Saar-Hunsrück-Steig, von Perl nach Trier

Nach dem Rheinsteig im vorigen Jahr nehme ich nun also den nächsten Premiumwanderweg unter die Füße: Den Saar-Hunsrück-Steig. Ich bin gespannt. Es soll einer der schönsten Fernwanderwege in Deutschland sein und auch derjenige mit dem niedrigsten Asfaltanteil in ganz Europa (weniger als 6%) – wenn das keine Ansage an verwöhnte Wanderhaxen  ist.

Apropos Europa: Es geht los in Perl im Dreiländereck Deutschland, Frankreich, Luxemburg. Perl kennt kaum jemand, aber das genau gegenüber auf der luxemburgischen Moselseite gelegene Schengen ist jedem Europäer natürlich ein Begriff, und sei es, weil er immer noch Euro in DM umrechnet. Aber es steht auch für Frieden und Freiheit in Europa. In dem Lokal, in dem ich in Perl zu Abend esse, wird das eindrücklich unterstrichen: Am Nachbartisch wird französisch parliert, ein Tisch weiter vergnügt sich ein deutsches Damenkränzchen im saarländer Platt und rechts von mir klingt’s lëtzebuergesch, und dazwischen bewegt sich, selbstverständlich dreisprachig, die freundliche Kellnerin. Ich merke, ich bin in Europa zu Hause.

Auf der ersten Etappe nach Hellendorf wandert man dann zunächst auch im Grenzgebiet zu Frankreich, z.T. sogar in unserem Nachbarland – Dreiländerblick inklusive, wenn man denn überhaupt etwas sehen würde. Aber Sturm und Regen erlauben leider nur die Sicht auf das, was unmittelbar vor mir ist. Das Sauwetter begleitet mich bis fast zum Ende der Etappe, wo ich wieder auf die alten Römer in Germanien stoße. Bei Borg wurde auf einem alten keltischen Siedlungsplatz eine römische Villa aus dem 2. Jhdt. n.Chr. entdeckt und originalgetreu rekonstruiert mit allem was dazu gehört: Torhaus, Herrenhaus, Villenbad, Taverne, Wohn- und Wirtschaftstrakt sowie einer ausgedehnten Gartenanlage, sogar den Nachbau eines römischen Streitwagens kann man bewundern, aber ausgegraben wird immer noch. Wie die meisten Kulturdenkmäler in Deutschland ist allerdings auch dieses, weiterwanderunfreundlich, montags geschlossen, denn man kann ja nicht einfach am nächsten Tag noch mal vorbeikomme. Dabei hätte ich mich angesichts der Wetterlage so gerne in der Taverne aufgewärmt und wie die alten Römer gespiesen. Der Garten der Villa gehört übrigens, wie auch der Barockgarten am Palais von Nell in Perl zum europäischen Projekt „Gärten ohne Grenzen“ bzw. „Jardins sans Limites“. Im Loosheimer Seegarten werde ich bei meiner Wanderung noch auf einen weiteren dieser Gärten treffen.

Heute wartet ein landschaftliches Highlight des Saar-Hunsrücksteges auf mich, aber man muss sich langsam herantasten. Zunächst führt der Weg durch sumpfige Bruchlandschaften. Immer wieder sind kleine murmelnde Bächlein auf Trittsteinen zu überqueren und suppige Tümpel mit moderndem Holz zu passieren. Dann geht es durch Weideland, Streuobstwiesen und Rapsfelder. Zaghaft noch kommt die Sonne hervor und lässt immer mal wieder das Weiß-Rosa der Obstbäume und das Gelb der Rapsblüten erstrahlen. Da wird mir dann so richtig bewusst, dass heute der Mai beginnt, in dem ja bekanntlich die Bäume gefährlich werden und ausschlagen. Für den Beginn des Wonnemonats spricht auch noch ein weiteres Indiz: Überall in den kleinen Orten am Weg bereiten emsige Mitglieder der freiwilligen Feuerwehren Bierausschank und Grillvergnügen für den Nachmittag vor.

Aber auch Kontemplation ist auf dieser Etappe gefragt. Eine Lourdes-Grotte mit einer über hundert Jahre alten Marienstatue liegt am Weg – da kann ein Dankgebet, dass man diese schöne Wanderung noch machen darf, nicht verkehrt sein. Beim Passieren des Europäischen Zentrums für Meditation in der ehemaligen Neumühle hingegen denke ich mir, als Weitwanderer, zudem noch solo unterwegs, brauchst du hier keine Seminare und Kurse zu buchen, das bekommst du beim Wandern alles frei Haus geliefert.

