Ick loof, weil’s mi gfreit!

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Ick loof, weil’s mi gfreit!
Daniel Krezdorn
Deutsch
2021
1
220
19
12
1,4
978-3-7534-2515-3

Naturbaden bei Wind und Wetter

Coronapausen sinnvoll nutzen – das war in den vergangenen beiden Jahren fast ein Sport. Sportlich ausgefallen ist auch Daniel Krezdorns Wanderung durch Deutschland. Dafür hat er keine der großen Wanderrouten gewählt, sondern lediglich Start und Ziel. Seine Tour führte ihn durch die sandigen, flachen Gebiete Brandenburgs, über die Mittelgebirge und wald- und wasserreichen Gebiete in Sachsen sowie durch Franken bis ins stark wirtschafts- und kulturlandschaftlich geprägte Oberbayern. Über dieses Deutschlandabenteuer hat er ein Buch geschrieben. Katharina Wegelt hat mit ihm über Tour und Buch geredet. 

„Ick loof, weil’s mi gfreit!“ - der Titel Ihres in diesem Jahr erschienenen Buches - verrät es ja schon: Es geht von Preußen nach Bayern, genauer von Berlin nach München. Diese Strecke ist jetzt nicht unbedingt als Wanderroute bekannt ... 

Daniel Krezdorn: Nein, nicht wirklich und wenn die persönlichen Umstände anders gewesen wären, wäre mir diese Relation sicher auch nicht als Erste für eine Wanderung eingefallen. 

Warum haben Sie sich dann für genau diese Tour entschieden? 

Daniel Krezdorn: Familiär stand ein Umzug nach München bevor und mir ist aufgefallen: Ich kenne die Gegend kaum, die zwischen den Städten liegt. Da ich in der Zeit eine Dokumentation über die Walz der Handwerker gesehen hatte und ich ohnehin irgendwann einmal eine längere Reise zu Fuß unternehmen wollte, dachte ich mir, warum nicht jetzt. Start- und Endpunkte waren sozusagen zufällig von außen gegeben und ich musste „nur“ überlegen, wie und wo ich dazwischen entlang laufen möchte. 

... und dann sind Sie einfach losgelaufen? 

Daniel Krezdorn: Naja, ganz so einfach war's dann doch nicht. Aber ja, nach der Planung von Route, Übernachtungen und Zeitraum bin ich mit Sack und Pack morgens in den Regionalzug zum Startort gestiegen und losgelaufen. Ein bisschen unwirklich wirkte das Ganze am Anfang schon auf mich, aber nach ein paar Tagen fühlte es sich fast so an, als sei es das Normalste auf der Welt.

Das Normalste der Welt - obwohl diese Weitwanderung eine Premiere für Sie war? 

Daniel Krezdorn: Fast das Normalste :) Ja, es war eine Premiere für mich, aber ganz wanderunerfahren bin ich auch nicht. Ich hatte aber anfangs befürchtet, dass die Füße nach so vielen Kilometern so stark schmerzen oder ich mir sogar eine Blase laufe oder mir irgendetwas anderes fehlt und es dann nicht weitergeht. Mit den Tagen entwickelte sich aber eine Art Routine und ich dachte nicht mehr so sehr an die gesamte Strecke, sondern nur an den jeweiligen Tag und was mich entlang der Strecke erwarten würde. Das fühlte sich dann für mich irgendwie normal an, fast so, als hätte ich das schon häufiger gemacht. 

Wenn man häufiger auf einer Weitwanderung war, wird u.a. die Vorbereitung zur Routine. Wie haben Sie diese Tour vorbereitet, wo die beste Hilfe oder gute Tipps bekommen? 

