Rothaarsteig

Eine Besprechung des Rothaarsteiges von Frank Rainer Scheck:

Muß man sich das mitteleuropäische Weitwandern der Zukunft wie folgt vorstellen? Eine Region – hier die Landstriche um den Rothaarkamm – will seine Vermarktung ausbauen; die ökonomischen Interessenten, primär: die Gastronomie, gründen vermittels der bestehenden Touristikzentren einen Dachverein (hier: Rothaarsteigverein); dieser Verein läßt einen durchgehenden Wanderweg auf dem Kamm markieren, der, je nach Leistungsfähigkeit des Weitwanderers, in 6, 8 oder 12 Tagen zu bewältigen ist, und entwirft, um die Basis der ökonomisch interessierten Einzahler zu verbreitern, 84 (!) Zugangswege von den Dörfern oder Städtchen westlich und östlich des Rothaargebirges hinauf zur Kammtrasse. So jedenfalls hat es der Rothaarsteigverein vorgemacht – ein Beispiel, dem andere Regionen, von der Sächsischen Schweiz bis in den Teutoburger Wald, peu à peu folgen könnten.Denn das clevere Rothaarsteig-Konzept ist vom Publikum ‚angenommen’ worden, bezeugt allein durch den Umstand, daß binnen eines halben Jahres eine Nachauflage des wegbegleitenden „ErlebnisWanderführers“ erscheinen konnte. Ihre pekuniären Möglichkeiten erlauben einer geschäftlich wohlgrundierten Initiative eben – und deshalb wohl die breite Akzeptanz - eine ganz andere Ausstattung und publizistische Förderung des Wegs als z.B. dem Sauerländischen Gebirgs-Verein, der seine Freiwilligen auf good-will-Basis in die Wälder schickt und penibel abrechnet über jeden verbrauchten Farbeimer. Wo der SGV mit seinen X 6- oder X 13-Markierungen auf Baumstämmen ‚kleckern‘ muß, kann der Rothaarsteigverein mit seinem Signalement ‚klotzen‘, dazu Wegweiser mit exakten Kilometerangaben errichten, Signalpfosten in offenem Gelände einrammen, die Wirtsbetriebe am Weg auf Gastfreundschaft für den Wanderer verpflichten, einen hochklassigen Wanderführer produzieren (s.u.), für entsprechende Werbung in Regionalzeitungen sorgen, etc. pp.

Dabei ist das Konzept des Rothaarsteigvereins keineswegs besonders originell. Schon der „Sauerland-Höhenring“, der (Stuttgart 1981) von Wilfried Schmidt in einem „Kompass Wanderführer“ des Deutschen Wanderverlags vorgestellt wurde, entwarf eine Linie, die über mehrere Etappen zwischen dem Rhein-Weser-Turm und Brilon der des jetzigen Rothaarsteig ähnelt. Aber der Rundweg von ehedem war eine gedachte Route („Der Sauerlandhöhenring hat kein eigenes Wegzeichen“- Wilfried Schmidt), es fehlte ihm der finanzielle Vortrieb. Dagegen umranken die kommerziellen Interessen der Rothaarsteig-Wegbetreiber bereits den Namen des Unternehmens: „Das Rothaarsteig-Logo ist ein geschütztes Markenzeichen“, heißt es im Wanderführer. Das erscheint nur folgerichtig, trägt die Bezeichnung selbst doch alle Geburtsmale der Werbebranche.

Wo wäre denn auf der ganzen Strecke auch nur die Andeutung eines schmalen, steilen Gebirgspfads zu finden? Vielmehr geht man durchweg auf Forst- oder Wiesenwegen, im Bereich der Ortschaften (z.B. Brilon, Winterberg, Dillenburg – hier eine unschöne Stadtrandstrecke) unweigerlich auch auf Asphalt. Pfadpassagen sind selten und niemals solcher Art, daß man von einem Steig sprechen könnte; schon gar nicht läßt die 154 km lange Trasse sich als Ganzes so bezeichnen. Aber den Verantwortlichen ging und geht es bei ihrer nomenklatorischen Fiktion natürlich nicht um sachgerechte Benennung, sondern um eine griffige Reklamefloskel, die Kernerlebnisse des anspruchsvollen Bergwanderns suggestiv in die Rothaar-Hügellandschaft transponieren soll.

