den Mastershausener Bach, der aber nichts anderes ist als der noch jungfräuliche Mörsdorfer Bach. Mit ihm zusammen muss ich einen Tunnel durchqueren und stehe dann unversehens vor der gewaltigen Burgruine Balduinseck. Um 1330 errichtet, ist sie Ausdruck des Kampfes um die Vorherrschaft im Hl. Römischen Reich Deutscher Nation zwischen den Luxemburgern (Balduin) und den Habsburgern (die Sponheimer, die ihre Burg in Kastellaun hatten). Trotz aller historischen Bedeutsamkeit kriege ich aber bei dem Besuch der Burg das Bild eines durch die Ruinen hampelnden Louis de Funès nicht aus dem Kopf.

Viele Mühlen haben einst an den rauschen Bächen geklappert. Von den meisten ist kaum etwas geblieben, aber die Kaspermühle steht noch. Ich vermute, weil der Kasper un die Gretel, mittlerweile in trauter Eintracht mit der Großmutter, dem Räuberhauptmann, dem Polizisten und dem Krokodil hier in dieser Idylle ihren Altersruhesitz gefunden haben.

Auf der nächsten Etappe werde ich gleich in doppelter Weise Opfer der strukturellenSchwächen des SHS. Zum einen gab es, trotz frühzeitigen Buchungsversuches, im eigentlichen Etappenziel Schmausemühle kein Zimmer mehr (langes Wochenende mit Vatertag) und in fußläufiger Nähe dazu gibt’s sowieso keine weiteren Übernachtungsmöglichkeiten. Also musste ich am nächsten Etappenziel buchen in der Hoffnung, einen Teil der dann über neunstündigen Gehzeit mit Hilfe öffentlicher Verkehrsmittel überbrücken zu können. Aber auch das erweist sich als unmöglich. Von Kastellaun kommt man auf diese Weise an einem Feier- oder Sonntag nirgendwo hin – dafür gibt es einen Schuhputztstation am Weg, keine vollwertige Kompensation aber immerhin. Also fahr ich erst mal mit dem Taxi bis Heyweiler, da der interessantere Teil des Weges ohnehin erst dort beginnt, und der war dann auch ein Knaller.

Zunächst noch auf breitem Forstweg steige ich ab zum Frankenweiler Bach und dann wird’s eng. Auf schmalstem Steig, vorbei an kleinen Wasserfällen und Stromschnellen folge ich dem Bachlauf bis zu seiner Einmündung in den Baybach. Und ab hier ist es spektakulär. Gut vier Stunden führt der SHS nun durch die Baybachklamm, den sogen. Grand Canyon des Hunsrücks – und diesen Titel führt die Schlucht nicht zu unrecht. Tief hat sich der Bach in den Schieferfelsen eingegraben. Anfangs ist die Klamm noch ein wenig breiter, so dass auch Schieferabbau betrieben werden konnte, aber da die Bedingungen schon recht schwierig waren, lohnte er sich schon bald nicht mehr. Übrig geblieben sind tiefe Stollen und Höhlen, in denen 12 verschiedene und z.T. seltene Fledermausarten ihr Zuhause gefunden haben.

Dann aber wird die Klamm so eng, dass die felsigen Passagen nur noch mit Seilsicherung und künstlichen Tritten überwunden werden können. Steile Wegabschnitte wechseln mit flacheren ab, manchmal gibt’s auch etwas mehr Platz und dort sind dann schöne Rastmöglichkeiten mit Bänken und Tischen, aber meist ist der Weg so schmal, dass es schwierig wird, wenn Gegenverkehr herrscht, was an diesem Feiertag und bei dem schönen Wetter allerdings auch besonders häufig vorkommt.

Etwa auf halber Strecke befindet sich oberhalb der Klamm die berühmte Burg Waldeck, zunächst Treffpunkt der Wandervögel, dann von SA, SS und Hitlerjugend okkupiert und in den 1960’er Jahren bekannter Festivalort, an dem viele Karrieren begannen wie z.B. die von Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader, Reinhard Mey, Franz Hohler, Hanns-Dieter Hüsch, Erich Fried und Günter Wallraff, um nur einige zu nennen.