Bei Orscholz verändert sich die Landschaft. Ab dem Orkelfelsen wird sie steiniger, steiler und rauer. Nun ist es auch nicht mehr weit bis zum angekündigten landschaftlichen Höhepunkt: Die Saarschleife. Da steht man dann am Aussichtspunkt Cloef dicht gedrängt mit vielen anderen Ausflüglern und blickt auf dieses grandiose landschaftliche Spektakel herab. Auch das ist, obwohl man ja alles andere als alleine ist, ein durchaus kontemplativer Moment, der an einem kleinen Ausschnitt die große Schönheit unserer Erde sichtbar werden lässt.

Hier verlasse ich zunächst den Saar-Hunsrück-Steig und steige steil hinunter zur Saar. Ich will auf die Insel in der Saarschleife. Mit einer kleinen Fähre geht’s hinüber – einmal Bötchen fahren muss auf einer Wanderung sowieso sein – und dann noch eine halbe Stunde Aufstieg zur Ruine der Burg Montclair und die verspricht, schon von der Lage her, eine interessante Geschichte:

Die erste keltische Anlage an dieser Stelle verliert sich im Dunkel der Vergangenheit. Dann beginnt hier Mitte des 12. Jhdt. ein Lehrstück über politische Glaubwürdigkeit. Der Erzbischof von Trier erlaubt einem gewissen Arnulf eine Burg zu errichten unter folgenden Bedingungen: Er dürfe dem Erzbistum niemals Schaden zufügen, es sei ihm strikt verboten, an der Saar Zölle zu erheben, und er müsse dem Erzbischof jederzeit Zutritt zur Burg gewähren. Nun ist die Lage auf einer Insel in der Saarschleife natürlich prädestiniert, für jede Art von Raubrittertum und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass im Laufe der Zeit diese hehren Bedingungen das Papier nicht mehr wert waren, auf dem sie vereinbart worden waren. Es kam unweigerlich zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den Burgherren, die ihre Burg für uneinnehmbar hielten, und dem Erzbistum Trier. Lange war die Belagerung erfolglos, aber dann gelang es doch – vermutlich durch Verrat – den Burgbewohnern das Wasser abzusperren. Diese mussten sich am 22. Dezember 1251 ergeben. Am Heiligen Abend feierte der Bischof von Trier in der Burgkapelle noch die Weihnachtsmesse und ließ das Bauwerk dann dem Erdboden gleich machen. Mitte des 15. Jhdt. wurde erneut eine Burg errichtet, die aber, weit weniger dramatisch, später einfach verfiel. Die Nationalsozialisten wollten dann dort eine Reichsschulungsburg - Trutz-Saar – samt einer Thingstätte errichten; diese Pläne scheiterten aber glücklicherweise.

Von der Burgruine führt ein kommoder Wanderweg längs über die Insel bis nach Mettlach, dem Etappenziel. Schutzpatron des Ortes ist der heilige Lutvinus, ein fränkischer Herzog und späterer Bischof von Tier, der gegen Ende des 7. Jahrhunderts hier eine Benediktinerabtei gründete. Er ist in der gleichnamigen Kirche, die zahlreiche interessante Mosaiken enthält, bestattet. Heute ist Mettlach fest in der Hand der Keramikdynastie Villroy und Boch, die sich Ende des 19. und Anfang des 20 Jhdts. auch div. Schlösschen in der Stadt hat errichten lassen.

Die heutige Etappe habe ich für mich „Weg des Wassers“ getauft. Nicht das Wasser von oben ist gemeint, sondern dasjenige, von dem wir’s Wandern gelernt haben. In Mettlach verabschiedet sich die Saar von mir. An seiner Quelle empfängt mich dann der Petershornbach und begleitet mich lange mit seinem mal leisen, mal aufgeregten Gemurmel. Dann führt der Weg an einer Kette von Teichen vorbei, die vom Saarhölzbach gespeist werden. Dieser ist nun über etliche Kilometer links oder rechts des stetig ansteigenden Weges mein nicht zu überhörender Begleiter. Weiter geht’s im Petersbachtal und die letzten Kilometer bringt mich dann der Losheimer Bach zum Etappenziel, das, wie könnte es jetzt anders sein, am Losheimer Stausee liegt. Die meist schmalen Pfade entlang der Wasser sind einfach bezaubernd. Wenn nur nicht das ständige Rauschen des frischen kühlen Wassers, gerade bei dem jetzt sehr warmen, fast sommerlichen Wetter, auch ein ständiges Durstgefühl erzeugen würde und die heiß gelaufenen Füße nicht immer wieder signalisieren würden, dass sie doch jetzt bitteschön umgehend dort hinein getaucht werden möchten.