Daniel Krezdorn: Zunächst habe ich nach einer bestehenden Verbindung gesucht und keine gefunden. Dann habe ich online auf verschiedenen Portalen (u.a. auch dem Netzwerk Weitwandern) nach Fernwegen gesucht und mir auch eine Übersichtskarte zu den deutschen (Jakobs- und) Europawanderwegen gekauft. So bin ich auf die Via Imperii gekommen, die mich bis Hof bringen sollte und wusste, dass ab Regensburg ein Jakobsweg nach München führt. Dazwischen habe ich mir aus regionalen Wanderwegen und der Hilfe von Openstreetmap eine Grobroute zusammengelegt. Über Online-Portale mit Pensionen und Gast höfen habe ich auch die Unterkünfte gefunden und dann die Route feingeplant. 

Bei der Ausrüstung habe ich mich primär an die Tipps zweier Bekannter gehalten. Der eine hatte eine 2-wöchige Wandertour in der schwedischen Wildnis hinter sich, der andere vor einigen Jahren eine Alpenüberquerung gewagt. Einiges an Ausrüstung hatte ich schon, den Rest habe ich mir geliehen oder noch besorgt. Durch andere Rucksackreisen und Bergtouren hatte ich auch schon ein wenig Ahnung bezüglich Rucksack packen und Fokussierung auf das wirklich Notwendige. Darauf habe ich vertraut und es darauf ankommen lassen; ich wusste ja, dass ich nicht im Outback unter wegs war und bei Problemen auch während der Tour noch Sachen ändern konnte. Es war ja schlussendlich dann auch so, dass ich die allzu warmen Kleidungsteile nach drei Tagen zurückgeschickt habe. 

Die warmen Sachen hätten Sie ja notfalls auch nochmal kaufen können :-)) ... Aber Rucksackerleichterung ist immer klasse. Was würden Sie insgesamt vielleicht als Ihren größten Fehler auf dieser Tour ansehen - oder ist alles glatt gegangen? 

Daniel Krezdorn: So wirklich große Fehler gab es eigentlich keine, außer vielleicht die Ruhephasen. Ich hatte nur zwei Ruhetage eingeplant, auch weil ich zwischen den ersten beiden Corona-Wellen unterwegs war und etwas die Befürchtung hatte, dass wieder ein Lockdown kommt. Da wollte ich möglichst viel der gesamten Tour schaffen, am Ende war’s ja dann glücklicherweise die ganze Strecke. 

Aber wenn ich jetzt noch einmal planen würde, würde ich alle 5 bis 6 Tage einen Ruhetag oder eine sehr kurze Tagestour mit 5 bis 7 km einlegen. Dann können sich die Füße und der Rücken etwas erholen und man startet frisch in den nächsten Abschnitt. Nochmal kaufen musste ich zum Glück auch nichts; ich hätte mir auch eher an einen festen Punkt postlagernd etwas schicken lassen. 

Wenn Sie die Tour Revue passieren lassen: Gab es Überraschungen? 

Daniel Krezdorn: Ja. Doch gab es schon. Ich würde sagen drei. 

Zum Einen das Neuseenland südlich von Leipzig. Die ehemalige, dreckige Braunkohleregion ist mittlerweile sehr schön geworden: Viele große Seen, dazwischen Wald und sandige, heideartige Landschaft. Wenn nicht das Kraftwerk bei Böhlen noch wäre, würde man von der Vergangenheit fast gar nichts merken. 

Wie hügelig es dann plötzlich südlich von Altenburg wurde. Bis dorthin war es vergleichweise flach und dann kamen plötzlich die ersten An- und Abstiege. Ich hätte erst hinter Zwickau damit gerechnet. 

Das Vogtland hatte ich mir sehr schön vorgestellt und das war es dann schlussendlich auch. Dass man aber auch im Fichtelgebirge so schön und vor allem ungestört laufen kann, hat mich sehr positiv überrascht. Ich dachte es ist zwar eine Hügelkette, also schon bergiger, aber dass es dann auch richtige kleine, von Pilzen gesäumte Wanderpfade gab und überall kleine Bächlein sprudeln, damit hatte ich nicht gerechnet. Dazu kam, dass ich - vielleicht auch wegen der Jahreszeit - mehr oder weniger allein unterwegs war. Das habe ich zusätzlich genossen. Ich kenne viele Wege im Voralpenland und dort kann man teilweise schon froh sein, wenn man 5 bis 10 Minuten niemanden trifft. 