Ein letztes Mal wird der Baybach auf einem schmalen Steglein überquert, auf dem sich einst zwei Vettern begegneten, die, sturzbetrunken auf dem Heimweg von den Kirchweihfesten im jeweils andern Dorf waren. In der stockfinsteren Nacht hielten beide es angesichts ihres Zustandes für sicherer, auf allen Vieren über den Steg zu kriechen und krachten natürlich prompt in der Mitte mit ihren Schädeln zusammen.

Danach geht’s noch einmal richtig steil hinauf zum Murscher Eselsche, einem Felsmassiv, das früher tatsächlich die Form eines Esels hatte, bis einige böse Buben dort mit Sprengstoff herumhantierten, was dem Eselsche letztlich Kopf und Schwanz kostete.

Dann habe ich es nicht mehr weit bis Morshausen. Hier gibt es eine Kuriosität, einen Ziehbrunnen, den eine aus Ungarn stammende Gräfin auf der Ehrenburg in Erinnerung an die Puszta ihrer Heimat im 15. Jhdt. gestiftet hat. Morshausen ist auch der Geburtsort des husrückschen Heimatdichters Jakob Kneip, von den Nazis hofiert, dennoch 1956 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und dann in Vergessenheit geraten. Die Geschichte von den beiden Vettern auf dem Steg ist übrigens von ihm aufgezeichnet worden.

Bei der vorletzten Etappe geht’s um „Ehre“ und „Schöne Ecken“. An der ersten schönen Ecke sind auf einem Wegkreuz Maria und ihre Mutter Anna dargestellt aber hier in hunsrückscher Volksfrömmigkeit und Mundart eben et Marikätt un et Annemie. Kurze Zeit später kommt dann schon mal die Ehre zu ihrem Recht. Ich kann einen ersten Blick auf die kolossale Ehrenburg auf der anderen Talseite werfen. Luftlinie ist sie nur noch 600 m entfernt aber es sind noch gut 4 schweißtreibende Kilometer auf dem SHS. Also heißt es, zunächst mal in das Tal des Ehrenbaches abzusteigen. Bei der winzigen aber hübschen Fachwerksiedlung Ehrenburgertal führt der Weg über ein Brücklein über den Bach und dann beginnt der extrem steile und bei der Hitze schweißtreibende knapp 2km lange Aufstieg zur Burg und das auch noch auf einer Schotterstraße. Endlich überquere ich, nachdem ich an einer Felsnadel vorbeigekommen bin, an der man Erhängte in Käfigen ausstellte, die Zugbrücke über den Burggraben und betrete den Burghof. Nach dem ich meinen Brückenzoll entrichtet habe, ein privater Förderverein erhebt ihn zum Erhalt der Burg, brauch ich erst mal ein Kaltgetränk, das, in zünftigem Tongefäß kredenzt, im Schatten des Umgangs herrlich erfrischend ist.

Ein Rundgang durch die Burg ist schon sehr beeindruckend. Aus dem 11. Jhdt. stammend lebten hier die Herren von Ehrenburg mehr oder minder friedlich vor sich hin, bis es dann doch irgendwann Zoff gab. Beteiligt daran war mal wieder, wie so oft in dieser Region, der machtgeile Trierer Erzbischof Balduin – wir erinnern uns an seine Auseinandersetzung mit den Habsburgern. Er wollte die Ehrenburg mit allen Mitteln unter seine Kontrolle bringen. Die Ehrenburger waren aber auch kein Kind von Traurigkeit und reagierten, indem sie halb Koblenz platt machten. Unter der Vermittlung von Kaiser Friedrich Barbarossa mussten sie zum Schluss aber doch klein beigeben. Die Burg hatte danach noch viele Besitzer, u.a. den Preußischen Reformer Freiherr Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein, die sie immer repräsentativer ausbauten.