Wenn man Mettlach verlässt, begegnet man noch einmal den beiden „Schutzheiligen“ des Ortes. Der „Alte Turm“ ist das älteste sakrale Gebäude des Saarlandes. Das über 1000 Jahre alte Bauwerk wurde als Grabkapelle für den Hl. Lutvinus errichtet, dessen Gebeine ja jetzt in der gleichnamigen Kirche ruhen. Die aufwändige Restaurierung hat natürlich der andere „Schutzheilige“ finanziert, Villroy und Boch. Direkt neben dem alten Turm liegt die von Lutvinus gegründete ehem. Benediktinerabtei, heute der stilvolle Konzernsitz von Villroy und Boch. Ein Stück weiter aufwärts kommt man zum Schloss Ziegelberg und der „Planet Academy“, beide ebenfalls im Besitz des Keramikriesen. In Anspielung auf die Planet Academy dürfte wohl auch die Erdgeist-Skulptur von André Heller auf dem Firmengelände zu verstehen sein, die bei der Expo 2000 über dem Pavillon „Living Planet Square“ wachte.

Weiter bergauf treffe ich auf den Herrgottstein, einen alten Grenzstein mit vorchristlichen Kultzeichen und einer Inschrift von Josef Weber, die in gereimter Form noch einmal das Ende der Burg Montclair beschreibt:

Von Treviris kam hoch zu Ross
Herr Balduin mit seinem Tross.
Gen Montclair zogen Pferd und Mann
Zu strafen dort mit Blut und Bann.

Als Räuber war im ganzen Land
Jakob von Montclair bekannt.
Er nahm den Ärmsten Hab und Gut,
die Freiheit auch und auch das Blut.

Jetzt nahte für den Bösewicht
Das wohlverdiente Strafgericht.
Voll neuer Hoffnung die Bedrückten
Auf ihren starken Retter blickten.

So zog die tapfre Reiterschar
Von Freudenburg herab zur Saar,
vorbei an erntereifen Feldern
und dann durch Hunscheids große Wälder.

Ein neuer Tag war froh erwacht,
der letzte vor der großen Schlacht.
Im Osten zuckt es blutig rot
Und kündet Kampf und Heldentod.

Auf einem Hügel an der Saar
Stand schlicht aus Stein ein Feldaltar.
Hier wurde still und ohne Pracht
Das heilge Opfer dargebracht.

Mit dem, der einst vom Himmel stieg,
geht’s nun hinein in Kampf und Sieg.
Welch hehres Bild im Morgenschein
Und doch – wie mag’s am Abend sein?

Der Ort, wo der Altar einst stand,
wird heute Herrgottstein genannt.
Ein hohes Kreuz aus Holz und Stein
Schaut weit von hier ins Land hinein.

Von Montclair blieb nur wenig stehn,
nur Trümmer kann der Wandrer sehn.
So schwindet Zeit und Ruhm und Macht,
auch einst die Welt mit ihrer Pracht.


Nachdem ich mir diesen historischen Erguss zu Gemüte geführt habe, tauche ich dann ein in die bereits geschilderte Wunderwelt des Wassers, wobei der Weg zeitweise sogar auf dem alten Kontrollpfad für eine ehemalige Leitung zur Wasserversorgung von Saarhölzenbach verläuft. Kenntlich gemacht ist der Weg durch steinerne Stelen, damit man auch im Winter, bei hohem Schnee, dem Verlauf der Leitung folgen konnte.