Man hört, Sie lieben die Natur, das Unterwegs sein in ihr. Das haben Sie aber nicht erst durchs Weitwandern entdeckt. Sie haben schon eine Buch geschrieben: „Waldbaden tut gut“. Hier verbinden Sie die Wohltat des Aufenthalts im Wald mit dem Wandern. Ist für Sie Weitwandern jetzt vielleicht eine besondere Form des Waldbadens oder besser Naturbadens? 

Daniel Krezdorn: Ja, das stimmt: Ich bin gerne in der Natur unterwegs. Ich denke, es gibt aber kaum jemand, der das nicht mag. Innerlich hatte ich immer den Eindruck, dass Naturausflüge mich entspannen und mir gut tun. Als ich dann 2018 davon gelesen hatte, dass erste wissenschaftliche Untersuchungen eine positive Wirkung des Waldes auf unser Immunsystem und die Psyche vermuten ließen, fühlte ich mich in meinem Gefühl bestätigt. So ist dann auch das kleine Büchlein zum Waldbaden entstanden. Auf der Weitwanderung gab es zwar auch längere Waldabschnitte, als intensiveres Waldbaden würde ich es aber trotzdem nicht sehen. Dafür war ich dann für meinen Geschmack zu schwer bepackt und hatte ja auch ein klares Tagesziel außerhalb des Waldes. Aber dennoch war die Weitwanderung für mich ein sehr intensives Naturerlebnis, ja sogar Naturbaden, da ich durch verschiedene Landschaften bei jedem Wind und Wetter gestapft bin. Man ist ja mehr oder weniger ohne Hilfsmittel nur mit seiner eigenen Beine Kraft unterwegs und dieser Fokus auf weniges Wesentliches: die Umgebung, das Laufen, das Wetter, Essen, Schlafen erdet einen sehr. Durch die Weitwanderung hatte ich das aber nicht nur ein paar Tage, sondern fast einen ganzen Monat, was ich als sehr schön und wohltuend empfand. Vielleicht gibt es in ein paar Jahren auch dazu Studien, die die körperlichen und seelischen Veränderungen durchs Fernwandern untersuchen :) 

Sie klingen begeistert. Wir dürfen also jetzt schon gespannt sein auf ein nächstes Buch zu einer Weitwanderung? Von welcher Tour könnte es handeln? 

Daniel Krezdorn: Prinzipiell mag ich es gerne, unbekannte Wege und Regionen auszukundschaften. Dann sieht man etwas Neues und ist fernab der teilweise sehr überlaufenen Haupt-Urlaubs-/Ausflugsrouten. Eine konkrete Tour habe ich noch keine, aber viele Ideen im Kopf. Ich habe nach wie vor nicht das Gefühl, Deutschland gut zu kennen, deswegen wird es wahrscheinlich wieder im eigenen Land sein. Das Werra-Tal, die schwäbische Alb, der bayerische Wald, das Bergische Land, Sauer land und die Lüneburger Heide sind Regionen, die ich auf jeden Fall irgendwann besuchen möchte. Was sich davon wie verbinden lässt, muss ich mir noch überlegen, aber ich bin ja noch jung :) 

Danke für das Interview. Wir wünschen Ihnen viele schöne und spannende Wald- und Naturbaden-Erlebnisse und freuen uns, wieder von Ihnen zu lesen. 

krezdornDaniel Krezdorn 
Geboren in München vor 34 Jahren,
zahlreiche Rucksackreisen u.a. in Süd- und Nordamerika, Skandinavien, Spanien und Ozeanien.
Lebte bis zur Wanderung in Berlin und davor auch in Aachen und Barcelona.
Studium Wirtschaftsingenieur und anschließende Promotion.
Tätigkeiten im Gesundheitswesen. 

Mehr: www.draussentutgut.de 

Interview mit  Weitwanderer und Buchautor Daniel Krezdorn zu seiner Wanderung von Berlin nach München und dem draus entstandenen Buch "Ick loof, weil’s mi gfreit!"

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