Von der Ehrenburg geht’s wieder steil hinunter ins Ehrenbachtal, mit Wald, Wiesen und einer kleinen Pferdekoppel eine richtig schöne Ecke. Doch bald wird daraus eine enge, dunkle, felsige und wilde Waldschlucht, die Ehrenbachklamm. Zu ihrer Durchquerung sind mal wieder Trittsicherheit und die souveräne Nutzung von Seilsicherung und künstlichen Tritten gefragt, zumindest für Menschen. Hunde, so konnte ich amüsiert beobachten, brauchen das alles nicht.

Am Ende der Schlucht heißt es noch einmal kräftig steigen, um dann auf breitem Waldweg zur Daubisbergmühle zu gelangen, wieder eine schöne Ecke mit einfacher Bewirtschaftung, so dass sich dort trefflich rasten lässt. Ein letzter steiler Anstieg führt dann zum Schloss Schöneck bei Oppenhausen hinauf. Von der alten Bausubstanz aus der Zeit um 1200 ist allerdings kaum noch etwas übrig. Dieses letzte Schöneck macht schon einen etwas heruntergekommenen Eindruck.

Ein Kuriosum dieser Etappe ist, dass es im Zielort Oppenhausen überhaupt keine Übernachtungsmöglichkeit gibt. Man muss sich also von seinem Hotel hier abholen und wieder hinbringen lassen, will man auch noch die letzte Etappe des SHS wie vorgesehen absolvieren. Ich bin im Hotel Katz untergekommen, das seinen Namen von einem der sich auf dem Hügel hinter dem Haus befindlichen römischen Wachtürme herleiten soll, die seinerzeit Katzenaugen genannt wurden.

Heute steht nun unwiderruflich die letzte Etappe des SHS an, wenn man mal die „tausend“ Traumschleifen außer Acht lässt, die man auf ihm auch noch begehen könnte. Und der Weg will mir den Abschied nicht eben leicht machen.

Nachdem mich der Wirt der „Katz“ wieder zum Ausgangspunkt der Etappe nach Oppenhausen gebracht hat, mache ich einen kleinen Abstecher nach Herschwiesen hinein, dessen markanter Pfarrkirche St. Pankrazius ich in der nächsten Zeit erst mal nicht entkommen kann. Nach einem ausgiebigen ökumenischen Schwatz mit der evangelischen Küsterin der katholischen Pfarrkirche führen ein paar verschlungene Pfade zu einem Punkt mit direkter Aussicht auf St. Pankrazius. Nachdem ich einige Zeit gelaufen bin, schaue ich von einer Schutzhütte wieder unmittelbar auf St. Pankrazius. Dann geht’s zum letzten Mal in eines der weltentrückten Waldbachtäler hinab, das Brodenbachtal. Und der Zauber ist sofort wieder da. Das Grün leuchtet frisch, die Sonne sprenkelt ihre flirrenden Lichtreflexe auf Bach und Weg, der Bach rauscht und die Vögel zwitschern ihr Lied dazu.

Man könnte immer so weiter laufen, aber bald ist Schluss mit Lustig. Ein stetiger 6km langer Aufstieg beginnt. Kurz vor Udenhausen erreiche ich den Aussichtspunkt – na, welchen wohl? richtig – Pankraziusblick. Nun bin ich über zwei Stunden unterwegs und St. Pankrazius ist immer noch zum Greifen nahe, irgendwie ein bisschen frustrierend, aber jetzt reicht‘s auch, es ist das letzte Mal.

Habe ich zunächst bei der Durchquerung der sogen. Udenhausener Schweiz noch gestaunt, wie alpin ein Ambiente auf nur 360 m Seehöhe anmuten kann, ist der Weiterweg auf Asphalt und grobem Schotter in glühender Mittagssonne, wohlgemerkt immer noch ansteigend, nur noch eine durstig machende Strapaze. Bei einem Dorfgemeinschaftshaus bemerke ich Aktion und denke mir, vielleicht kann ich da etwas zu Trinken bekommen. Und in der Tat: Ein junger Mann bereitet gerade mit einigen Kumpels die am Abend stattfindende Sause zum 50. Geburtstag seines Vaters vor und hat einen ganzen Kühlwagen mit Getränken angefahren. Er meint: „Auf eine mehr oder weniger kommt’s auch nich an, könnse mitnehmen“ und reicht mir eine große Flasche Mineralwasser. Ich bedanke mich und bitte ihn, seinem Vater unbekannter Weise von mir zum Geburtstag zu gratulieren, und stapfe weiter bergauf, zusätzlich noch vom Lärm der nahen Autobahn begleitet.