Werbestategisch noch ungenierter kommt der schnulzige Beititel „Weg der Sinne“ daher, mit dem man den Rothaarsteig garniert hat. Er wird ergänzt durch wiederkehrende Worthülsen wie der von den „schwingenden Landschaften“ des Rothaargebirges. Natürlich ist ein stromlinienförmiges Projekt wie der Rothaarsteig auf Weitervermarktung zugeschnitten. So offeriert der Trägerverein uns einen „Rothaarsteig-Rucksack“ und ein „Rothaarsteig-Sitzkissen“, und während Outdoor-Spezialisten wie Fjäll Räven, Jack Wolfskin und VAUDE mit einschlägigen Angeboten begehrlich den Spuren der Rothaarsteiger folgen, bietet der Erdenklang Musikverlag eine CD mit „Klangcollagen vom Weg der Sinne“ an.

Ebensowenig mangelt es an Poster- und Postkartenangeboten. Auch wer einerseits - gewiß nicht nur aus unverbesserlichem Individualismus heraus - eine Kommerzialisierung des Weitwanderns ablehnt, kommt andererseits nicht umhin, die Annehmlichkeiten tourismusorganisatorischer Professionalität zu würdigen. Sie äußern sich etwa darin, daß auf dem Rothaarsteig des Jahres 2003 kein halbwegs gescheiter Wanderer angesichts dichter, zuweilen fast kleinlicher Wegmarkierung fehlgehen kann (während die Signale der wegidentischen lokalen Wanderwege oder regionalen Weitwege teils verblaßt, teils durch Holzschlag beseitigt sind und man sehr viel mehr Mühe hätte, mit ihnen auf der richtigen Spur zu bleiben).

Übrigens ist der Rothaarsteig im Süden in noch engerem Takt, gelegentlich auch mit Metallschildchen, bezeichnet als in seinem Nordabschnitt. Ob aufgemalt oder aufgeschraubt - jeweils zieht sich im Zentrum eines rotgrundigen (bei den Zugangswegen: gelbgrundigen) Quadratfelds über einer weißen, leicht aufgewölbten Grundlinie eine rechtsaufwärts gestreckte Wellenlinie hin, so daß im Ganzen ein schmales, liegendes R als Logo lesbar wird. Der Professionalität des Geländesignalements entspricht die des „ErlebnisWanderführers".

Abschließend noch einmal zurück zur oben angeschnittenen Problematik der Wanderweg-Kommerzialisierung. Die Vorteile geldkräftigen Engagements liegen auf der Hand, und es sei angefügt, daß im Zuge ihres Ausbaus entlang der prominent gewordenen Rothaartrasse zwei neue Schutzhütten, eine davon auf dem Dreiherrnstein, entstanden sind. Negativer könnten mittelfristig dennoch die Auswirkungen sein, die der gesponserte Erfolg des Rothaar-Höhenwegs auf die Erhaltung der Wegestruktur im Umfeld hat. Was wird mit den benachbarten Wegen, von Wandervereinamateuren beharrlich (wiewohl vielleicht schwächer und nicht nachhaltig genug) markiert, die unter die Dominanz des Rothaarsteigs geraten sind? Der Bessere ist bekanntlich der Feind des Guten. Denkbar, daß sich das Rothaarsteig-System mit seinen Varianten und der Vielzahl seiner Zugangwege für diese Wegtrassen letztlich als erdrückend erweist und nur die kommerzielle Wegstruktur überlebt.

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Dillenburg
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