War gestern der Weg des Wassers, dann ist die heutige Etappe vom Losheimer See nach Weiskirchen der Weg des Steines und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Da wären zunächst einmal die Quarzitfelsen entlang des Weges – in Wanderrichtung: Adelsfelsen, Bärenfelsen, Teufelsfelsen, Iltisfelsen, Hoher Felsen, Bärenfels und Eulenfels. Dazu ist natürlich ein kleiner geologischer Exkurs erforderlich: Ein Idealer Sandstrand mit 90% Quarzgehalt hat sich vor ca. 380 Millionen Jahren in einem Flachmeer mit starkem Wellengang abgelagert und sich dann unter hohem Druck und extremen Strumbedingungen zu bis zu 6 m mächtigen Quarzitbänken aussedimentiert. Diese erstecken sich als nahezu ununterbrochener Höhenzug vom Taunus durch den Hunsrück bis zur Saarschleife bei Mettlach. Da Quarzit besonders hart ist, bildet er diese einzeln stehenden Felsen aus, weil alles andere Gestein drum herum viel schneller verwittert.

Um diese Felsen haben sich im Laufe der Zeit auch viele Geschichten gerankt. So hat z.B. der Bärenfelsen nichts mit dort herumstreunenden Bären zu tun. Der Name rührt vielmehr daher, dass in früheren Zeiten der Schweinehirt von Scheiden dort seine Herde umhertrieb und männliche Exemplare auf Saarländisch „Bäär“ hießen. Entsprechend war die Sau, wenn sie es mal wieder brauchte „bäärig“. Konsequenterweise hätte der Felsen also „Bäärfelsen“ heißen müssen. Ob da in prüderer Zeit eine Umbenennung erfolgt ist?

Auch zum Teufelsfelsen gehört natürlich eine Geschichte: Vor langer Zeit versuchte der Teufel im Hunsrückischen möglichst viele unbedarfte Bauernseelen für seine schwarzen Messen zu gewinnen. Er versprach ihnen für ihre Seelen, die glitzernden Quarzitfelsen für sie in pures Gold zu verwandeln. Eine plietsche Bäuerin traute dem Braten aber nicht so recht und sagte, sie wolle ihm gerne ihre Seele und die ihrer beiden Töchter vermachen, wenn es ihm gelänge, diesen Felsen in einer Nacht bis zum Morgengrauen in Gold zu verwandeln. Der Teufel machte sich sogleich ans Werk, aber gegen Mitternacht wurde es ihm doch arg sauer. So gedachte er, sich ein wenig auszuruhen, um dann mit voller Kraft weitermachen zu können. Aber wie’s öfter so geht, der Teufel schlief ein und wachte erst beim ersten Hahnenschrei wieder auf. Wutentbrannt über seine Niederlage fuhr er – mit Blitz und Donner den Felsen spaltend – hinunter zur Hölle und wart fortan nicht mehr gesehen. Ob die Bäuerin ein solches Ende der Geschichte vorausgesehen hatte, ist nicht überliefert, ebenso wenig wie die Reaktion ihrer Mitmenschen auf das Verschwinden des Teufels und des Versprechens auf Reichtum.

Der zweite Grund, diese Etappe den Weg des Steines zu nennen, sind die steinernen Zeugen einer keltischen Burganlage. Diese bauten dann die Römer zu einer größeren Burg aus, die noch bis ins frühe Mittelalter existierte. Heute sind allerdings nur noch im Wald verstreute Steinanordnungen erkennbar.

Der dritte Grund schließlich sind eine Reihe von historischen Grenzsteinen entlang eines Wegabschnitts, mit denen die Gemeinden Scheiden und Zerf 1774 ihre Einflussbereiche abgesteckt hatten. Heute verläuft auf diesem Grenzweg exakt die Landesgrenze zwischen dem Saarland und Rheinland-Pfalz.

Die gesamte Etappe ist landschaftlich großartig und wenn man sich die Zeit nimmt, kurze vor Ende der Etappe Wisenten in einem riesigen Gehege beim Äsen, Dösen und Sich-im-Sand-Wälzen – alles in slow motion – zuzuschauen, kommt man ganz entspannt am Etappenziel an.