Als der Lärm nicht mehr abgeebbt ist, mache ich Mittagspause, wieder auf einem der schönen Rastplätze auf dem SHS, diesmal an einem Hexentanzplatz bei einem kleinen Weiher. Einem japanischen Pärchen versuche ich noch auf Englisch zu erklären, was es mit einem Hexentanzplatz auf sich hat, dann geht’s weiter aufwärts bis zur Hedwigseiche. Sie ist benannt nach der Ehefrau des Komponisten Engelbert Humperdinck, der sich hier in diesem Hänsel-und Gretel-Wald gerne aufgehalten hat.

An dieser Stelle ist die letzte Barriere zum Rheintal überwunden und es geht zügig zum Vierseenblick, eine irreführende Bezeichnung, denn was man sieht sind nicht vier Seen sondern vier Abschnitte des Rheins, die allerdings wie viere Seen verstreut in der Landschaft zu liegen scheinen.

Ein paar hundert Meter weiter ist das Gedeonseck erreicht und ich blicke von 280 m hinunter auf die Reheinschleife und die Stadt Boppard. Ich bin überwältigt. Wow, ich hab’s geschafft von der Saarschleife bei Mettlach bis zur Rheinschleife bei Boppard – 26 Etappen auf dem SHS. Mit dem Sessellift schwebe ich nach Boppard hinunter, das gönn ich mir.

 

Saar-Hunsrücksteig III

1. Etappe: Herrstein – Reinhardtsmühle

14 km

190 m Aufstieg, 250 m Abstieg

2. Etappe: Reinhardtsmühle - Laufersweiler

22 km

340 m Aufstieg, 290 m Abstieg

3. Etappe: Laufersweiler – Sohren

12,5 km

280 m Aufstieg, 1900 m Abstieg

4. Etappe: Sohren - Altlay

12,5 km

130 m Aufstieg, 190 m Abstieg

5. Etappe: Altlay – Blankenrath

18 km

480 m Aufstieg, 420 m Abstieg

6. Etappe: Blankenrath - Mörsdorf

16 km

260 m Aufstieg, 330 m Abstieg

7. Etappe: Mörsdorf - Kastellaun

17 km

360 m Aufstieg, 270 m Abstie

8. Etappe: Kastellaun - Morshausen

28 km (15 km, wenn man bis Heyweiler fährt)

580 m Aufstieg, 680 m Abstieg

9. Etappe: Morshausen - Oppenhausen

17 km

450 m Aufstieg, 440 m Abstieg

10. Etappe: Oppenhausen - Boppard

19 km

450 m Aufstieg, 720 m Abstieg

 

Übernachtung

Hotel, Pension, Ferienwohnung

Übernachtungsmöglichkeiten sind

sehr dünn gesät, so dass eine

Vorausbuchung erforderlich ist.

 

Führer

Thomas Striebig: Saar-Hunsrück-Steig mit Soonwaldsteig

Bergverlag Rother, 1. Aufl. 2019

Zum Führer erscheint eine gesonderte Rezension in dieser Zeitschrift bzw. auf der Homepage von Netzwerk Weitwandern

 

 

 

Am Forellenhof ReinhardtsmühleKeltensiedlung AltburgIm Mühlbach der FußmühleDie Synagoge von LaufersweilerRömischer Wachturm bei DillAuf einem jüdischen FriedhofAm Mittelpunkt von Rheinland-PfalzDas "Bildchen"Durch den Peterswalder BachDie Geierlay-Hängebrücke bei MörsdorfVerdiente PauseWohnhaus von Jakob Kneip in MorshausenDie EhrenburgAuf dem HexentanzplatzFinito
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