Die nächste Etappe führt nahezu komplett durch bewaldetes Gebiet und das Etappenziel ist auch kein Ort sondern ein Gasthof – der Grimburger Hof -, der ebenfalls direkt im Wald liegt. D.h., hier sollte eine Übernachtung rechtzeitig vorbestellt werden, da es weder fußläufig noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine erreichbare Alternative gibt, wenn man für die Nacht ein Bett haben möchte. Die Etappe ist aber keinesfalls eintönig, denn man erlebt Wald in seinen vielfältigsten Facetten. Da gibt es die Fichtenmonokultur, in der jeder Sturm seine Spuren hinterlassen hat und den Mischwald, der davon kaum in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Man wandert durch den wirtschaftlich in großem Stil genutzten Wald wie den kleinen Privatwald, aus dem der Besitzer mit seinem Filius gerade das Kaminholz holt. Der wirtschaftlich nicht nutzbare Bruchwald liegt ebenso auf dem Weg wie der gezielt als Urwald belassene Wald in einem Naturschutzgebiet. Also genau hinzuschauen und mit ein paar „Waldprofis“ zu schnacken, auf die man unterwegs trifft, kann auch eine eintägige Wanderung durch den Wald sehr interessant machen.

Ein paar schöne Geschichten vom Waldrand gibt es natürlich auch. An selbigem treffe ich, auf der Suche nach einem geeigneten Plätzchen für meine Mittagspause auf eine kleine Kapelle und erfahre: Der Anna Maria Kus aus Reidelbach ihre drei Schwiegersöhne lagen im 2. Weltkrieg an der hart umkämpften Ostfront. Sie gelobte, falls sie unversehrt zurückkehren sollten, eine Kapelle zu stiften. Leider kehrten nur zwei zurück aber sie bestand darauf, die Kapelle dennoch zu bauen. Und so wurde sie dann in Eigenregie, quasi als Do-It-Yourself-Kapelle von ihrer Familie errichtet. Ein unbekannter Dichter hat ihr zum 50-jährigen Bestehen auch literarisch ein Denkmal gesetzt:

Droben steht die Kapelle
Schaut zurück auf 50 Jahr.
Manch Gebet an dieser Schwelle
Ward erhöret immerdar.

Ein Versprechen gab die Ahne,
ließ das Kapellchen hier erbauen.
Nach des Krieges harter Tage
Still hinab aufs Dörfchen schauen.

Dem Herzen Jesu ward’s geweihet,
Lob und Preis zu jeder Zeit.
Drum sei hoch gebenedeiet,
sei gelobt in Ewigkeit.

Lass die Verstorbnen ruhn in Frieden,
schenke ihnen ewge Ruh.
Segne alle hier auf Erden.
Das erflehn wir immerzu.

Sinnigerweise hat man später direkt neben der Kapelle einen Schießstand errichtet.

Eine andere schöne Waldrandgeschichte ist die Hochwaldalm. Eine richtige urige Almhütte mit ausgedehnten Viehweiden drum rum. Hin und wieder soll man dort, so erzählen einige Gäste, sogar einen zünftigen Kaiserschmarrn bekommen – für mich gibt’s aber nur Kaffee mit Käsekuchen. Fehlt eigentlich nur noch, dass der Wanderer auf dem Saar-Hunsrück-Steig auch mit einem kräftigen saarländischen Jodler begrüßt wird.

Und dann ist da noch die Grimburg, nicht am Waldrand aber den Wald überragend. 1190 vom Trierer Erzbischof Johann I errichtet, erhielten die Bewohner der Vorburg 1322 sogar Stadtrechte. 1522 konnte Franz von Sickingen, Reichsritter, Staatsfeind, Killer und Held, die Burg, begünstigt durch Verrat, kampflos einnehmen und im Namen der Reformation das kurfürstliche Trier herausfordern. Ironie der Geschichte: Um 1600 fanden auf der Burg Hexenprozesse mit, wie es hieß, „allen Mitteln der Wahrheitsfindung“ statt – der Hexentrum steht heute noch. Ab 1690 wurde die Grimburg verlassen und versank in einen nahezu dreihundertjährigen Dornröschenschlaf, bis sie 1978 wieder freigelegt wurde und, getragen durch einen Förderverein, Restaurierungsarbeiten begannen. Gruppen können dort auf Voranmeldung auch zünftig aber spartanisch übernachten. Ich ziehe nach einem wunderschönen, sonnigen Wandertag ein Bett im unterhalb der Burg gelegenen Grimburger Hof vor, in dem ich zufrieden einen guten Roten schlürfen kann.

Die Etappe vom Grimburger Hof nach Holzerath hält einige interessante Naturdenkmäler bereit. Zunächst folge ich dem Wadrilltal, eine idyllische, manchmal etwas verwunschene Bachauenlandschaft. Dann gabelt sich der Saar-Hunsrück-Steig in die Variante nach Boppard und diejenige nach Trier. Direkt an der Weggabelung liegt ein kleiner Stausee. Dieser ist aber nicht durch Menschenhand sondern durch Biberzahn entstanden. Der Weg verlässt jetzt das Hochwaldgebiet und taucht ein in den Kellerwald und das Einzugsgebiet der Ruwer. Ich überquere ein kleines Rinnsal, das bereits diesen Namen trägt und ihn später an die bekannte Weinregion Mosel-Saar-Ruwer weitergeben wird.

Nach einer Mittagspause an einem kleinen versteckten Waldweiher begegne ich einer mindestens 170 Jahre alten Ruwerfichte, die ihr Geäst schon 40 m in die Höhe streckt und es inzwischen auf einen Umfang von über 4 m gebracht hat – der stärkste Baum im Kellerwald, wie mich eine Infotafel belehrt. Sie wird schon seit Generationen von Forstleuten gehätschelt und gepflegt, damit sie ihr natürliches Lebensalter erreicht – wer weiß, wo das liegt -, um dann in den langsamen, Lebensraum spendenden Zerfall überzugehen. In ihrem Holz sind bereits jetzt 14 t CO2  gespeichert – ein wahrhaft generationenübergreifendes Projekt.

Kurz darauf lerne ich, dass es nicht nur eine Waldschule sondern auch einen Schulwald gibt. Hier wachsen diverse nicht-heimische Nadelhölzer heran, um zu testen, in wieweit sie, insbesondere auch angesichts des fortschreitenden Klimawandels, eine Option für den zukünftigen Wirtschaftswald sein könnten.

Durch gelbe Wolken von Blütenstaub, den der Wind von den Fichten davonträgt und der auch meinen abgelatschten Wanderschuhen ein peppiges neues Outfit verleiht, und nach Querung der alten Trasse der Hochwaldbahn von Trier durchs Ruwertal gelangt man zum Stausee von Kell. Dieser ist von Menschenhand angelegt worden und ist Zentrum eines weitläufigen Ferienparks mit allem, was Kinderherzen höher schlagen lässt. Hier wird bei strahlendem Sonnenschein auf einer Terrasse direkt am Seeufer erst mal kaffeesiert, wie man bei uns in Bremn so sacht.

Nicht in die Zukunft, sondern weit in die Vergangenheit, so bis etwa 500 v. Chr., lässt mich das nächste Naturdenkmal blicken, der Weyrichsbruch, ein Quellmoor am Rösterkopf. Bis ins 18. Jhdt. gab es davon relativ viele im Hunsrück, heute sind Quellmoore mit intaktem Wasserhaushalt selten geworden. Die Frage nach der Entstehung solcher Moore führt uns wieder zu den Quarziten. Deren Schutt kann nämlich wie ein Schwamm das Wasser speichern, das dann, extrem mineralstoffarm, langsam aber stetig wieder heraus sickert. Trifft es dann auf eine wasserstauende Schicht, können dort im Laufe der Zeit Moorpflanzen eine mehrere Meter mächtige Torfdecke aufbauen. Dieses einzigartige Gebiet darf nur auf einem Knüppeldamm überquert werden, um das sehr sensible Ökosystem zu schonen.

Kurz nach dem Weyrichsbruch verlasse ich dann den Saar-Hunsrück-Steig um mein Hotel in Holzerath anzusteuern. Im milden Abendsonnenschein kann ich dort schon mal einen Ruwer-Riesling aus Waldrach verkosten, das ich morgen auf meiner letzten Etappe durchqueren werde.

Heute geht es schon auf die letze Etappe nach Trier, erst mal querbeet durch die Wiesen, bis ich den Saar-Hunsrück-Steig, den ich gestern aus übernachtungsstrategischen Gründen verlassen musste, wieder erreiche. Nun ist es nicht mehr weit bis zur Riveristalsperre, die die Trierer mit dem bisschen Trinkwasser versorgt, das sie neben dem Wein noch brauchen. Obwohl künstlich angelegt, fügt sich der Stausee sehr harmonisch und naturnah in die wunderschöne Umgebung ein. In der Nähe stoße ich noch einmal auf einen Quarzitgang, den Langenstein, der ca. 10 m aus dem Waldboden emporragt und als Naturdenkmal geschützt ist. Von dort geht es steil hinunter ins Ruwertal. Waldrach ist dann die erste Weinbaugemeinde im kleinen aber feinen Ruwer-Anbaugebiet. Die Ruwer, die ich gestern noch als kleines Rinnsal, fern aller bacchantischen Fantasien, überquert habe, hat sich binnen Kurzem zu einem flachen aber veritablen Flüsschen gemausert. An ihrem Ufer stoße ich noch auf die Überreste einer römischen Wasserleitung, eine 2000 Jahre alte technische Meisterleistung, durch die täglich 600 000 l Wasser nach Trier befördert wurden. Das antike Augustus Treverorum bezog also sein Trinkwasser aus derselben Region wie das moderne Trier.

In Kasel, der bekanntesten Weinbaugemeinde des Ruwertals besuche ich das Weingut derer von Nell-Breuning und so schließt sich ein Kreis zum Anfang der Wanderung: Das Palais und der Barockgarten von Nell in Perl gehört nämlich auch zur Familie ebenso wie der bekannte katholische Sozialtheologe Oswald von Nell-Breuning. Er war es übrigens, der seinem Neffen erlaubte, den Namen des Dominikanerweingutes mit dem Zusatz „Breuning“ zu versehen.

Die letzten Kilometer bis in die Trierer Innenstadt fahre ich dann mit dem Bus, weil Pflaster treten durch Vorstädte nicht so mein Ding ist. Als ich an der Porta Nigra aussteige stehe ich direkt vor der von den Chinesen zum Marx-Jubiläum gestifteten Kolossalstatue des Autors vom „Kapital“. Nebenbei, von Nell-Breunig hat oft und gern auf ihn zurückgegriffen.

Mein subjektives Fazit dieses ersten Abschnitts des Saar-Hunsrück-Steigs in der Variante bis Trier: Ein landschaftlich reizvoller, sehr abwechslungsreicher Wanderweg, der mit einer einzigen Ausnahme – an einer relevanten Wegkreuzung fehlte ein entscheidender Hinweis – durchgehend hervorragend markiert ist. Es gibt viel Interessantes am Weg zu entdecken – ich hoffe, mein Bericht konnte etwas davon rüberbringen. Man sammelt zwar seine Höhenmeter, aber das passiert eher nebenbei, da der Weg in stetigem Auf und Ab in der Regel ganz kommode zu bewältigen ist. Auch das Versprechen eines sehr niedrigen Asfaltanteils wird eingelöst. Es gibt immer wieder Rastplätze, Schutzhütten und Unterstande. Einkehrmöglichkeiten, die ohne große Umwege erreichbar sind, sind allerding rar ebenso wie Unterkunftsmöglichkeiten, sieht man mal von Perl und Mettlach ab, wo es eine gewisse Auswahl gibt. Alles in Allem kann ich den Saar-Hunsrück-Steig auf diesem Abschnitt jedem Weitwanderer nur sehr empfehlen.

Saar-Hunsrücksteig

1. Etappe: Perl – Hellendorf

17,5 km
545 m Aufstieg, 320 m Abstieg

2. Etappe: Hellendorf - Mettlach

17 km
350 m Aufstieg, 550 m Abstieg

3. Etappe: Mettlach – Losheim am See

23,5 km
670 m Aufstieg, 520 m Abstieg

4. Etappe: Losheim am See - Weiskirchen

15,5 km
485 m Aufstieg, 400 m Abstieg

5. Etappe: Weiskirchen – Grimburger Hof

18 km
615 m Aufstieg, 640 m Abstieg

6. Etappe: Grimburger Hof - Bonerath

20 km
600 m Aufstieg, 630 m Abstieg

7. Etappe: Bonerath- Trier

25 km
520 m Aufstieg, 500 m Abstieg

Übernachtung

Hotel, Pension, Ferienwohnung
Übernachtungsmöglichkeiten sind z.T. dünn gesät, so dass sich eine Vorausbuchung in der Regel empfiehlt.

Führer

Hikeline Wanderführer Saar-Hunsrück-Steig
Verlag Esterbauer, 2. Aufl. 2017
www.esterbauer.com

Auch dieser Wanderführer findet keine überzeugende Lösung, einen Weg zu beschreiben, der hervorragend markiert ist. Die Wegbeschreibungen sind schlicht überflüssig. Es gibt aber div. Hinweise zu Interessantem am Weg. Auch die Kärtchen zu jeder Etappe im Maßstab1:35000 sind recht informativ. Das Unterkunftsverzeichnis am Ende des Buches ist sehr hilfreich

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